Ukraine-Krieg

Russland: Warum Schröder gescheitert ist – Drei Gründe

Miguel Sanches
| Lesedauer: 4 Minuten
Krieg in der Ukraine: Was Altkanzler Gerhard Schröder im Dezember sagte

Krieg in der Ukraine: Was Altkanzler Gerhard Schröder im Dezember sagte

Am 09. Dezember 2021 äußerte sich Altkanzler Schröder im interview mit FUNKE. Unter anderem glaubte er: "Nach meiner Auffassung denkt in der russischen Führung keiner darüber nach."

Beschreibung anzeigen

Berlin   Gerhard Schröders Vermittlungsversuch in Moskau erweist sich als "Mission Impossible". Hat er seine Freundschaft zu Putin überschätzt?

Er kam, sah und kehrte unverrichteter Dinge zurück. Auf eigene Faust hat Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) in Moskau versucht, im Ukraine-Konflikt zwischen den Kriegsparteien zu vermitteln Und ist gescheitert.

"Die Sache ist für uns endgültig erledigt", sagte der Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk, der Deutschen Presse-Agentur. "Für die Ukraine machen weitere Gespräche Schröders gar keinen Sinn. Es ist schon traurig zu beobachten, wie die ganze Sache schief gelaufen ist."

Ukraine-Krise – Die wichtigsten News zum Krieg

Für den Moskau-Trip und den Unterhändler sprachen zwei Punkte. Zum einen handelte der erfahrene Sozialdemokrat mit Wissen und Billigung der Ukraine. Zum anderen gilt er als Russland-Versteher und ist mit Kreml-Chef Wladimir Putin eng befreundet.

Schröder: Eigentlich der perfekte Unterhändler

Schröder ist für die Erdgas-Pipeline-Unternehmen Nord Stream 1 und 2 als Lobbyist tätig sowie Aufsichtsratschef beim russischen Ölkonzern Rosneft. Er war und ist der ideale Unterhändler. Eigentlich.

Über die Gründe seines vorläufigen Scheiterns lässt sich nur spekulieren. Aber es gibt drei Faktoren.

Faktor 1: Falsches Timing

Der erfahrene Diplomat Wolfgang Ischinger sagte einmal, es gebe Situationen mit wenig Aussicht auf diplomatische Fortschritte; etwa wenn beide Kriegsparteien in einem Konflikt denken, sie könnten gewinnen.

Das trifft auf jeden Fall auf Russland zu, dass militärisch überlegen und seine Angriffe forciert. Die Invasion verläuft nicht nach Wunsch, nicht mal nach Plan, aber Putin hat Zeit und Mittel, um den Krieg zu führen.

Die "Süddeutsche Zeitung" will von einer Schröder nahestehenden Person erfahren haben, dass der Altkanzler seine Bemühungen fortsetzen will. Kommt Schröders Chance erst noch?

Faktor 2: Kein echtes Mandat

Schröder hatte kein Mandat, kein Auftrag. Streng genommen von niemanden, weder von der Ukraine noch von Russland. Und das heißt in der Konsequenz auch: kaum Rückendeckung. Zur Bundesregierung und Kanzler Olaf Scholz (SPD) hat er keinen Draht. Da herrscht Funkstille.

Faktor 3: Freundschaft überschätzt

Putin habe sich nicht in seiner Art, sondern in seinem Verhalten verändert, fiel dem finnischen Präsidenten Sauli Niinistö im Herbst auf. "Er war plötzlich sehr, sehr entschlossen. Ich glaube, er sah eine Gelegenheit und wollte sie ergreifen, um das zu tun, was er schon länger im Kopf mit sich herumtrug", erzählte Niinistö, der Putin bestens kennt, dem "Spiegel".

Niinistö wie Schröder haben zunächst vermutet, dass der Ukraine-Konflikt ein politischer Köder war, um sich im Westen Respekt zu verschaffen. Im Klartext: mehr Einfluss und Sicherheitsgarantien.

Lesen Sie auch: Soyeon Schröder-Kim: Das ist die Frau an Schröders Seite

Nach dieser Lesart wäre es nie zum Krieg gekommen. Schröder hat den russischen Präsidenten falsch eingeschätzt und seinen Einfluss überschätzt. Putin kennt keine Freunde mehr, nur Gewinner und Verlierer.

Er will die ukrainische Führung absetzen, den Staat demilitarisieren. Die Position hat er wohl wiederholt. So erklärt sich auch die Enttäuschung von Botschafter Melnyk, der die Initiative als "absolut nutzlos" bezeichnete. Der persönlichen Draht reicht nicht. Putin ließ sich weder mit Schröder sehen noch äußerte er sich privaten Friedensmission.

Schröders Wechselbad der Gefühle

Schröder war am Mittwoch vergangener Woche nach Moskau gereist, um Putin zu treffen. Wie „Bild“ berichtete, soll er dort auch den russischen Oligarchen und Freund Putins Roman Abramowitsch sowie den früheren Kulturminister und Kreml-Berater Wladimir Medinski getroffen haben.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

In Deutschland wird Schröder vielfach angefeindet. Zuletzt verzichtete er ebenso enttäuscht wie demonstrativ auf die Ehrenbürgerwürde der Stadt Hannover. In der SPD erlebt er einen Wechselbad der Gefühle.

SPD zeigt Schröder die kalte Schulter

Erst übte seine Partei scharfe Kritik und forderte von ihm den Verzicht auf Posten bei russischen Konzernen. Zu Beginn des Moskau-Trips zollte sie ihm Respekt. Jetzt zeigt sie ihm ob des Scheiterns die kalte Schulter.

"Wenn er meint, dort irgendwelche Erkenntnisse gewonnen zu haben, die wichtig sind für kommende politische Entscheidungen der Bundesregierung, dann, glaube ich, stehen ihm alle Kontaktdaten so weit zur Verfügung, dass er darauf zurückgreifen könnte", erklärte kühl Generalsekretär Kevin Kühnert. "Solange er das nicht tut, müssen wir davon ausgehen, dass das keine Reise ist, die von großem Belang ist für die politischen Entscheidungen, die jetzt von verantwortlicher Seite zu treffen sind."

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.