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Ukraine-Krieg: Wie Schwarze an den Grenzen abgewiesen werden

Jan Jessen und Julian Würzer
| Lesedauer: 7 Minuten
Ukraine-Krieg: Schwere Kämpfe um Großstädte

Ukraine-Krieg- Schwere Kämpfe um Großstädte

Die russischen Truppen haben ihre Angriffe auf zahlreiche ukrainische Städte in der Nacht fortgesetzt. Nach ukrainischen Angaben griffen russische Luftlandetruppen die zweitgrößte Stadt Charkiw an. Die russische Armee verkündete die Einnahme der Hafenstadt Cherson im Süden der Ukraine.

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Die Hautfarbe kann bei der Flucht aus der Ukraine einen Unterschied machen. Afrikaner und Inder erheben schwere Rassismus-Vorwürfe.

Ronald Manga kämpft mit den Tränen, wenn er über die langen Stunden an der ukrainischen Grenze zu Polen spricht. Nicht weil er das Land verlassen muss, indem er seit sechs Jahren lebt. Er zeigt den zerrissenen Ärmel seiner Jacke und eine Schwellung unter seinem linken Auge. Ein ukrainischer Soldat an der Grenze habe ihn geschlagen, sagt er. Eine Stunde lang habe er geweint, seine Ehefrau habe ihn am Telefon trösten müssen.

„Es ist traurig, dass die ganze Welt hinter der Ukraine steht, aber die Ukraine nicht hinter den Menschen im eigenen Land.“ In dem ukrainischen Drama, das sich in diesen Tagen vor der Welt entfaltet, scheint sich ein zusätzliches Drama abzuspielen, die ungerechte, demütigende Behandlung von dunkelhäutigen Ausländern, die aus dem Land fliehen wollen.

Ihr seien Gerüchte zu Ohren gekommen, dass „Menschen afrikanischer Herkunft, die aus der Ukraine fliehen, an den EU-Grenzen diskriminiert werden“, sagt die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock am Dienstag vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Das ist möglicherweise nur die halbe Wahrheit. Die Diskriminierung fängt offenbar schon in der Ukraine selbst an.

Mike Agboola, 40, stammt aus Nigeria, lebt seit fünfzehn Jahren in der Ukraine und hat in Kiew als Arzt gearbeitet. Agboola hat sich am vergangenen Freitag auf den Weg von Kiew über Lwiw und Malyj Beresnyj in die Slowakei und von dort aus nach Deutschland gemacht. Auf der sechstätigen Reise hat er immer Videos für die Foren auf WhatsApp oder Telegram gemacht, in denen die in der Ukraine lebenden Ausländer vernetzt sind. „Bitte bleibt ruhig. Gehorcht den Anordnungen der Behörden.“ Vor allem: Meidet die Grenzübergänge zu Polen.

In der Ukraine haben nach Einschätzung von Agboola vor der russischen Invasion mindestens 100.000 Ausländer. Die meisten sind Studierende, viele stammen aus Afrika, dem Mittleren Osten oder Indien. „Es ist leicht, ein Visum zu bekommen, die Prüfungen kann man bestehen, wenn man Geld zahlt.“ Von dem russischen Überfall sind sie genauso überrascht worden, wie alle Menschen in der Ukraine.

In Foren wie „Africa Security Forum“ oder „Foreign Hub Ukraine” ploppen im Minutentakt Anfrage auf. Wie weiter? Wohin? Dazu Berichte und Videos, die nahelegen, dass die ukrainischen Sicherheitskräfte in den vergangenen Tagen teils sehr robust speziell gegen dunkelhäutige Menschen vorgegangen sind. „In Lwiw, Mariupol und Kiew sind Menschen nicht in Züge hereingelassen oder wieder herausgezerrt worden“, erzählt Agboola.

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Der Weg nach Westen wurde für viele versperrt

An mehreren polnischen Grenzübergängen sollen ukrainische Grenzer Tränengas eingesetzt haben, polnische Grenzer sollen Flüchtlinge ohne ukrainischen Pass zurückgedrängt haben. In Lutsk etwa 400 Kilometer westlich von Kiew wurden Syrer in einem Gebäude mit vergitterten Fenstern interniert. Angehörige in Deutschland berichten, den Männern seien ihre Mobiltelefone abgenommen worden.

