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Krieg in der Ukraine: So erbittert ist der Kampf um Kiew

Jan Jessen
| Lesedauer: 7 Minuten
Selenskyj zeigt sich mit Mitarbeitern vor Präsidentenpalast in Kiew

Selenskyj zeigt sich mit Mitarbeitern vor Präsidentenpalast in Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich via seinem Facebook-Acount mit Mitarbeitern vor dem Präsidentenpalast in Kiew gezeigt und versichert, dass er sein Land verteidigen will.

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Kiew/Berlin.  Russisches Militär dringt weiter in Richtung Kiew vor. Menschen fliehen vor Raketenangriffen. Doch Russland nimmt auch Verluste hin.

Krieg ist nicht immer laut, dröhnend, mächtig. Krieg ist oft auch still. Auf dem Maidan huschen Passanten die Fußwege hoch, wenige Autos fahren die große Hauptstraße im Kiewer Zentrum entlang, auf der 2014 Tausende Menschen gegen das pro-russische Regime in der Ukraine protestiert hatten. Viele Menschen haben sich verkrochen, in ihren Wohnung, in Kellern, in Luftschutzbunkern. Draußen ist Ruhe. Bis die Sirenen wieder aufheulen, ein langer schreiender Ton.

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Tag 2 nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine. Die Truppen von Machthaber Wladimir Putin sind bis in die ukrainische Hauptstadt vorgedrungen. Das berichtet das ukrainische Verteidigungsministerium. Das deckt sich mit Videos und Berichten von Augenzeugen. Schon am Morgen, vor Sonnenaufgang, hatten neue Luftschläge begonnen.

Doch weiterhin ist die Lage unübersichtlich, auf Twitter und Facebook kursieren Fotos von Getöteten, von Detonationen. Nicht immer ist klar, wer getroffen wurde. Falschinformationen werden bewusst gestreut. Moderne Kriegsführung spielt auch im Schlachtfeld Internet. Ein Kampf um Stimmungen.

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„Das letzte Mal, dass unsere Hauptstadt so etwas erlebt hat, war 1941“

Doch das Donnern am Morgen ist real. In einem Wohnblock in Kiew schlägt eine russische Rakete ein. Fassaden brennen, Trümmerteile liegen am Haus. Es ist kein Bombardement in der Fläche, das Kiew erlebt. Aber die Einschläge russischer Raketen werden mehr, sie dringen näher ins Zentrum. Es habe „schreckliche Raketenangriffe auf Kiew“ gegeben, schreibt der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba am frühen Morgen auf Twitter. „Das letzte Mal, dass unsere Hauptstadt so etwas erlebt hat, war 1941, als sie von Nazi-Deutschland angegriffen wurde.“

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Viele Menschen ziehen sich zurück, unter die Stadt. Dort, auf den Bahnsteigen der Metro, viele Dutzende Meter tief, liegen Menschen auf Decken, hocken an der gefliesten Wand. Viele haben einen Rucksack dabei mit Wasser, etwas zu essen. Oben, am Firmament hängen prunkvolle Kronleuchter aus der Sowjetzeit.

Ukraine spricht von mehr als 1000 getöteten russischen Angreifern

Andere Menschen umarmen ihre Kinder, kauern sich schweigend aneinander, manche haben auch ihre Haustiere mitgebracht. Eine junge Frau hält ihre Katze im Arm, schützt sie mit einer Decke. Niemand weiß, was oben auf den Straßen der ukrainischen Hauptstadt genau passiert. Viele kucken auf ihr Smartphone, suchen nach Nachrichten über die Gefechte, versuchen Freunde und Familie zu erreichen.

Die Nachrichten überschlagen sich stündlich: Der strategisch wichtige Flugplatz Hostomel nordwestlich von Kiew sei eingenommen worden, teilt das Verteidigungsministerium in Moskau der Agentur Tass zufolge mit. Dabei seien 200 Ukrainer „neutralisiert“ worden. Eigene Verluste gebe es nicht, behauptete das Ministerium. Von ukrainischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung. Zuletzt hatte die Führung in Kiew mitgeteilt, Angriffe auf Hostomel zurückgeschlagen zu haben. Dabei hätten die russischen Truppen schwere Verluste erlitten.

Die ukrainischen Streitkräfte sprechen von mehr als 1000 getöteten russischen Angreifern. Solch schwere Verluste in so kurzer Zeit habe Russland bisher in keinem Konflikt erlitten, behauptete das ukrainische Heer. Das russische Verteidigungsministerium hatte hingegen mitgeteilt, es gebe keine Verluste. Die Angaben sind nicht unabhängig zu überprüfen. Klar scheint, die russischen Truppen erobern weitere Teile des Landes.

Videos von russischen Kampfhubschraubern über Kiew verunsichern

Im Stadtteil Obolonsky im Norden Kiews meldet die Armee Gefechte, Menschen rennen um ihr Leben. Größere Explosionen sind laut Medienberichten auch noch im sieben Kilometer entfernten Stadtzentrum zu hören.

Schon am Tag 1 gab es Videos von mutmaßlichen russischen Kampfhubschraubern über Kiew. Nun mehren sich die Bilder, die belegen sollen, dass Putins Panzer vorrollen. Teilweise offenbar unter falscher Flagge. So legen Videoaufnahmen nahe, dass ukrainische Soldaten russische Einheiten töteten, die sich mit ukrainischer Uniform und Fahrzeugen in die Hauptstadt einschleichen wollten. Offizielle bestätigt wurde der Fall nicht. Von der ukrainischen Regierung heißt es aber: „Feindliche Sabotagekräfte sind in Kiew eingedrungen.“

An einem anderen Ort Kiews spielen sich dramatische Szenen ab, als russische Truppen näher ins Zentrum vorrücken. Sanitäter helfen einem Mann, ein gepanzerter Wagen, mutmaßlich von der russischen Armee, hatte ihn in seinem Auto überrollt – mitten in einem Wohnviertel, mitten auf einer breiten, mehrspurigen Straße. Der Krieg wird brutaler, blutiger, am Tag 2. Es ist ein Mosaik an Schlachtfeldern geworden.

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Präsident Selenskyj rief Ukrainer zu den Waffen

Das Regierungsviertel ist im Visier von Putins Armee. Doch bis zum späten Freitagnachmittag hält die ukrainische Armee offenbar die Schlüsselstellen der Macht. Präsident Selenskyj hatte jeden, der kann, zur Waffe gerufen.

Auf einem Hof verteilen Soldaten von einem Militärlastwagen Schnellfeuerwaffen an Männer mit Daunenjacken. Jemand schießt ein Foto, wie Leute Molotow-Cocktails vorbereitet haben. Die Flaschen, gefüllt mit Benzin aus Kanistern, stehen in Plastikkörben am Wegesrand. Teilweise sprengt die ukrainische Armee Brücken, damit die russischen Einheiten nicht weiter vordringen können.

„Die Stadt ist im Verteidigungsmodus“, sagt Bürgermeister Vitali Klitschko der Agentur Unian zufolge. Wer auf den großen Ausfallstraßen aus dem Zentrum in Richtung Stadtrand fährt, sieht mehrere Stellungen von ukrainischen Soldaten. Hinter Sandsäcken bauen sie ihre Posten auf, bewaffnet mit Panzerfäusten und Maschinenpistolen. Sie warten auf die ersten russischen Panzer. Immer wieder fahren Militärfahrzeuge durch die Straßen Kiews.

Kiew im Krieg: Stille im Zentrum, aber volle Hauptstraßen

Klitschkos Stadtverwaltung ruft die Einwohner auf, Überwachungskameras auszuschalten und abzuhängen, damit russische Truppen dadurch keinen Einblick in ukrainische Stellungen erhielten.

Doch viele fliehen auch. In einigen Fällen sollen noch Züge durch das Land fahren, vom Osten in Richtung Kiew. Doch viele wollen weiter, halten die Hauptstadt nicht mehr für sicher.

Kiews Hauptstraßen füllen sich mit Autos, je weiter man von der Stille im Stadtzentrum entfernt ist. Irgendwann bilden sich Staus, nur langsam kommen die Fluchtkolonnen voran. Am Wegesrand stehen Menschen, an der Hand ein paar Plastiktüten oder eine Tasche, manche haben ihren Rucksack aufgeschnallt. Sie strecken ihren Arm aus, heben den Daumen. Per Anhalter aus der Kampfzone.

(Mitarbeit: Christian Unger)

Dieser Text ist zuerst auf waz.de erschienen.