Flucht

Mehr als 600.000 Flüchtlinge aus der Ukraine bisher erfasst

Christian Unger
| Lesedauer: 5 Minuten
Flüchtlinge aus Mariupol: "Ich wünschte, er wäre gestorben wie ein Hund"

Flüchtlinge aus Mariupol: "Ich wünschte, er wäre gestorben wie ein Hund"

Insgesamt 29 Stunden waren die Busse aus Mariupol ins 200 Kilometer entfernte Saporischscha unterwegs. Vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen sind der belagerten Hafenstadt entkommen. Sie haben Schreckliches über die Zeit der Belagerung zu berichten.

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Berlin.  Bamf-Auswertung zeigt: Knapp 70 Prozent der Geflüchteten aus der Ukraine sind Frauen und Mädchen. 40 Prozent Kinder und Jugendliche.

Es ist ein Exodus, den die Welt erlebt. Jetzt, nach gut zwei Monaten Krieg in der Ukraine, zählen die Vereinten Nationen fast sechs Millionen Menschen, die aus dem Land geflohen sind. Die meisten davon in die EU, vor allem nach Polen, Rumänien und Ungarn. Aber auch hierher, nach Deutschland.

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Bisher veröffentlicht die Bundespolizei regelmäßig Zahlen über registrierte Geflüchtete aus der Ukraine, zuletzt lagen die Angaben bei gut 400.000 Menschen. Zahlen aktueller Statistiken aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die unserer Redaktion vorliegen, belegen, dass offenbar noch mehr Ukrainerinnen und Ukrainer nach Deutschland geflohen sind: Seit Kriegsbeginn am 24. Februar bis Ende April sind demnach bislang 610.103 Menschen neu im Ausländerzentralregister (AZR) erfasst worden.

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69 Prozent sind Mädchen und Frauen, 31 Prozent Jungen und Männer

Davon sind 600.168 ukrainische Staatsangehörige – das entspricht 98,4 Prozent. Nur ein sehr kleiner Anteil der Flüchtlinge aus der Ukraine kommt demnach ursprünglich aus anderen Teilen der Welt, etwa Afrika, Asien oder Nahost, und musste mit Beginn der russischen Invasion aus dem Land Richtung Westen fliehen.

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Zahlen liegen nun auch zu Geschlecht und Alter vor: Insgesamt rund 69 Prozent sind demnach Mädchen und Frauen und 31 Prozent Jungen und Männer. Unter den Erwachsenen beträgt der Anteil der Frauen sogar gut 80 Prozent. Auch viele Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre sind hierher geflohen: insgesamt 241.769. Das sind fast 40 Prozent.

Flüchtlinge aus Ukraine: 1.141 Registrierungsstationen bundesweit zum Einsatz bereit

Zu wissen, wie viele Menschen aus Deutschland geflohen sind, ist wichtig: Wenn der Staat verlässliche Statistiken hat, lassen sich Unterbringung und Versorgung besser steuern. Noch entscheidender ist: Schulunterricht für Kinder und Jugendliche, Integrationskurse für Erwachsene, Versorgung von älteren Geflüchteten, Therapieplätze für Traumatisierte.

Doch das genaue Erfassen ist für die deutschen Behörden nicht einfach. Wer vor den Kämpfen aus der Ukraine flieht, kann legal nach Deutschland einreisen – und erstmal hierbleiben: Eine Ausnahmeregel erlaubt ein Schutz auch ohne Aufenthaltstitel. An den EU-Grenzen gibt es ohnehin keine festen, stationären Kontrollen. Die Bundespolizei prüft die Fluchtwege in Bussen und Bahnen etwa aus Polen zwar vermehrt, doch viele Ukrainerinnen und Ukrainer kamen zunächst ohne Registrierung etwa in Berlin, Hamburg oder Hannover an.

44.211 Flüchtlinge aus der Ukraine über 64 Jahre haben die Behörden erfasst

Die nun vorliegenden neuen Statistiken im Ausländerzentralregister (AZR) stammen etwa von den Ausländerbehörden, der Polizei oder Meldebehörden vor Ort in den Ländern und Kommunen. Der Bund unterstützt die Anlaufstellen für Geflüchtete in Länder und Kommunen nach eigenen Angaben mit 260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom Bamf und 180 zusätzlichen Registrierungsstationen. Insgesamt stehen demnach 1.141 Registrierungsstationen bundesweit zum Einsatz bereit.

Das Bamf hat in den vergangenen Wochen daran gearbeitet, diese Erfassungen auszuwerten, um ein besseres Bild von der Lage der Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland zu bekommen. Interessant ist etwa: Von den mehr als 240.000 geflohenen Kindern und Jugendlichen sind die meisten im Grundschulalter, also zwischen sechs und elf Jahre alt: gut 90.000. Auch eine große Zahl an Älteren floh hierher: 44.211 Menschen über 64 Jahre haben die Behörden erfasst.

Behörden wissen nicht: Wer reist in anderes Land weiter? Wer kehrt in Ukraine zurück?

Trotzdem sind auch diese Statistiken aus dem AZR mit Vorsicht zu genießen. So erfassen die Behörden nicht, wie viele Geflüchtete aus der Ukraine nach ihrer Registrierung in ein anderes europäisches Land weitergereist sind – nicht immer melden sich die Menschen ab, zeigt die Erfahrung der Behörden. Auch vermerkt das Bundesregister nicht, wie viele Menschen aus der Ukraine bereits wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt sind. Laut Behörden könne es sich um eine „erhebliche Zahl“ handeln.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach unlängst von täglich rund 20.000 Ukrainerinnen und Ukrainer, die allein von Polen aus wieder in ihr Heimatland zurückkehren würden – trotz der Kriegshandlungen, die vor allem den Osten des Landes betreffen. Auch die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge aus der Ukraine war zuletzt in Deutschland deutlich im Vergleich etwa zum März gesunken. Möglich also, dass die tatsächliche Zahl der aktuell in Deutschland lebenden Flüchtlinge unter dem Wert von gut 600.000 Personen liegt.

Riesen-Datentopf AZR: Doppelerfassungen im Zentralregister sind möglich

Auch ist nicht auszuschließen, dass Flüchtlinge aus der Ukraine im AZR doppelt erfasst wurden – gerade wenn die Angaben der Geflüchteten manuell in die Datenbanken eingetragen werden, passieren Fehler. Bisher sind laut Statistik des Bamf rund 216.000 Personen „vollständig mit biometrischen Merkmalen“ registriert, also mit Fingerabdrücken und einem biometrischen Passfoto.

Von den anderen ukrainischen Flüchtlingen wurden bisher nur persönliche Daten erfasst, also Namen, Geburtsdaten und Geburtsort. Das dürften vor allem Menschen sein, die etwa zuerst in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergekommen sind, wo keine Technik zur Registrierung vor Ort war.

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