Endlagersuche

Atommüll-Endlager: Wo in Europa radioaktive Abfälle lagern

Björn Hartmann
| Lesedauer: 6 Minuten
Ein Ortschaftstafel von Hohentengen am Hochrhein. Die Schweiz will jetzt ein Endlager für ihre Atommüllabfälle an der Grenze zu Deutschland südlich der deutschen Gemeinde Hohentengen bauen.

Ein Ortschaftstafel von Hohentengen am Hochrhein. Die Schweiz will jetzt ein Endlager für ihre Atommüllabfälle an der Grenze zu Deutschland südlich der deutschen Gemeinde Hohentengen bauen.

Foto: Walter_Bieri/Keystone/Epa/dpa

Berlin.  Die Schweiz will ihr Endlager für Atommüll an der Grenze zu Deutschland bauen. Welche Lösungen andere Länder in Europa gefunden haben.

14 Jahre hat es gedauert, jetzt hat sich die Schweiz entschieden: Das eidgenössische Atomendlager wird nördlich von Zürich, unmittelbar an der deutschen Grenze entstehen. Das Land gehört dann zu den wenigen, die wissen, wo sie hochradioaktiven Müll entsorgen wollen. Besonders weit in der Endlagerfrage sind die Finnen – vor allem, weil die Bevölkerung im Endlager eine Chance sieht. Ähnlich ist es in Schweden. Deutschland hängt etwas hinterher.

Das Problem ist für alle Länder gleich: Brennstäbe, die in einem Atomkraftwerk Energie geliefert haben, strahlen, können nicht einfach auf einer Kippe entsorgt werden. Entsprechend sicher muss ein Lager für Atommüll sein. Experten schätzen, dass mindestens 100.000 Jahre nötig sind, bis die Strahlung auf ein natürliches Niveau gefallen ist. Wie die Welt dann aussieht, lässt sich kaum vorstellen. Zur Enordnung: Vor 100.000 Jahren lebte noch der Neandertaler, waren Faustkeile ein beliebtes Werkszeug.

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Atommüll-Endlager: Deutschland sucht nach einem Standort

In Deutschland soll bis 2031 ein geeigneter Endlagerstandort gefunden werden. Dann muss es noch gebaut werden. Bis es ein Endlager gibt, wird zwischengelagert: in Deutschland unter anderem an den ehemaligen Atomkraftwerken, im nordrhein-westfälischen Ahaus und im mecklenburg-vorpommerschen Lubmin.

Das niedersächsische Gorleben, 1977 politisch als Endlager festgelegt und Jahrzehnte heftig umkämpft, ist ausgeschlossen. Andere Länder sind deutlich weiter als Deutschland, auch weil die Bevölkerung im Endlager eher einen Vorteil, denn eine Last sieht. Vorn dabei sind die Skandinavier.

Finnland

Das Land ist das erste weltweit mit einem funktionsfähigen Endlager. Die Suche danach begann 1983. Der Staat gestattete den Gemeinden sogar ein Vetorecht. Die Finnen gelten als pragmatisch. Und sie vertrauen Wissenschaftlern. Nennenswerte Proteste gab es deshalb nicht, als die Gemeinde Eurajoki an der Westküste 2004 ausgewählt wurde. Auch die Regionalpolitiker stimmten zu. Die Einwohner haben Erfahrung mit Atomenergie, auf der Insel Olkiluoto, wo das Endlager liegt, stehen drei der fünf finnischen Atomkraftwerke.

Bereits der Bau des Endlagers brachte der Gemeinde hohe Steuereinnahmen, die sie geschickt investierte. Die Bevölkerung wächst, unter anderem auch, weil Eurajoki den Gemeindeanteil an der Einkommenssteuer auf den niedrigsten Satz in Finnland senkte. 2024 will der Endlagerbetreiber Posiva beginnen, Brennstäbe einzukapseln und unter der Erde zu lagern. In 120 Jahren soll die Anlage dann befüllt sein, 2100 verschlossen werden.

Schweden

Knapp 50 Jahre lang galt der Ort Östhammar gut 100 Kilometer nördlich von Stockholm an der Ostküste bereits als geeignet für ein unterirdisches Endlager. Die Atomindustrie suchte den Standort unter anderem danach aus, ob die Bevölkerung aufgeschlossen ist. In Östhammar ist sie es. In der Nähe steht das Atomkraftwerk Forsmark, eine der sechs schwedischen Anlagen. Auch verspricht sich die Gemeinde Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.

Vor zwei Jahren stimmte der Gemeinderat für das Endlager. Es dauerte dann dennoch etwas: Erst Ende Januar 2022 genehmigte die schwedische Regierung den Standort. Umweltschützer haben allerdings geklagt. Bis das zuständige Gericht entschieden hat, kann nicht gebaut werden. Sollten die Umweltschützer verlieren, dauert es noch zehn Jahre, bis die ersten Brennelemente eingelagert werden können.

Schweiz

Zuletzt prüfte die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) noch drei Regionen nahe der deutschen Grenze. Jetzt verkündete sie den endgültigen Standort im Gebiet Nördlich Lägern vor – knapp 20 Kilometer nördlich Zürichs. Bis die ersten Brennstäbe aus den vier Kraftwerken tief unter der Oberfläche eingelagert werden können, dauert es noch.

Es wird genauer geprüft, die Bevölkerung und die Regionen beteiligt. 2030 soll der Bundesrat entscheiden, dann ist noch ein Volksentscheid möglich. In Betrieb gehen kann die Anlage frühestens 2060. Derzeit lagert der hochstrahlende Atommüll oberirdisch im Zwischenlager Würenlingen, ebenfalls knapp 20 Kilometer vom geplanten Endlager und keine zehn Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

Frankreich

Früh dran mit einem Standort für ein Endlager waren die Franzosen. Bereits 2000 bestimmten sie das kleine Dorf Bure im Osten Frankreichs, gut 150 Kilometer von Saarbrücken entfernt. Zwei weitere Standorte in Zentralfrankreich wurden verworfen. Seither dauert es. Die Einwohner wehrten sich mehrfach. Umweltorganisationen klagten – bisher ohne Erfolg. Derzeit wird eine Pilotanlage gebaut, um Brennstäbe zu verpacken und in ein unterirdisches Tunnelsystem einzulagern. 2030 soll sie startbereit sein. Von 2040 an soll das Endlager dann regulär befüllt werden.

Frankreich arbeitet Brennstäbe aus seinen Atomkraftwerken in der Anlage La Hague in der Normandie auf und verwendet das Material mehrfach. Dennoch fällt sehr viel Atommüll an. Denn das Land setzt sehr stark auf Atomenergie. Knapp 70 Prozent des Stroms liefern die 56 Reaktoren – wenn sie am Netz sind.

In fast jedem Land, das Atomanlagen betreibt, wird immer wieder auch eine Lösung für den strahlenden Müll diskutiert, bei der keine Gemeinde oder Bürgerinitiative widersprechen kann: das All. Jede Menge Platz und irgendwann verglüht das Material womöglich in einer weit entfernten Sonne. Ob allerdings jemand dafür garantiert, dass die Rakete mit der strahlenden Fracht beim Start nicht in der Erdatmosphäre explodiert, ist unwahrscheinlich.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.