Kommentar

Taiwan: Warum der Konflikt immer gefährlicher wird

Michael Backfisch
| Lesedauer: 3 Minuten
Der Zerstörer „USS John S. McCain“ bei der Durchquerung der Taiwan-Straße.

Der Zerstörer „USS John S. McCain“ bei der Durchquerung der Taiwan-Straße.

Berlin  Zwischen China und den USA entzündet sich ein Krieg der Worte um Taiwan, der einen militärischen Zwischenfall provozieren könnte.

Als hätte die Welt mit der Eindämmung des Ukraine-Krieges nicht genug zu tun. Russlands Präsident Wladimir Putin hat gerade eine neue Marine-Doktrin ausgerufen, in der die USA und die Nato als „größte Bedrohung“ abgestempelt werden. Die Risiken einer potenziellen Eskalation in Europa sind noch nicht abzusehen, da baut sich ein weiteres gefährliches Spannungsfeld auf. Zwischen China und Amerika entzündet sich ein Krieg der Worte um Taiwan, der zumindest einen militärischen Zwischenfall zwischen den XXL-Mächten provozieren könnte.


Auslöser ist der mögliche Besuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, in Taiwan. Die Regierung in Peking betrachtet die demokratisch regierte Inselrepublik als „abtrünnige Provinz“, die sie mit der Volksrepublik wiedervereinigen will – notfalls mit Gewalt. Man mag darüber streiten, ob es politisch klug ist, dass eine hochrangige amerikanische Politikerin ausgerechnet jetzt nach Taiwan reisen muss. Die internationale Politik ist aufgewühlt wie lange nicht – an neuen Reibungsflächen kann niemand ein Interesse haben.

Taiwan-Konflikt: Gefahr einer Eskalation von China und den USA


Doch der Wirbel um die Pelosi-Visite ist nur ein Punkt an der Oberfläche, unter der ein viel größerer Konflikt steckt. Amerika beäugt seit Jahren misstrauisch den rasanten Aufstieg Chinas. Ökonomen rechnen damit, dass die Volksrepublik bereits bis 2030 die USA bei der Wirtschaftskraft überholt. Politisch versucht Peking seinen Einfluss weltweit auszubauen.


Auch mit Blick auf das Militär legt China beträchtlich zu. Seit 2011 hat das Land sein Verteidigungsbudget mehr als verdoppelt. Zwar hat das US-Militär mit ei­nem Haushalt von mehr als 800 Milliarden Dollar noch einen gewaltigen Vorsprung – aber dieser schmilzt. Die wahre Herausforderung für Amerika ist nicht Russland, das zwar hochgerüstet ist, aber in der Wirtschaft außer Öl und Gas nicht viel zu bieten hat. Ein autoritäres Peking, das außenpolitisch und militärisch die Muskeln spielen lässt, sorgt in Washington für viel größere Befürchtungen.


Bereits US-Präsident Barack Obama hat versucht, den Einfluss des künftigen Konkurrenten in Fernost einzudämmen. Unter dem Banner des „Schwenks nach Asien“ gab er ab 2011 die Devise aus, regionale Sicherheitspartnerschaften zu stärken. Vor allem Südkorea, Japan, die Philippinen oder Vietnam sahen sich durch Pekings militärische Nadelstiche wie die Aufschüttung künstlicher Inseln im Südchinesischen Meer bedroht. Unter Donald Trump verschärfte sich der Konflikt. Der Obama-Nachfolger stürzte sich in einen umfassenden Handelskrieg mit der Volksrepublik. Steve Bannon, Trumps früherer Chefstratege, prophezeite bereits 2017: „Es wird Krieg mit China geben.“

Taiwan: Direkte Konfrontation ist unwahrscheinlich


So martialisch ist die Rhetorik in Washington derzeit nicht. Aber sowohl bei den Demokraten als auch bei den Repu­blikanern ist die Stimmung mit Blick auf Peking aufgeladen. Für eine Reise Pelosis nach Taiwan gibt es große Unterstützung. Sie passt in das Narrativ von US-Präsident Joe Biden, der das Bündnis der westlichen Demokratien gegen autokratische Regime wie die Volksrepublik zum zentralen Thema seiner Amtszeit machte.


Eine direkte militärische Konfrontation zwischen Amerika und China ist unwahrscheinlich. Aber in einer aufgeheizten Atmosphäre wächst die Gefahr von Fehleinschätzungen oder Missverständnissen. Man kann nur hoffen, dass alle einen kühlen Kopf bewahren. Die Welt hat schon genug mit dem Lieferketten-Chaos durch Corona und der Energiepreis-Explosion im Zuge des Ukraine-Krieges zu kämpfen

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.