Ukraine-Krieg

Tote in Polen: Was man über das Raketensystem S-300 weiß

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Selenskyj: Wir brauchen mehr Luftabwehrsysteme

Selenskyj: Wir brauchen mehr Luftabwehrsysteme

Nach den jüngsten russischen Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt Kiew mit Kamikaze-Drohnen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an die westlichen Staaten appelliert, dem Land mehr Luftabwehrsysteme zur Verfügung zu stellen.

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Berlin  In einem Dorf im Südosten Polens soll eine Rakete des Typs S-300 zwei Menschen getötet haben. Was über das System S-300 bekannt ist.

Bei einem Raketeneinschlag im polnischen Dorf Przewodow nahe der ukrainischen Grenze sind am Montagabend zwei Menschen gestorben. Erste Fotos von Trümmerteilen an der Einschlagstelle deuteten für Experten auf eine Rakete des Flugabwehrsystems S-300 hin. Am Dienstag teilten dann der US-Präsident und die polnische Regierung mit, dass es sich bei den Geschoss tatsächlich um eine S-300 handelte. Was ist das für eine Waffe?

Rakete in Polen: Das ist der Raketentyp S-300

Die S-300 ist ein mobiles sowjetisches Flugabwehrsystem, entwickelt vom Elektronik- und Maschinenbauer Almas. Die Raketen dazu stammen vom Konstruktionsbüro „Fackel“. Beide Unternehmen sind Teil des heutigen russischen Rüstungskonzerns Almas-Antej. Der erste Typ, die S-300P, wurde bereits 1978 von der sowjetischen Luftverteidigung in Dienst gestellt. Seitdem ist das System ständig weiterentwickelt worden. Die derzeit modernste Variante ist die S-400, die seit 2004 einsatzbereit ist. Mit der S-500 hat der Hersteller im Frühjahr die Serienproduktion eines Nachfolgers angekündigt.

S-300-Raketen – die sowohl von der ukrainischen als auch von der russischen Armee eingesetzt werden – können sowohl zur Verteidigung gegen Angriffe aus der Luft als auch gegen Marschflugkörper eingesetzt werden. Das System, das auf Fahrzeugen montiert wird, kann Luftziele in einer Entfernung von bis zu 75 Kilometern bei einer maximalen Flughöhe von 25 Kilometern bekämpfen.

Eingesetzt werden sie normalerweise an der Front und im Hinterland, zum Schutz eigener Einheiten oder von Industrie und anderen strategisch wichtigen Objekten vor Luftangriffen. Sie können dabei mehrere Luftziele – seien es Raketen oder Flugzeuge – bekämpfen und sind dabei auch bei der Flughöhe der abzufangenden Objekte flexibel einsetzbar. Ihre Reichweite liegt abhängig von den genutzten Raketen bei bis zu 200 Kilometern.

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S-300: Von Russland zweckentfremdet

Nach Angaben von NATO-Militärexperten können S-300-Raketen aber auch gegen Bodentruppen eingesetzt werden. So hätten russische Truppen die S-300 als Angriffsrakete beim Überfall auf die Ukraine eingesetzt. Auch bei Luftangriffen auf ukrainische Städte kommen laut Experten immer wieder S-300 zum Einsatz. Sie erklären dies damit, dass Moskau in dem für einige Tage konzipierten, aber seit Monaten andauernden Krieg inzwischen Defizite bei zahlreichen anderen Raketentypen wie der „Iskander“ verspürt. Mehr zum Thema: Explosionen in russischem Grenzort - So sind die Reaktionen

Am Dienstag allerdings, als Russland seine bislang schwersten Luftangriffe auf den Nachbarn startete, sollen vor allem moderne Lenkwaffen des Typs „Kalibr“ von Schiffen aus dem Schwarzen Meer und Interkontinentalraketen vom Typ „Awangard“ aus dem Kaspischen Meer abgeschossen worden sein. Aus Belarus, der einzigen Region, von wo aus auch S-300-Raketen polnisches Gebiet hätten erreichen können, wurden keine Abschüsse gemeldet.

Polens Präsident Andrzej Duda sagte, der Raketeneinschlag sei kein gezielter Angriff gewesen. Es gebe auch keine Beweise dafür, dass die Rakete von Russland abgefeuert worden sei, sondern es handele sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine ukrainische Flugabwehrrakete. Auch die Nato hat nach den Worten ihres Generalsekretärs Jens Stoltenberg keine Hinweise darauf, dass der Raketeneinschlag ein vorsätzlicher Angriff war.

Forderungen nach besserer Luftverteidigung für die Ukraine

Der Vorfall wirft einmal mehr die Frage nach einem verlässlichen Flugabwehrsystem für die Ukraine auf. Diese war nicht in der Lage, den massiven russischen Angriff zu entschärfen, der erneut in großen Teilen des Landes die Stromversorgung lahmlegte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert seit langem Unterstützung des Westens gerade beim Thema Luftabwehr. Deutschland hat der Ukraine Flugabwehrpanzer vom Typ Gepard sowie bislang ein Exemplar des hochmodernen Systems Iris-T geliefert. Kommentar: Explosionen in Polen – Nun geht es um Besonnenheit

Die Nato selbst schützt ihren Luftraum vor allem mit Patriot-Raketen. Die können Flugzeuge, ballistische Raketen und Marschflugkörper bis zu einer Höhe von 30 Kilometern und einer Entfernung von maximal 1000 Kilometern abschießen. Allerdings sind auch hier die Kapazitäten begrenzt. Gerade osteuropäische Staatschefs wie Litauens Präsident Gitanas Nauseda fordern daher, mehr solcher Systeme sowohl an der Grenze zur Ukraine als auch an der Grenze zu Russland aufzustellen. (tok/pcl/mit dpa)

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Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.