Ukraine-Krieg

In Russlands Visier: Die Angst der Moldawier vor dem Angriff

Jan Jessen
| Lesedauer: 6 Minuten
Kriegsflüchtlinge in Moldawien – besondere Hilfe für Kinder

Kriegsflüchtlinge in Moldawien – besondere Hilfe für Kinder

Millionen Menschen verlassen die Ukraine und sind auf der Flucht. Zahlreiche fliehen nach Moldawien. FUNKE-Reporter Jan Jessen ist vor Ort und spricht mit freiwilligen Ersthelfern.

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Chisinau.  Hunderttausende Ukrainer flüchten ins Nachbarland Moldau. Doch Experten fürchten die Republik könnte als nächstes angegriffen werden.

Kinder rennen durch die Gänge des Messegeländes, kichern, jagen sich, wie auf einem großen Abenteuerspielplatz. „Sie verstehen zwar, was passiert, aber sie schützen sich selbst, indem sie tun, als sei das alles ein Spiel“, sagt Corneliu Iarnsouschi. Seit dem Beginn des Krieges ist er mehrmals in der Woche in den Messehallen an der Strada Ghioceilor nahe dem Zentrum von Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens. Die Kinder sind Flüchtlinge aus der Ukraine. Zwei Wochen nach dem Beginn des Kriegs retten sich immer mehr Menschen in das kleine Nachbarland, und in Moldawien wachsen die Sorgen, selbst zum Ziel russischer Aggression werden zu können.

„Eigentlich haben wir ja nichts, was für die Russen von Interesse sein könnte“, sagt Iarnsouschi, „aber vor einem Monat hat ja auch kein Mensch in der Ukraine gedacht, dass die Städte dort bombardiert würden. Wir müssen realistisch sein und uns vorbereiten. Natürlich haben wir Angst.“ Der Mittvierziger arbeitet eigentlich für die moldawische Regierung im Direktorat für den Schutz von Kinderrechten. Jetzt kommt er regelmäßig in die Messehallen, spielt mit den Kindern, kümmert sich um sie. „Die Kinder hier brauchen Aufmerksamkeit, ihre Eltern sind sehr gestresst, viele sind getrennt worden, weil die Männer in der Ukraine bleiben müssen.“

Moldau: Die Hauptstadt Chisinau ist im Krisenmodus

Chisinau ist eine Stadt mit rund 700.000 Einwohnern. Vielerorts ragen Plattenbauburgen in die Höhe, im Stadtzentrum finden sich schnörkellose Wohnblocks, die noch unter Stalin und Chruschtschow errichtet wurden.

Das Messegelände ist seit zwei Jahren im Krisenmodus. Bis vor Kurzem wurden hier Menschen auf Corona getestet, nun sind die in die Jahre gekommenen Hallen eine Erstaufnahmeeinrichtung für geflüchtete Ukrainer. Die ehemaligen Testkabinen sind nun Zimmer mit jeweils einem Bett, auf vielen sitzen erschöpfte Flüchtlinge. Vorhänge ersetzen die Türen. Freiwillige verteilen Essen, registrieren die Neuankömmlinge. An einem schwarzen Brett hängen Zettel mit Arbeitsangeboten und Telefonnummern von Unternehmen, die Weiterreisen organisieren. Auf vielen dieser Zettel stehen Ziele in Deutschland. Die meisten der Geflüchteten hier stammen aus dem nur 180 Kilometer entfernten Odessa, der Hafenstadt am Schwarzen Meer.

Flucht: Hunderttausende Ukrainer suchen Schutz in Moldawien

In Moldawien leben 2,5 Millionen Menschen und kein Land hat im Vergleich zu seiner Einwohnerzahl mehr Kriegsflüchtlinge aufgenommen als die kleine frühere Sowjetrepublik. Rund 243.000 Ukrainer haben laut moldawischem Außenministerium bis Mittwoch die Grenze überquert. Die meisten ziehen weiter. Etwa 100.000 sind nach Angaben eines Ministeriumssprechers in Moldawien untergebracht worden. Es ist eine enorme Kraftanstrengung für das ärmste Land in Europa, das zudem seinen Luftraum gesperrt hat. Mit der Zahl derjenigen, die aus der Ukraine nach Moldawien fliehen, wächst die Zahl der Einheimischen, die sich selbst Richtung Rumänien in Sicherheit bringen.

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„Meine Eltern sagen mir jeden Tag, ich soll das Land verlassen“, erzählt Ana Popa, die mit ihren Freunden von der Initiative „Moldawien für den Frieden“ eine Freiwilligen-Einsatzzentrale in einem Konferenzsaal im palastartigen Gebäude der moldawischen Regierung eingerichtet hat. Unter dem Wappen Moldawiens steht an der Stirnseite des Saals die Fahne der Europäischen Union, wie vor vielen offiziellen Gebäuden. Das kleine Land drängt seit Jahren in die EU und hat nach dem Beginn des Kriegs gemeinsam mit der Ukraine und Georgien einen Mitgliedsantrag gestellt.

In dem Saal koordinieren Popa und ihre Mitstreiter die Hilfsangebote von Menschen, die Flüchtlingen Wohnraum anbieten, die Transporte von der Grenze oder die Versorgung der Flüchtlinge, die im Grenzgebiet feststecken.

Wie wird sich Nachbarland Transnistrien verhalten?

Die 29-Jährige ist wie viele Gesprächspartner in Chisinau unsicher, wie sich das separatistische Transnistrien verhalten wird, das den größten Teil des Grenzgebietes zur Ukraine bildet. Transnistrien hatte nach einem kurzen, aber blutigen Krieg mit Hunderten Toten 1992 seine Unabhängigkeit erklärt, wird aber nur von Russland als souveräner Staat anerkannt. Die Regierung in Tiraspol gilt als moskauhörig. Beobachter rechnen damit, dass die rund 1500 von Moskau bezahlten Soldaten, die dort offiziell zur Bewachung eines gigantischen Munitionsdepots aus der Sowjetzeit in einem Dorf namens Cobasna abgestellt sind, in den Ukraine-Krieg eingreifen könnten, sollte der Sturm auf das strategisch wichtige Odessa beginnen.

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Zudem ist die moldawische Gesellschaft selbst gespalten. Hier leben ethnische Rumänen, Ukrainer, Russen. „Viele der russischsprachigen Moldawier sind prorussisch“, sagt Ana Popa. Bei den Parlamentswahlen 2019 wurde die sozialistische Partei stärkste Kraft, deren Vorsitzender als Freund Wladimir Putins gilt. Sollte der Moskauer Kriegsherr entscheiden, sich auch gegen Moldawien zu wenden, um das Land aus der westlichen Einflusssphäre zu schneiden, könnte ihm kaum etwas entgegengesetzt werden. „Das ginge dann sehr schnell. Wir haben keine starke Armee“, sagt Popa.

Die Situation in Moldawien ist kompliziert

Ana Dubeli ist weniger besorgt. Sie stammt aus der Ukraine, und betreibt eine Internetseite, auf der sie in Friedenszeiten viel zu Kultur und Gastronomie veröffentlich hat. Heute informieren sie und ihre Leute auf der Seite über die Flüchtlingssituation und über die angebotenen Hilfen. „Ich bin oft in Transnistrien, ich glaube nicht, dass die in den Krieg eingreifen wollen“, erzählt sie in ihrem Büro. Selbstgebastelte Regale, unverputzte Wände, Sperrholzwände, Glas. Hier haben bis vor wenigen Wochen viele Freiberufler in „Coworking-Spaces“ gearbeitet.

Aber natürlich, räumt sie ein, sei in diesen Tagen alles ungewiss. „Jetzt gibt es keine Spannungen mit Transnistrien. Aber Spannungen können auch künstlich erzeugt werden.“ Sie seufzt. „Die Situation hier ist wirklich kompliziert.“ In die große Welle der Hilfsbereitschaft mischen sich Misstöne. Seit Kurzem tauchen Videos in den sozialen Netzwerken auf, in denen sich Moldawier über ukrainische Flüchtlinge empören. Es wirkt, sagen einige Menschen in Chisinau, wie eine koordinierte Kampagne.