An den Grenzen zur Slowakei, Moldawien, Rumänien oder Ungarn sollen Ausländer jedoch problemlos durchgekommen sein. „Besonders Rumänien hat alle Menschen sehr warmherzig empfangen“, sagt Agboola. Manche der Ausländer seien von der Front überrollt worden, ihnen sei der Weg nach Westen versperrt gewesen. „Manche sind deswegen nach Russland geflohen.“

Ronald Manga, der 27-Jährige, der an der Grenze zu Polen verprügelt wurde, ist Kameruner. Er studiert Politikwissenschaften in Kiew und hat eine ukrainische Frau. Als er am Samstag mit seiner Familie an der polnischen Grenze ankommt, lassen die Ukrainer Mangas Frau und ihre Kinder die Grenze passieren. Manga muss warten, wie er erzählt: „Sie haben anfangs nur ukrainische Frauen und Kinder durchgelassen“, sagt er zwei Tage später in einem Auffanglager in Mynly.

Viele schwarze Frauen mit jungen Kindern und Babys seien nicht durchgelassen werden. „Das ist rassistisch also bin ich für meine Schwestern aufgestanden“, sagt er. Lautstark fordert er einen Grenzbeamten auf, nicht nur die ukrainischen Frauen über die Grenze zu lassen, sondern auch schwarze Frauen. Daraufhin stößt der Soldat ihn zurück. „Was habe ich getan?“, fragt Manga. Plötzlich kommen weitere Grenzbeamte. Zwei oder drei. Sie nehmen ihn mit in eine Ecke, aus der Aufmerksamkeit. Dann schlägt ein Soldat drei Mal zu und sagt: „Halt deine Fresse!“.

Polens Grenzschutz widerspricht Vorwürfen

Die Afrikanische Union zeigte sich angesichts der Berichte über Rassismus „verstört“. Versuche, Afrikaner daran zu hindern, während eines Konfliktes internationale Grenzen zu überqueren, seien rassistisch und ein Bruch internationalen Rechts, hieß es in einer Mitteilung. „Jedem Geflüchteten muss unabhängig von seiner Nationalität, Herkunft oder Hautfarbe Schutz gewährt werden“, betont die deutsche Außenministerin vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen.

Polens Grenzschutz hat dem Vorwurf widersprochen, wonach Afrikaner bei ihrer Flucht vor dem Ukraine-Krieg aus rassistischen Gründen zurückgewiesen worden seien. Entsprechende Berichte in sozialen Medien seien „Unfug“, sagte eine Behördensprecherin am Montag. „Die Beamten des polnischen Grenzschutzes helfen allen Menschen, die aus dem Kriegsgebiet der Ukraine fliehen. Die Staatsangehörigkeit oder Nationalität spielen keine Rolle.“

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Die Aussagen der Behördensprecherin sollte man zumindest anzweifeln. Denn, dass Ausländerinnen und Ausländer an der Flucht gehindert werden, zeigt auch die Situation einer jungen indischen Frau, die am Grenzübergang in Medyk gestrandet ist. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Sie berichtet, dass sie am Samstagvormittag angekommen sei. Mehrere Male will sie die Grenze passieren als sich das Tor öffnet – wird aber immer wieder von Grenzbeamten zurückgedrängt. Bis sie Gewehre auf sie und andere Inderinnen richten. „Wir schießen, wenn ihr nicht wartet“, haben sie der jungen Frau zufolge gesagt. „Es ist nicht akzeptabel, dass sie Gewalt anwenden“, sagt sie.

Manche Ausländer wollen in der Ukraine bleiben und kämpfen

Chandramohan Nallur organisiert die Weiterfahrt für viele Inderinnen und Inder, die in Medyk ankommen. Rund 150 Menschen habe er schon geholfen, aber es würden noch mehr als 3000 Inderinnen und Inder in der Ukraine warten. Teils müssten sie 48 Stunden in der Kälte verbringen und bekämen weder zu essen noch zu trinken. Andere kämen mit geschwollenen Armen und Beinen in Polen an. „Sie drängen sie mit Schlagstöcken zurück“, sagt Nallur. Es sei eine schlimme Situation, viele müssten nach der Ankunft behandelt werden, manche bringt er sogar ins Krankenhaus.

Nicht alle Ausländer wollen jedoch aus der Ukraine fliehen. In einem Gespräch auf der Debatten-Plattform „Clubhouse“ diskutieren am Dienstagabend Afrikaner darüber, wie sie sich verhalten wollen. Ein Mann sagt, es sei Zeit an der Seite der Ukrainer zu kämpfen. Die ukrainische Regierung hat bereits zur Bildung einer „Internationalen Legion“ aufgerufen, in die sich nun viele Afrikaner einschreiben wollen.