Gräueltaten

Ukraine: Noch immer liegen Leichen in den Häusern in Butscha

Philippe Lobjois
| Lesedauer: 10 Minuten
Ukraine: Mehr als 1200 Tote in Region Kiew entdeckt

Ukraine: Mehr als 1200 Tote in Region Kiew entdeckt

Nach dem Rückzug der russischen Truppen aus der Region um Kiew sind dort nach ukrainischen Angaben mehr als 1200 Todesopfer gefunden worden. In Städten wie Butscha, Irpin oder Borodjanka waren zuletzt hunderte Leichen und mehrere Massengräber gefunden worden.

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Butscha.  Vor kurzem war der Vorort von Kiew eine vergnügte Gemeinde. Nun kommen nach Abzug der russischen Soldaten immer weitere Gräuel ans Licht.

Absolute Stille. Nachts gibt es in Butscha nicht ein Geräusch mehr: nicht einmal von Haustieren oder Vögeln – oder von Menschen. Morgens dann erregt der Lärm, den die kleine braun-beige Hündin von Ludmilla und Nina Boschok in der Siegesstraße Nr. 11 macht, Aufmerksamkeit.

Sie ist bei den leblosen Körpern ihrer Frauchen geblieben. Die eine liegt in der offenen Haustür ihres bescheidenen Heims, ihre Schwester ausgestreckt in der Küche, unter einem Holztisch mit einer gemusterten Wachstuchdecke. Unter lautem Bellen umkreist das Tier die Leichen der beiden Frauen und kann sie doch nicht wieder zum Leben erwecken.

Im Hof des kleinen Hauses haben Schrapnellsplitter die Palisaden durchlöchert. „Sie wurden beide von einer Rakete erwischt, die am 5. März eingeschlagen ist. Die eine war gerade am Gartenzaun, sie war sofort tot.“, erzählt der Nachbar. „Zwei Männer, die gerade vorbeikamen, haben ihren Körper ins Haus gezogen. Aber wegen der Bombardierungen sind sie nicht weitergekommen.“ Die beiden Schwestern sind da liegengeblieben und warten. „Nachdem die Russen abgezogen waren, habe ich die Polizei gerufen“, erzählt der Nachbar weiter. „Aber die hatten so viel zu tun.“

Ukraine-Krieg: In Butscha liegen viele Leichname in Gärten, Häusern und Kellern

Die Beseitigung der Leichen war nach der erneuten Einnahme der Stadt durch die ukrainische Armee das Dringendste. Die sichtbarsten Leichname wurden fortgeräumt. Jetzt geht es auf die Suche nach denen, die in den Gärten, den Häusern und den Kellern liegen. Das ist die makabre Aufgabe der Polizei, die durch die zerstörte Stadt patrouilliert.

Vor dem Krieg war Butscha eine hübsche, schicke Siedlung, die direkt an Irpin anschließt und 25 Kilometer nordwestlich von Kiew liegt. Viele junge Paare, die in den Genuss einer Umgebung im Grünen, geprägt von hohen Pinien und gepflegten Rasen, kommen wollten, ließen die Bevölkerung jedes Jahr weiter anschwellen, bis sie 2021 36.000 Einwohner erreichte. Die Stadt lag auf dem Weg der russischen Streitkräfte, die die Landeshauptstadt Kiew ins Visier nahmen. Sie waren zunächst nur durchgezogen, bevor sie vor dem ukrainischen Widerstand zurückwichen und die Stadt ab dem 12. März besetzten.

Nach der Befreiung am 31. März besteht Butscha heute aus Kälte, Schlamm und von zerstörten Häusern gesäumten Straßen. Einige Überlebende, die dageblieben sind. Und die Toten. Die Opfer der Bombardierungen, der Hinrichtungen und der Kriegsverbrechen. Mehrere hundert. Abschließende Zahlen gibt es noch nicht.

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Butscha: Der leblose Körper der Frau weist Verletzungen auf, die Schädeldecke fehlt

Mit verschlossenen Mienen warten Beamte der Kriminalpolizei im Garten eines schicken Hauses in der Bahnhofsstraße 58 auf den Gerichtsmediziner. Im Carport steht ein luxuriöser Toyota Rav 4. Im Inneren des Hauses herrscht ein unbeschreibliches Chaos. Eingetretene Schränke, zerschmetterte Schubladen; auf der Suche nach Wertgegenständen wurde jedes Zimmer komplett auf den Kopf gestellt.

Am Boden mischen sich Bierflaschen mit Absatzschuhen und weit offenstehenden Handtaschen. Die Plünderung war brutal. Die Kriminalpolizisten setzen ihre Untersuchung fort. Sie suchen nach Ausweispapieren, Autoschlüsseln. Währenddessen wird eine Leiche mit Seilen aus dem Keller gehoben und aus dem Haus gebracht. Den Polizisten zufolge wurde das Opfer wahrscheinlich vergewaltigt, bevor es ermordet wurde. Der Körper weist Verletzungen auf, die Schädeldecke ist nicht mehr vorhanden.

Aus einem rot-blau-goldenen Bilderrahmen lächelt inmitten der Unordnung das schöne Gesicht einer jungen, braunhaarigen Frau, die ihr ganzes Leben noch vor sich hat. „Wenn man sich den Körper ansieht, war sie jünger als 40 Jahre. Aber es gibt keine Nachbarn mehr, niemanden mehr, der uns sagen kann, wie sie hieß“, erklärt einer der Gerichtsmediziner knapp. Kurze Zeit später findet sich auf dem Versicherungsschein für das Auto ein Name. Die junge Frau war 33.

Ukraine-Krieg: Leidensweg von Frau soll zwei Tage gedauert haben

Hinter dem Haus liegen mitten auf einer Grünfläche Dutzende Munitionskisten für 120 mm-Raketen im Schlamm herum. „Hier haben die Russen ihre Mörser positioniert, vielleicht ein Dutzend; wir wissen es nicht.“, sagt einer der Polizisten. In einer Ecke sondiert ein Mitglied eines Minenräumkommandos mit der Spitzhacke in der Hand vorsichtig den Boden und prüft die verschlossenen Kisten. „Sie hatten nicht wirklich Zeit, alles zu verminen. Wir haben ein paar gefunden, aber nichts Ausgefeiltes“, erklärt der Soldat.

Schließlich kommt Sergeij Kopatschew, ein Nachbar, der ein paar Häuser weiter wohnt, aus seinem Haus. Seiner Aussage nach hat der Leidensweg der Frau, die ermordet aufgefunden wurde, zwei Tage gedauert. Er selbst wartet darauf, seine eigene Tochter, die 36-jährige Anna, in Würde begraben zu können. Sie wurde von russischen Soldaten hingerichtet, gemeinsam mit einem Freund, der ebenfalls mit einem Kopfschuss getötet wurde. Laut ihrem Vater hatte sie auf ihre anzüglichen Scherze „Ehre der Ukraine“ geantwortet. Sie haben ihr in den Kopf geschossen.

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Gerichtsmediziner holen die Leichensäcke aus dem Massengräbern. Sie sichern Beweise

In einiger Entfernung leuchten die goldenen Zwiebeltürme der Apostelkirche des Heiligen Andreas, ein Symbol der vergangenen Pracht dieser Wohngegend, in der fahlen Sonne. Soldaten haben den Eingang abgeriegelt und filtern die Ankommenden. Hinter dem Gebäude wurden die ersten eingesammelten Leichen in großen schwarzen Plastiksäcken in einem als Massengrab dienenden, neu ausgehobenen Graben abgelegt.

Weiter entfernt warten, mit geröteten Augen, die Familien. Es sind vor allem Frauen, die gekommen sind, um herauszufinden, ob sich unter den hier versammelten Todesopfern Angehörige befinden. Im Graben sind in weiße Overalls gekleidete Gerichtsmediziner damit beschäftigt, einen Sack nach dem anderen herauszuholen. Nach dem Öffnen der Hülle führen sie eine kurze Untersuchung durch, um den Ursprung der sichtbaren Verletzungen festzustellen.

Vor allem die ältern Frauen sind geblieben

In der Tarasiwska-Straße 10 B sind drei ältere Frauen, Galina Fitisowa, Ala Saponenko und Galina Maluschenko, damit beschäftigt, auf einem improvisierten Feuer Teewasser zu kochen. Auf dem Gehweg vor der Eingangstür des Wohnblocks schieben die drei Frauen Kleinholz unter das gusseiserne Gitter. „Seit einem Monat ist das unsere Heizung, seit dem Einmarsch der Russen in die Stadt“, sagt eine der beiden Galinas.

Von den 400 Menschen, die in dem Wohnblock leben, sind nur zwölf, vor allem Frauen, während der russischen Besatzung geblieben. „Alle sind in den ersten drei, vier Tagen nach der Invasion gegangen. Bevor sie geflohen sind, haben sie mir ihre Schlüssel und, was sie im Kühlschrank hatten, gegeben. So konnten wir durchhalten“, erklärt eine der drei. „Ein paar Tage später wurden wegen der Bombardierungen das Wasser, der Strom und das Gas abgestellt.“

Einen Monat später ist das immer noch so. Zusätzlich zur Stille herrscht nachts in der Stadt tiefste Dunkelheit und eine eisige Kälte. Ein weißer Lieferwagen parkt nicht weit entfernt ein. Ein Mann steigt aus, um ihnen Säcke mit roten Äpfeln, großen Brotlaiben und Eiern auszuteilen.

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„Sie haben sich gelangweilt oder sie waren betrunken, also haben sie geschossen.“

Galina Fitisowa mit der tief in die Stirn gezogenen, roten Schirmmütze redet weiter: „Zehn Tage lang waren wir ohne Nachrichten vom Rest der Welt, dann hat es eine der Nachbarinnen geschafft, ihr Radio zum Laufen zu bringen. Aber nur leise, damit die Russen uns nicht hören.“ Mit 63 Jahren ist sie zur „Wächterin“ über die 109 Wohnungen des Wohnblocks geworden, in dem sie seit 1989 wohnt. Sie weigert sich, wegzugehen. „Zu alt“, sagt die kleine, energische Frau.

Fast einen Monat lang ist ihr Leben zur Hölle geworden. Die Russen, die nicht weit entfernt Stellung bezogen hatten, streiften durch das Viertel, haben aber nicht versucht, sich an ihnen zu vergreifen. Manche, die oben auf den Gebäuden postiert waren, machten sich laut der Bewohner einen Spaß daraus, auf die Menschen zu schießen, die auf dem Weg zum 200 Meter entfernten Brunnen waren, um Wasser zu holen. „Sie haben sich gelangweilt oder sie waren betrunken, also haben sie geschossen.“

Mehrere Bewohner der umliegenden Häuser sind gefallen. Hinter dem Wohnblock, nicht weit von den überquellenden Mülltonnen wurden neun Gräber ausgehoben, direkt auf dem Rasen der Grünfläche, die vor ein, zwei Monaten noch ein Spielplatz war. „Sein Name war Sergeij“, sagt Galina und zeigt auf ein Kreuz. Auf dem in den Erdhaufen gesteckten Holz ist zu lesen „1965 – 2022“. Die anderen hier begrabenen Opfer wohnten im Gebäude gegenüber.

Galina steht unbeweglich vor den improvisierten Gräbern. „Morgen kommen sie, um sie umzubetten. Sie dürfen hier nicht bleiben. Sie müssen in Frieden ruhen.“ Die Buddhistin Galina Fitisowa, die durch ihren Vater Halbchinesin ist, glaubt, dass man die wandernden Seelen besänftigen muss. In Butscha gibt es sehr viele wandernde Seelen zu besänftigen.

Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt