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Ukraine-Krieg: Russischer Angriff läuft nicht nach Plan

Miguel Sanches
| Lesedauer: 4 Minuten
Handybilder zeigen Zerstörung im ukrainischen Borodjanka

Handybilder zeigen Zerstörung im ukrainischen Borodjanka

Handybilder zeigen die Zerstörung im ukrainischen Ort Borodjanka vor den Toren der Hauptstadt Kiew durch russischen Beschuss.

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Berlin   Kiew in zwei Wochen einnehmen? Putins Hoffnung ist verflogen und ein Blitzsieg Russlands nicht in Sicht. Fünf Szenarien für die Ukraine.

Der Ukraine-Krieg verläuft aus russischer Sicht nicht nach Wunsch, sondern allenfalls "nach Plan". Dass Angegriffene sich wehren, ist der Normalfall; ebenso, dass eine Eroberung trotz militärischer Überlegenheit lange dauern kann. Zumal die Ukraine der zweitgrößte Staat in Europa ist.

Zur Erinnerung: Die Eroberung Kuwaits, die Operation "Desert Storm", zog sich von Mitte Januar bis Ende Februar 1991 hin. Mehr Zeit brauchten die USA 2001 in Afghanistan. Ihr Angriff begann am 4. Oktober, am 13. November nahmen sie Kabul ein, einige Talibanhochburgen auch später.

Der frühere EU-Kommissionspräsident Josè Manuel Barroso erinnert sich gut daran, was Russlands Präsident Wladimir Putin ihm nach der Annexion der Krim 2014 sagte: "Ich kann garantieren, dass die russischen Streitkräfte Kiew in weniger als zwei Wochen einnehmen könnten."

Ein Blitzkrieg nach diesem Maßstab erscheint in der nunmehr zweiten Kriegswoche nicht mehr realistisch. Die russische Armee dürfte sich nun der gnadenlosen Taktiken im Tschetschenienkrieg bedienen: Kiews Einkesselung, massive Luftangriffe, danach der Sturm – Häuserkampf.

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Wie es weiter geht, ist relativ klar; weniger, wie die Gewalt enden wird. Fünf Szenarien für die Ukraine in den nächsten Wochen und Monaten.

Szenario 1: Der Siegfrieden

Ende mit Schrecken: Die russischen Truppen nehmen Kiew ein. Ein Teil der Führung um Präsident Wolodymyr Selenskyj wird ermordet oder deportiert. Der Widerstand erlischt. Das Militär wird entwaffnet und aufgelöst. Eine Marionettenregierung tritt den Ostteil der Ukraine ab. Seit dem ersten Weltkrieg gibt es dafür einen Begriff: den Siegfrieden.

Szenario 2: Der Partisanenkrieg

Schrecken ohne Ende: Die Russen nehmen die Ukraine ein, aber der Widerstand hält an – im Untergrund als Guerilla-Kampf. Der Westen unterstützt und bewaffnet den Widerstand, die Russen sind gezwungen in hoher Personalstärke im Land zu bleiben; schon um Waffenlieferungen aus dem Westen zu erschweren. Die ukrainische Regierung flieht, erst in den Westen des Landes, so etwa nach Lwiw, und im Extremfall ins Exil.

Szenario 3: Patt und Verständigungsfrieden

Russland verfehlt seine Ziele. In der militärischen Pattsituation verlegt sich Putin auf Schadensbegrenzung. Beide Seiten einigen sich auf einen Waffenstillstand und legen den Konflikt bei. Putins Minimalziel dürfte die Annexion des Donbass sein, um einen Landkorridor zur Krim zu schaffen. Ein Verständigungsfrieden ist das Gegenteil vom Siegfrieden. Mit dem "Winterkrieg" gibt es ein Vorbild: Ende 1939 greift die Sowjetunion Finnland an. Auf sich allein gestellt und unterlegen, leisten die Finnen monatelang Widerstand; der Angreifer erleidet schwere Verluste. In Verhandlungen tritt Finnland Teile Kareliens ab, aber bleibt selbständig.

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Szenario 4: Putin ausschalten

Schon jetzt ist klar, dass ein militärischer Erfolg nur ein Pyrrhussieg sein kann, verbunden mit extremen Verlusten. Allmählich bekommt die russische Öffentlichkeit die hohe Zahl der Opfer unter den eigenen Soldaten mit. Der Rubel wird entwertet, die Folgen der Sanktionen werden spürbar, die weltweite Ächtung beunruhigt die Eliten. Bevor Putin darauf mit einer Ausweitung des Kriegs antwortet, wird er vom Apparat abgesetzt.

Szenario 5: Der Krieg weitet sich aus

Die Russen können den Krieg gegen die Ukraine nicht gewinnen. Sie bluten aus, militärisch, politisch, ökonomisch. Die westliche Militärhilfe beschränkt sich nicht mehr auf leichte Abwehrwaffen, die Ukraine wird vielmehr mit schwerem Gerät unterstützt, mit Flugzeugen und Panzern. In der Bedrängnis greift Putin zu taktischen Atomwaffen, die Nato schreitet ein. Es ist das Höllenszenario, das keiner zu Ende denken möchte.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de.