Kolumne

„Spiegel“ geht auf Distanz zu Ex-Starreporter Leyendecker

Ein brisantes Protokoll kratzt am Ruf des Top-Investigativjournalisten Hans Leyendecker, schreibt unser Kolumnist Georg Altrogge.

Hans Leyendecker, hier auf einer Aufnahme vom vergangenen Jahr.

Hans Leyendecker, hier auf einer Aufnahme vom vergangenen Jahr.

Foto: imago stock / imago images / epd

Berlin/Hamburg Ein Jahr lang hat das Nachrichtenmagazin in eigener Sache recherchiert. Im Mittelpunkt: die 27 Jahre alte Titelstory zum „Todesschuss“ (im Original: „Der Todesschuß“, Anm. d. Red.) von Bad Kleinen, die ebenso aus dem Ruder lief wie der Antiterroreinsatz selbst. Jetzt hat „Der Spiegel“ seinen Abschlussbericht vorgelegt. Dieser kratzt am Ruf eines Top-Investigativjournalisten und weist sogar Parallelen zum Fall Relotius auf.

Es war einmal ein „Spiegel“-Reporter. Der hatte eine so unglaubliche Geschichte auf Lager, dass es sich nur um ein Fantasieprodukt handeln konnte. Oder unbedingt auf dem Titel gebracht werden musste. Der Chefredakteur entschied sich, das Stück zu drucken – und musste bald erkennen, dass er einem Märchenerzähler auf den Leim gegangen war.

Mit der Titelstory „Der Todesschuss“ tischte das Magazin 1993 der Republik die Version von der Hinrichtung eines RAF-Terroristen durch Beamte der Eliteeinheit GSG 9 auf. Jetzt, 27 Jahre später, hat sich der „Spiegel“ vom Autor der damaligen „Enthüllung“ distanziert und bezeichnet die Berichterstattung als „journalistischen Fehler“.

„Spiegel“ stellt Hans Leyendecker zwischen den Zeilen vernichtendes Zeugnis aus

Das Eingeständnis des Nachrichtenmagazins ist eine kleine Sensation, denn erstens ist die Redaktion in puncto Selbstkritik nicht gerade einschlägig bekannt, zweitens ist der Rechercheur nicht irgendwer, sondern Deutschlands wohl berühmtester Investigativjournalist: Hans Leyendecker, 20 Jahre in Diensten des „Spiegel“ und seit 1997 bei der nicht weniger renommierten „Süddeutschen Zeitung“.

Im Vorwort des zehn Seiten langen Abschlussberichts über die Titelgeschichte zum Antiterroreinsatz im mecklenburgischen Bad Kleinen ist von einer „Berichterstattung auf Basis einer mangelhaft geprüften und falschen Aussage“ die Rede, was man „bedauere“. Im Fazit der Untersuchung heißt es schonungslos: „Die redaktionellen Kontrollen und die Überprüfung durch die Dokumentation haben versagt; das Justiziariat hat zwar Unstimmigkeiten bemerkt, aber nicht Alarm geschlagen.“

Zumindest zwischen den Zeilen wird dem Starautor in der aktuellen „Spiegel“-Ausgabe ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Er habe seine Aussagen im Laufe der Jahre immer wieder variiert und der jeweiligen Erkenntnislage angepasst. Der Verdacht, dass es entgegen der geradezu gebetsmühlenhaft wiederholten Beteuerung des Reporters nicht zwei, sondern nur einen und obendrein nur anonymen Informanten gegeben habe, wird nicht ausgeräumt – im Gegenteil.

Leyendecker wehrt sich gegen Vorwürfe

Leyendecker selbst will das so nicht stehenlassen und geht mit dem ehemaligen Arbeitgeber hart ins Gericht. Unserer Redaktion sagte der 71-Jährige: „Das ganze Ding ist ein Machwerk, unlauter, unseriös und auf unglaubliche Weise falsch.“ Und: „Die Abschlusserklärung wimmelt von Fehlern und geht von einer Schuldvermutung aus.“

Die Fronten sind also abgesteckt. Wer aber verstehen will, worum es im Konflikt zwischen dem Magazin und dem vielfach preisgekrönten Enthüllungsspezialisten eigentlich geht, verliert sich rasch im Dickicht der Details. Alles begann mit der „Spiegel“-Ausgabe vom 5. Juli 1993. Unter der Schlagzeile „Der Todesschuss. Versagen der Terrorfahnder“ ging es um den Einsatz der Bundesgrenzschutz-Fahnder, bei dem neun Tage zuvor der RAF-Terrorist Wolfgang Grams und ein Beamter zu Tode gekommen waren.

Leyendecker beschrieb eine „Tötung wie eine Exekution“ und stützte sich auf einen Zeugen aus dem GSG-9-Kommando. Die Version vom aufgesetzten Kopfschuss als Rache für den getöteten Kollegen machte die Runde, eine regelrechte Hinrichtung. Die Nation war geschockt.

Bundesinnenminister musste zurücktreten

Die Wucht der Enthüllung von der gezielten Tötung durch Staatsbedienstete löste ein politisches Beben aus. Kurz darauf trat CDU-Bundesinnenminister Rudolf Seiters zurück, der seinerzeit amtierende Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde in den Ruhestand versetzt - wohl auch eine Folge der an Eindringlichkeit nicht zu übertreffenden Beschreibung in Leyendeckers Artikel.

Dort hieß es über das Opfer Grams: „Er lag da auf der linken Körperseite. Ein Kollege kniete auf ihm. (…) Die Arme waren gespreizt. Die Waffe lag etwa zwei Meter von ihm entfernt 20 Grad nach oben links. Grams hat keine Möglichkeit mehr gehabt, das Schießgerät zu erreichen. Nach ewig langen 20 Sekunden ist dann der tödliche Schuß gefallen. Ein Kollege von der GSG 9 hat aus einer Entfernung von Maximum fünf Zentimetern gefeuert.“

Eine Mordsgeschichte, die sich jedoch als Märchen erwies. Die Staatsanwaltschaft stellte später fest, Grams habe Suizid begangen. Das zuständige Oberlandesgericht bestätigte diese Version und übte vernichtende Kritik am „Spiegel“-Reporter, der als Zeuge vernommen worden war. Man habe „grundsätzliche Zweifel“, ob dieser „überhaupt jemals in Kontakt mit dem behaupteten Informanten … gestanden hat“.

Brisantes Material erst beim Aufräumen des Schreibtischs wiederentdeckt

In allen Verfahren wurde Leyendeckers Legende vom staatsterroristischen Racheakt widerlegt. Der Autor verabschiedete sich selbst früh von der von ihm verbreiteten Theorie und nannte die Grams-Story seither den „größten Fehler meines journalistischen Lebens“. Seine Erklärung: „Ich hatte die Aussage eines Zeugen, der dabei war.“ Er habe einem langjährigen Kontaktmann zu sehr vertraut.

Das Problem: Auch an dieser Darstellung gab es immer wieder massive Zweifel, und seit der Abschlussbericht der „Spiegel“-Aufklärungskommission veröffentlicht ist, sogar mehr denn je. Der Grund dafür ist weniger die minutiöse Ermittlung der Geschehnisse in der Redaktion in den Tagen vor der Veröffentlichung und auch nicht die große Zahl an Zeitzeugen, die seit Spätherbst vergangenen Jahres befragt wurden – sondern das Wortprotokoll eines Telefonats, dessen Existenz beim „Spiegel“ über mehr als zwei Jahrzehnte in Vergessenheit geraten war. 63 DIN A 4-Seiten Mitschrift, die die Ereignisse in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Der Weg des brisanten Materials zurück zum „Spiegel“ ist übrigens kurios. Ein zwischenzeitlich zu Gruner + Jahr gewechselter Ressortleiter soll die Papiere mitgenommen und erst beim Aufräumen seines Schreibtisches vor seiner Pensionierung entdeckt und an die „Spiegel“-Dokumentation zurückgeschickt haben. Durch die Kommission unter Führung von Spiegel-Nachrichtenchef Stefan Weigel und der Journalistin Brigitte Fehrle wurden sie erstmals akribisch ausgewertet.

Zwei Zeugen, die wortgleich dasselbe sagten

Das Ergebnis wirft Fragen auf, die Leyendecker unter Druck setzen. Hatte dieser nicht zuletzt immer von zwei unabhängigen Zeugen berichtet, mit denen er gesprochen hätte? Einem ihm lange und namentlich bekannten, den er persönlich getroffen habe, und jenem Anonymus, der ihn Tage später anrief und dessen Aussagen er gar nicht so viel Gewicht beigemessen habe?

Wenn das so war, wie ist es möglich, dass alle im „Spiegel“-Artikel verwendeten Zitate des von Angesicht zu Angesicht befragten Informanten nahezu wörtlich mit den vom Tonband protokollierten Aussagen des anonymen Anrufers übereinstimmen? Das gilt auch und vor allem für den zentralen Satz der „Spiegel“-Story: „Die Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution.“ Können zwei Zeugen voneinander unabhängig eine solche wortgleiche Formulierung gewählt haben?

Der „Spiegel“ schreibt hierzu in seinem Abschlussbericht: „Dass Leyendeckers Quelle und der Anonymus, laut Leyendecker zwei Personen, an so vielen Stellen ‚fast wortwörtlich‘ dasselbe gesagt hätten, ist schwer erklärbar. Eine zufällige Übereinstimmung ist nicht vorstellbar. Zudem taucht eine Wortschöpfung des Anonymus in der Titelgeschichte auf: Die ‚Grenzschutzsicherungsgruppe Bonn‘, kein Versprecher, der Anrufer verwendet den Namen viermal in voller Länge. Eine solche Einheit existierte in Bonn nicht.“

Stützte sich Mordtheorie nur auf Aussage eines anonymen Anrufers?

Ist der leibhaftige Zeuge etwa gar nicht existent, sondern nur eine Fiktion des Autors? Stützte ein Magazin wie der „Spiegel“ gar eine so folgenreiche Mordtheorie lediglich auf die Aussagen eines anonymen Anrufers? Leyendecker widerspricht gegenüber unserer Redaktion vehement: „Der Vorwurf, der mir gemacht wird, ist ungeheuerlich und absurd. Die hatten eine fertige Geschichte im Kopf, als sie mit der angeblichen Aufarbeitung begonnen haben.“

Der Reporter verweist darauf, dass der damalige Chefredakteur Werner Kilz mit seinem Hauptzeugen selbst telefoniert habe. Kilz, der später in gleicher Funktion zur „Süddeutschen Zeitung“ wechselte und dort ebenfalls Chef von Leyendecker war, hat das bestätigt – allerdings erst am 18. Dezember 2019, nachdem er dies 26 Jahre verschwiegen hatte. Nicht nur beim Spiegel fragt man sich, warum.

Dem Verdacht, dass es sich dabei um eine Gefälligkeit eines langjährigen Weggefährten handeln könnte, weist Leyendecker zurück. So habe auch der damalige Co-Chefredakteur Wolfgang Kaden „dem Spiegel bestätigt, dass ihm Werner Kilz vor der Veröffentlichung der Titelgeschichte von seinem Telefonat mit dem Zeugen erzählt hat. Es ist bezeichnend, dass diese Aussage im Abschlussbericht nicht mal erwähnt wird.“

Versuchen Leyendeckers Gegner alte Rechnungen zu begleichen?

Aus dem „Spiegel“-Umfeld heißt es, es habe im Zuge der Kommissionsarbeit zwar einen Kontakt zu dem inzwischen 80-jährigen Kaden gegeben, von einer derartigen Äußerung sei aber nichts bekannt. Wie so oft bei der Suche nach der Wahrheit im Fall Bad Kleinen steht Aussage gegen Aussage. Beim „Spiegel“ moniert man, dass Leyendecker im Laufe der Jahre mit immer neuen Versionen aufgewartet und den anonymen Anrufer lange Zeit verschwiegen habe.

Und dass er im Laufe der langen Ermittlungen mit den Aufklärern nicht gesprochen habe, obwohl man mit offenen Karten gespielt und ihm umfangreiches Material zur Verfügung gestellt habe. Auch die Frage, ob er seinen Kronzeugen tatsächlich persönlich traf, habe er mal so, mal so beantwortet.

