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Putins irrer Krieg: Wie lange noch und zu welchem Preis?

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Ukrainische Flüchtlinge: "Wir haben Angst um uns"

Ukrainische Flüchtlinge- Wir haben Angst um uns

Hunderttausende Ukrainer sind auf der Flucht. FUNKE-Reporter Jan Jessen berichtet vom Bahnhof Lwiw (Lemberg).

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Berlin.  Putins Zerstörungslogik erinnert an die dunkelsten Zeiten europäischer Geschichte. Trotzdem muss der Westen nun kühlen Kopf bewahren.

Angesichts der täglich wachsenden Brutalität des Ukraine-Kriegs stellt sich die Frage: Wo ist das Ende und wie hoch ist der Preis? Nachdem sein Kalkül vom schnellen Durchmarsch nicht aufgegangen ist, dreht Russlands Präsident Wladimir Putin an einer gewaltigen Eskalationsspirale. Er lässt Krankenhäuser, Geburtskliniken, Schulen, Wohnviertel und Flüchtlinge bombardieren – ohne Rücksicht auf Verluste.

Und er will ukrainische Städte einkesseln und aushungern. An der rund 500.000 Einwohner zählenden Stadt Metropole Mariupol am Schwarzen Meer soll offensichtlich ein Exempel statuiert werden. Eine barbarische Zerstörungslogik, die an die dunkelsten Zeiten europäischer Geschichte erinnert.

Putins Vernichtungskrieg gegen die ukrainischen Städte hat Ähnlichkeit mit den grausamen russischen Attacken gegen Aleppo (Syrien) und Grosny (Tschetschenien). Der von Moskau unterstützte syrische Machthaber Baschar al-Assad schreckte 2013 auch vor dem Einsatz von Chemiewaffen nicht zurück. Die Bilder der getroffenen Menschen gingen um die Welt – sie waren für viele unerträglich. Es ist leider nicht auszuschließen, dass der russische Präsident auch in der Ukraine vor dieser bestialischen Waffe nicht Halt macht.

Putins Ziele sind weder rational noch nachvollziehbar

Wo ist die Grenze für Putins Krieg? Wird er von purem Machtrausch getrieben oder vom Traum diktatorischer Total-Kontrolle und der Errichtung eines neosowjetischen Großreiches? Die Ziele des Kremlchefs sind weder rational noch nachvollziehbar. Es ist ein völlig irrer Krieg. Eine absolut sinnlose Vergeudung von Menschenleben und Unsummen von Geld angesichts weltweiter Herausforderungen wie dem Kampf gegen die Corona-Pandemie, den Klimawandel und die wachsende Ungleichheit.

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Putins Grenzüberschreitungen gehen aber noch weiter. Mit der tödlichen Bombardierung eines militärischen Ausbildungszentrums in der westukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg) erreicht der Krieg erstmals gefährlich nahe die Grenze zu Polen – und damit zum Territorium von EU und Nato.

Vor allem die Regierungschefs in Mittel- und Osteuropa sind alarmiert und warnen vor weiteren Aggressionen Russlands Richtung Westen. „Das nächste Ziel könnten die baltischen Staaten, Polen, Finnland oder andere Länder an der Nato-Ostflanke sein“, mahnte der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki kürzlich im Interview mit unserer Redaktion. Und die estnische Regierungschefin Kaja Kallas betonte: „Jetzt kommt es darauf an, dass Putin diesen Krieg unter keinen Umständen gewinnt.“

Der Westen und die Nato müssen kühlen Kopf bewahren

Die Weckrufe aus Polen und dem Baltikum dürfen nicht als Übertreibung abgetan werden. Man sollte Putin vielmehr an seinen eigenen Worten messen. Bei seiner bizarren Fernsehansprache am Vorabend der Invasion sagte er mit Blick auf frühere Mitglieder der Sowjetunion: „Wir haben diesen Republiken das Recht gegeben, die Union ohne Bedingungen zu verlassen. Das ist einfach Wahnsinn.“

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Seine Maximalforderungen an die USA und die Nato Mitte Dezember waren nichts weniger als ein Ultimatum: Truppen und militärische Infrastruktur der Allianz müssten aus Osteuropa verschwinden. Später drohte Putin mit „militär-technischen Maßnahmen“, sollte der Westen seine „aggressive Haltung“ nicht aufgeben.

Dies alles sind dunkle Szenarien. Zu berücksichtigen hierbei: Das Spiel mit der Angst gehört zu Putins Einschüchterungs-Kulisse. Panik wäre aber fehl am Platz. Der Westen und die Nato müssen kühlen Kopf bewahren und gleichwohl überlegen: Welcher Schritt Putins wird mit welcher Reaktion beantwortet?

Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen.