Ukraine-Krieg

Proteste in Russland: Zwischen Scham, Trauer und Angst

Alina Juravel
| Lesedauer: 6 Minuten
Steinmeier ruft zu Solidaritätsaktionen für Ukraine auf

Steinmeier ruft zu Solidaritätsaktionen für Ukraine auf

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Bürgerinnen und Bürger zu Solidaritätsaktionen für die Ukraine aufgerufen. Es sei "gut", dass sich überall in Deutschland Menschen auf Straßen und Plätzen versammelten, um gegen den russischen Angriff zu protestieren, sagte Steinmeier in Berlin.

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Moskau.  Auch in Russland protestieren viele Menschen gegen Putins Krieg in der Ukraine. Die Demonstranten gehen dabei ein hohes Risiko ein.

Wieder stößt ein Greiftrupp vor, die schwarz behelmten Hünen packen einen jungen Mann und zerren ihn zu einem Polizeibus. Ein Plakat hat er nicht dabei, Plakate halten nur wenige hoch, dafür ist die Angst zu groß. Aber die Menschen versuchen, zumindest nicht zu weichen. Zwei junge Frauen drücken sich an die Wand neben dem Eingang zur Metro Tschechowskaja. Eine trägt einen blau-gelben Mundschutz mit der Aufschrift „Kein Krieg!“. Als die Sicherheitskräfte auftauchen, hält sie ängstlich eine Hand davor.

Am Donnerstagabend gingen in Moskau und etwa 60 anderen russischen Städten spontan Tausende Menschen gegen Putins Krieg in der Ukraine auf die Straße. In Moskau versammelten sich die Demonstranten am Puschkin-Platz, den die Sicherheitskräfte mit Eisengittern abgesperrt hatten. Die Vereinten Nationen gehen von landesweit mehr als 1800 Verhaftungen aus, russische Menschrechtsvertreter bestätigten die Zahlen.

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Andrey K. war dabei, als sich die Menge im Zentrum von Moskau versammelte: „Wir haben friedlich protestiert, waren aber schnell umzingelt von der Polizei“, berichtet der 42-Jährige. Je lauter die Demonstranten ihr „Njet vojne“ (Nein zum Krieg) skandierten, desto aggressiver seien die Beamten geworden: „Sie stießen uns in den Rücken, rissen uns die Plakate und die Handys aus den Händen.“ Wer nur ein bisschen Widerstand leistete, sei sofort in einen Polizeibus gesteckt worden.

„Neben uns weigerte sich eine Frau, ihr Plakat einzurollen. Zwei Polizisten haben sie an den Armen gepackt, sprühten ihr Pfefferspray ins Gesicht und schleiften sie zum Polizeibus. Wir wissen nicht, was mit ihr passiert ist“, berichtet K. Anschließend sah er, wie weitere Polizisten ihre Knüppel gegen die Demonstranten einsetzten.

Ukraine: Dieser Krieg ruft auch in Russland wenig Jubel aus

Es sind vor allem Intellektuelle und Prominente, die in Russland demonstrieren. Der Großteil der Gesellschaft dagegen schweigt – geschockt und verängstigt. Im Gegensatz zur Krim-Krise 2014 ruft der Krieg gegen die Ukraine fast nur im offiziellen Polit- und Propagandaapparat Jubel aus.

Scham ist ein Wort, das jetzt oft auftaucht. Die oppositionelle Zeitung „Nowaja Gaseta“ erschien auf Russisch und Ukrainisch. „Weil wir das ukrainische Volk nicht als Feind betrachten und die ukrainische Sprache nicht als Sprache des Feindes“, erklärte Chefredakteur und Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow in einer Videoansprache.

Das Gefühl teilen viele Moskauer. „Mich haben heute sechs Geschäftspartner angerufen – alle sagten, sie würden sich für diesen Krieg schämen“, erzählt der Unternehmer Anatoli Andrejewitsch.

Auch russische Promis protestieren gegen Putin

In den sozialen Netzen rumort es, auch Promis protestieren: „Ich bin voller Scham und Angst, ich bin gegen den Krieg“, schrieb die Schauspielerin Xenia Rappoport auf Instagram. Nicht nur der oppositionelle Rocksänger Andrei Makarewitsch, sondern auch der Popstar Sergei Lasarew und der TV-Komiker Dmitry Galkin, eigentlich Vertreter des loyalen und unpolitischen Mainstreams, pflichteten ihr bei. „Angst und Schmerz. Kein Krieg“, bloggte Iwan Urgant, Kultmoderator des Staatsfernsehens. Urgants populäre Late-Night-Show ist seit mehreren Tagen nicht zu sehen.

Es gibt auch Russen, die sich begeistern an diesem Krieg. „Euer Europa verkriecht sich und die Amerikossy klemmen den Schwanz ein“, jubelt der Klempner Jegor aus der Stadt Twer, ein eifriger Konsument kremlnaher Internetkanäle, über die Sanktionen des Westens. Andere dagegen schütteln nur noch den Kopf über Putin: „Er hat den Verstand verloren.“

Mehrheit der Russen informiert sich über das Staatsfernsehen

„Die Leute haben große Angst vor dem Krieg“, sagte Lew Gudkow, ­wissenschaftlicher Leiter des unabhängigen Lewada-Meinungsforschungszentrums unserer Redaktion. „Aber sie haben auch große Angst vor der Staatsmacht, vor neuen Massenrepressalien.“ Auf die Frage, ob mehr Leute auf die Straße gehen würden, wenn Zinksärge mit getöteten russischen Soldaten in großer Zahl heimkämen, sagt Gudkow, der Krieg der Sowjetarmee in Afghanistan, die Kriege in Tschetschenien und der Krieg in Syrien hätten gezeigt, dass auch unpopuläre und langwierige Kriege keine Massenproteste hervorriefen.

Hinzu kommt: Zwei Drittel der Bevölkerung bekämen ihre Informationen noch immer aus dem Staatsfernsehen.

Bis auf Weiteres wagen es nur wenige Russen ihre Meinung über Putin so offen zu sagen wie der inhaftierte Oppositionsführer auf Insta­gram: „Durch Putins Schuld können schon jetzt Hunderte Ukrainer sterben und im weiteren Verlauf Zehntausende Ukrainer und Bürger Russlands. Er lässt nicht zu, dass die Ukraine sich entwickelt, zerrt sie in den Sumpf. Aber Russland bezahlt den gleichen Preis.“

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Die junge Frau mit dem blau-gelben Gesichtsschutz will vorerst weiterprotestieren. Sie hat jetzt die Maske ganz ausgezogen, ihr kindliches Gesicht ist blass. „Dieser Krieg ist etwas Ungeheuerliches“, sagt sie. „Deshalb stehe ich auch hier – solange es geht.“ Auch Andrey K. will wiederkommen. Er hofft, dass in den kommenden Tagen noch viel mehr Russinnen und Russen ihre Stimme erheben. „Die meisten von uns wollen diesen Krieg gar nicht und auch diesen Präsidenten nicht. Aber viele haben Angst, auf die Straße zu gehen.“

Am Sonntag sind zum Todestag des erschossenen Oppositionsführers Boris Nemzow neue Friedensproteste geplant.

Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen.