Ukraine

Reise in den Krieg: „Lasse mein Leben, wenn es sein muss“

Julian Würzer
| Lesedauer: 10 Minuten
Hunderte helfen Flüchtlingen, die in Berlin ankommen

Hunderte helfen Flüchtlingen, die in Berlin ankommen

Am Mittwochabend – kurz vor Mitternacht – trifft er ein: Der Zug aus Warschau, der am Berliner Hauptbahnhof hält. Darin befinden sich hunderte Flüchtlinge aus der Ukraine, die vor dem Krieg in ihrem Land Schutz suchen. Vor Ort helfen viele und bieten ihre privaten Wohnungen an.

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Medyka.  Sie kommen aus New York, aus Polen und aus Deutschland. Ukrainer, die zurückkehren, um gegen die Russen ihre Heimat zu verteidigen.

Es sind genau 340 Schritte vom Parkplatz bis zum Grenzübergang in die Ukraine. Im polnischen Medyka beleuchten die Straßenlaternen den grauen Weg aus Pflastersteinen. Auf der anderen Straßenseite ziehen Flüchtlinge ihre Koffer hinter sich her, am Wegrand brennen immer wieder kleine Feuer. Die Flüchtenden wärmen sich in dieser kalten Nacht Ende Februar. Die letzten Schritte sind die härtesten.

Sie führen steil nach oben, durch ein Drehkreuz in ein kleines Gebäude. Dann gibt es kein zurück mehr, aber das kümmert Serhii wenig. „In diesen schwierigen Stunden will ich meinem Land beistehen“, sagt er ruhig.

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Krieg in der Ukraine: Serhii aus New York will in seiner Heimat kämpfen

Der junge Mann setzt seine Sporttasche ab, schnauft durch. Seit zwei Tagen reist er durch die Welt. In New York steigt er ins Flugzeug und erst in Krakau wieder aus. Mit dem Bus fährt er bis an die ukrainische Grenze. Im grellen Laternenlicht sieht Serhii aus, als komme er gerade aus dem Fitnessstudio. Er trägt Jeans, Sneaker, eine graue Daunenjacke. Würde man ihn auf der Straße treffen, man würde nicht ahnen, dass er in den Krieg zieht.

In einem früheren Leben, das nur wenige Tage entfernt liegt, hat Serhii, 30, auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Viele Monate verbringt er auf dem Schiff. Nachdem Wladimir Putin am 24. Februar seinen Truppen befiehlt, die Ukraine anzugreifen, ruft Serhii seinen Vorgesetzten an und kündigt den Vertrag. Er erzählt, dass er für diese Entscheidung keine fünf Stunden benötigt. „Nichts kann mich hindern, für Freiheit und Demokratie in der Ukraine zu kämpfen.“.

Und wie eine Erklärung fügt er hinzu: „Mein Land braucht mich mehr als meine Kollegen.“ Auch mehr als seine Eltern, glaubt er. Noch am 24. Februar telefoniert er mit ihnen. Sie versuchen, ihm sein Vorhaben auszureden, er soll nicht zurück in sein Heimatland, sagen sie ihm. Denn sie haben Angst um ihren Sohn. Er entgegnet, jeder Ukrainer gehe in diesen Stunden zurück, wie seine Freunde, er wolle das Gleiche tun und sie nicht im Stich lassen. „Es wird auch ohne mich gehen“, sagt er zu seinen Eltern. So erzählt er es.

Ukraine-Krieg: Männer dürfen das Land nicht mehr verlassen

Auf dem Weg zum Grenzübergang in Medyka machen Ukrainer aus dem Ausland in diesen Tagen die letzten Schritte, in denen sie noch umkehren können – in ihr altes Leben. Sie können ihren Rucksack nehmen, das nächste Taxi bestellen und den Krieg aus der Ferne betrachten. Aus der Ferne hoffen. Aus der Ferne in Sicherheit sein. Sie können auf diesen Metern sich selbst sagen, mein Leben ist mehr wert als es womöglich im Kampf gegen Russland zu verlieren.

Sind die Männer erst einmal in der Ukraine, ist jenen zwischen 18 und 60 Jahren die Ausreise untersagt. Doch auf dem Weg mit den Pflastersteinen kehrt in diesen Tagen keiner wieder um. Sie alle folgen dem Aufruf ihres Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Wer immer „die Besatzer aufhalten und zerstören“ könne, solle es tun – notfalls mit selbstgebastelten Molotowcocktails.

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Dmytro sagt, er habe keine Angst zu sterben. Am Vortag war er noch in Litauen, hat in seiner Wohnung mit seiner Frau und seinen Kindern telefoniert, die in einem kleinen Dorf, 100 Kilometer von Kiew entfernt, untergebracht sind. Am 18. Februar ist Dmytro, 44, wegen seiner Arbeit nach Litauen gezogen, eine Woche später bricht der Krieg in seinem Land aus.

Bei dem Telefonat am Vortrag mit seiner Frau wiederholt sie ihre Worte der vergangenen Tage, erzählt er. Er solle bloß nicht zurückgehen. „Bleib dem Krieg fern.“ Seine beiden Rucksäcke sind da schon gepackt. Er verharrt noch einen Augenblick vor dem Drehkreuz. Blickt noch einmal in die Ferne über den Weg zurück. „Wir werden uns wiedersehen, wenn der Krieg vorbei ist“, sagt er und verschwindet.