Leyendecker seinerseits berief sich immer wieder auf das Informationsgeheimnis und gab an, zuallererst seine Quelle schützen zu wollen. Dem „Spiegel“ schickte er – ebenso wie Werner Kilz – seine Aussagen nur schriftlich, in seinem Fall eine 15 Seiten umfassende Stellungnahme. Im Gespräch mit unserer Redaktion sieht er sich mit Blick auf den Kommissionsbericht als Ziel einer Kampagne: „Da kommen Leute zu Wort, die älteste Rechnungen mit mir offen haben und die schon vor vielen Jahren gesagt haben, dass ich ihr Feind sei.“

Auch der „Spiegel“ kommt im Abschlussbericht nicht gut weg

Allerdings verkennt Leyendecker, dass es gar nicht der „Spiegel“ war, der den Anstoß für die Aufklärungsarbeit gab, sondern eins seiner eigenen „Opfer“: Ex-Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, geschasst 1993 nach der „Todesschuss“-Story. Im Dezember 2018 sandte von Stahl im Zuge der Lügen-Affäre um „Spiegel“-Reporter Claas Relotius ein Fax an den designierten Chefredakteur Steffen Klusmann mit der simplen Frage: „Mich interessiert noch heute: Hat es den Zeugen gegeben, oder hat Leyendecker ihn erfunden?“

Am Donnerstagmorgen erhielt er als Antwort ein Vorab-Exemplar des Kommissionsberichts. Der 82-jährige Jurist soll diesen, so heißt es, mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben.

Durch die erneute und wohl finale Untersuchung des „Spiegel“-Versagens bei Bad Kleinen dürfte aber nicht nur die Reputation des lange als Top-Investigativjournalist der Leitmedien gehandelten Hans Leyendecker Schaden nehmen. Auch das Nachrichtenmagazin kommt im Abschlussbericht nicht eben gut weg.

So schreiben die Autoren: „Dass die Aussage der Quelle (Leyendeckers, Anm.d.Red.) nicht stimmen konnte, war zum Ende der Produktionswoche bereits offenbar, insbesondere die Tatsache, dass die Quelle Dinge gesehen haben wollte, die man von ein und demselben Standort nicht hätte sehen können.“

Nur damalige Justiziarin hatte wegen Veröffentlichung ein „ungutes Gefühl“

Fazit des Berichts: „All das hätte die Folge haben müssen, dass mindestens eine der beteiligten Instanzen die Reißleine gezogen hätte.“ Warum dies nicht geschah, erklärt der „Spiegel“ fast analog zu seinem Schuldeingeständnis in der Causa Relotius: „Offenbar erschwerte es der exponierte Status, den sich Leyendecker in der Redaktion (…) erarbeitet hatte, in diesem Fall Zweifel zu äußern.“

Es sei verantwortungslos gewesen, eine „nicht überprüfte, widersprüchliche Aussage dieser Tragweite“ zur Titelgeschichte zu machen. Lediglich die seinerzeit involvierte Justiziarin des Magazins, Dorothee Bölle, gab an, „ein ungutes Gefühl“ gehabt zu haben.

Hans Leyendecker bestreitet nicht, dass damals etwas fatal schiefgelaufen ist. Aber er zeigt wenig Verständnis, dass ihm die Geschichte bis heute nachgetragen wird: „Journalisten reden in diesem Land kaum über ihre Fehler, ich tue das seit 27 Jahren. Bei jeder Verleihung meiner drei Lebenswerk-Preise habe ich gesagt, dass ich in Bad Kleinen versagt habe.“

„Süddeutsche Zeitung“ und ehemaliger Chef nehmen Leyendecker in Schutz

Unterstützung erhält der Journalist auch von seinem langjährigen Arbeitgeber. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat unter der Überschrift „Die Schuldvermutung“ am Freitag einen Artikel veröffentlicht, der die Arbeit der „Wahrheitskommission“ des Nachrichtenmagazins kritisiert. Der an Leyendecker gerichtete Vorwurf, seine Version von den Geschehnissen 1993 gebe „mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die tatsächlichen Abläufe wieder“, stelle den Autoren vor die Wahl, entweder „öffentlich als potenzieller Lügner“ dazustehen oder aber seinen Informanten preiszugeben.

Wie Leyendecker bezeichnet der zwischenzeitlich in den Ruhestand getretene Ex-Chefredakteur Hans Werner Kilz den Kommissionsbericht als „Machwerk“. Es sei ihm „völlig unverständlich, wie ein amtierender Spiegel-Chefredakteur“ Derartiges veröffentlichen könne. Für einen „anständigen Journalisten“, so Kilz, sei der Schutz seiner Quelle nämlich „heilig“.

Medienjournalist Georg Altrogge, zuletzt Chefredakteur des Mediendienstes Meedia.de, schreibt regelmäßig für diese Redaktion in der Kolumne „Medienszene“ über neue Entwicklungen in der deutschen Medienlandschaft.