Dmytro ist einer der Rückkehrer, die noch nie in ihrem Leben eine Waffe in der Hand gehalten haben. Sie unterschreiben einen Vertrag mit der „Territorial Defense“, der Reservisteneinheit der ukrainischen Armee. Auch die Internetseite des ukrainischen Verteidigungsministeriums versucht die Kämpfer aus aller Welt anzuwerben, über eine Hotline, können sich Interessierte informieren.

Bei den Truppen der „Territorial Defense“ werden sie über Tage und Wochen auf den Ernstfall vorbereitet. Sie lernen den Umgang mit Waffen, schlafen zusammen in Baracken und bewachen kleine Bezirke oder Checkpoints. Erst wenn die Anzahl der Soldaten an der Kriegsfront in Unterzahl gerät, sollen diese Reservisten in den Krieg einbezogen werden. Die ukrainische Armee verfügt über rund 200.000 aktive Soldaten, die russische Armee hat über eine Million – bei der Zahl der Reservisten ist das Verhältnis 900.000 zu zwei Millionen.

Zwei Ukrainer aus Polen, der eine bringt den anderen in den Krieg

Die 340 Schritte bis zur Grenze tritt Yurii, 22, mit seinem Freund Sviatoslav, 23, an. „Beste Freunde“, sagt Sviatoslav. Vor drei Jahren lernen sie sich an der Universität in Rzeszow kennen. Sie studieren Tourismusmanagement, sitzen nebeneinander in Vorlesungen. Seit dem ersten Jahr an der Universität wohnen sie zusammen in der kleinen Stadt, die eine Stunde Autofahrt von der Grenze in Medyka entfernt liegt. Sie lernen viel, gehen abends aus, typische Studenten eben . Yurii sieht nicht aus wie ein Kämpfer, eher wie ein junger Mann, der auf eine Reise nach Norwegen oder Schweden fährt.

In seiner Sporttasche steckt ein dickes Buch, über die Geschichte Roms. Er sagt, er werde es hoffentlich zu Ende lesen können und dann nach Polen zurückkehren. Als der Weg steiler wird, rutscht Yurii ein Plastikbeutel aus der Hand – darin drei frisch verpackte Walki-Talkies. „Man versucht zu helfen, wo es geht.“ Dann die letzten Meter. Vor dem Drehkreuz umarmen sich die beiden – kurz. Als Sviatoslav den Weg wieder zurückläuft, sagt er: „Es wird alles gut, mein bester Freund wird zurückkommen.“

Sergej hat Angst, aber er will siegen

Viele Männer auf diesem Weg sind stolz, ihrem Land zu helfen. Sie sehen es als ihre Pflicht, nun zurückzukehren, und für die Unabhängigkeit der Ukraine einzustehen. Junge und alte Männer, solche mit Familie, aber auch ohne, wollen zurückkehren. Die Motive des einzelnen mögen unterschiedlich sein, doch das Unterfangen bleibt lebensgefährlich.

Sergej, 27, marschiert mit fünf Freunden aus einer kleinen Stadt nahe Krakau zurück. Manche der sechs Männer tragen Tarnfarben, sehen aus als würden sie sofort in den Krieg ziehen. Sergej trägt Sneaker und eine Uschanka wärmt seine Ohren. „Ich habe natürlich Angst“, sagt er. Aber er finde es nicht richtig, dass Putins Armee in das Land eindringe. Während er auf das Drehkreuz zuläuft, wirkt er wie in einem Tunnel. Die Szene erinnert an einen Boxer, der jeden Moment in den Ring steigt. Sergej ist ganz bei sich, redet nicht viel, als der Weg steiler wird. Doch dann will er noch eine letzte Botschaft loswerden. „Sieg für die guten Jungs“. Er zwinkert.

Charkiw unter Beschuss, in Kiew gibt es Tote

Während die Männer in die Ukraine ziehen, folgt eine schreckliche Nachricht auf die nächste in der Ukraine. In der Nacht steht Charkiw unter Beschuss. Ein von ukrainischen Medien verbreitetes Video zeigt den Einschlag einer Rakete in den Regierungssitz der Stadt und einen riesigen Feuerball. Bei einem russischen Angriff auf den Fernsehturm in Kiew werden Menschen getötet. Und auf die Hauptstadt bewegt sich ein russischer Militärkonvoi zu. Es heißt, die nächsten Tage werden entscheidend sein.

Sasha, 22, tritt den Weg über die Grenze alleine an. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Vielleicht liegt es an der eisigen Kälte, vielleicht ist es aber auch die Ungewissheit über das, was auf ihn zukommt. Sasha lebt seit zwei Jahren im polnischen Stettin. Am Vortag hat er noch eine heftige Diskussion mit seiner Freundin. Sie wolle keinen Krieg und auch nicht, dass ich daran teilnehme, sagt er. Er erzählt, sie flehte ihn an, zu bleiben. „Aber die Ukraine braucht mich jetzt.“ Die Nacht sei lang gewesen, viele Tränen hätten sie vergossen. Am Ende sagt sie ihm, sie liebe ihn.

Das Drehkreuz, nach dem es kein Zurück mehr gibt

Seiner Familie konnte er aber nichts sagen – das habe er nicht übers Herz gebracht. „Vielleicht rufe ich sie noch an.“ Vor dem Drehkreuz bleibt Sasha stehen. Er wirkt nicht so entschlossen wie Serhii. Dmytro und YuriiUnd er wirkt schon gar nicht so entschlossen wie Sergej. Sein Blick streift in der Leere umher, er versucht das Gespräch in die Länge zu ziehen. „Ich habe keine Angst, ich fühle mich gut“, sagt er mit leiser Stimme. Dann umarmt er den Reporter. „Ich werde mein Leben lassen, wenn es sein muss.“

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.