Kommentar

Ukraine-Krieg: Wie sich der neue Westen gegen Putin formiert

Michael Backfisch
| Lesedauer: 3 Minuten
Putins Drohung mit Atomwaffen - nur ein gefährlicher Bluff?

Putins Drohung mit Atomwaffen - nur ein gefährlicher Bluff?

Russlands Präsident Wladimir Putin droht dem Westen unverhohlen mit dem Einsatz von Atomwaffen. Experten sehen in dem Manöver einen wohl kalkulierten Bluff - allerdings einen sehr gefährlichen.

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Berlin  Eine weltweite Koalition aus Politik, Wirtschaft und Sport stellt sich gegen Putin. Der Kriegstreiber hat sich kräftig verkalkuliert.

Es gibt Daten, die sich in die Geschichte des 21. Jahrhunderts einbrennen werden. Der 11. September 2001 gehört dazu, als die Barbarei des islamistischen Terrors in der Welt einschlug wie niemals zuvor. Der 24. Februar 2022 markiert den Tag, als erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs ein europäisches Land in voller Breite überfallen wurde.

Mit der Invasion in die Ukraine ließ Russlands Präsident Wladimir Putin die Maske fallen. Der Verstoß gegen sein monatelang vorgetragenes Mantra, Moskau plane keinen Angriff auf das Nachbarland, entlarvte ihn als Lügner.

Vor diesem Hintergrund vollzog die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik eine historische 180-Grad-Wende. Der pazifistische Grundreflex, der in der deutschen Gesellschaft nach zwei Weltkriegen tief verankert ist, wich einer bitteren Einsicht: Ohne Entschlossenheit und militärische Stärke lässt sich ein Angriffskrieg nicht stoppen.

Mit der Ankündigung, Waffen an die Ukraine zu liefern, die Bundeswehr mit einem Sondervermögen über 100 Milliarden Euro auszustatten und schärfste Sanktionen gegen Russland zu verhängen, rang sich die rot-grün-gelbe Bundesregierung zu systemsprengenden Reformen durch.

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Europäische Union zeigt neue Kraft

Doch nicht nur Deutschland, auch die früher oftmals zerstrittene Europä­ische Union zeigt neue Kraft und Geschlossenheit. Die relativ zügig beschlossene Abkoppelung eines Großteils der russischen Banken vom internationalen Zahlungssystem Swift, der Export-Stopp für Hochtechnologie-Produkte und die Sperrung des Luftraums unterstreichen den neuen Schulterschluss der Gemeinschaft.

Die EU, die USA und die G7-Gruppe der wichtigsten westlichen Industrieländer stehen Seite an Seite in der Sanktionsfront gegen Putins Angriffskrieg. Der neue Westen spannt sich nicht nur von Amerika nach Europa. Er reicht bis nach Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland. Es ist eine Allianz, die für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte steht – gegen Putins militanten Gefängnisstaat. Selbst die politisch neu­trale Schweiz, in der Vergangenheit ein sicherer Hafen für die Milliardenvermögen von Diktatoren und zwielichtigen Geschäftsleuten, reihte sich ein

Schließlich fand auch die Nato zu neuer Stärke. In den letzten Jahren war das westliche Militärbündnis von Zweifeln an seiner Existenzberechtigung geplagt. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte die Allianz 2019 wegen mangelnder Absprachen der Amerikaner (Trump) und der Türken (Erdogan) noch als „hirntot“ bezeichnet. Angesichts des Ukraine-Kriegs stockt die Nato ihre Truppen im Baltikum, in Polen und Rumänen auf. Staaten wie Schweden und Finnland prüfen eine Mitgliedschaft im Bündnis.

Putin hat das Gegenteil von dem bekommen, was er erreichen wollte

Die Wirtschaft reagiert ebenfalls auf die russische Aggression. Unternehmen wie Daimler Truck, BP oder Shell kappen ihre geschäftlichen Aktivitäten in Russland. Der amerikanische Tech-Milliardär Elon Musk schaltet seinen Satelliten-Internetdienst für die Ukraine frei.

Und selbst der Sport zieht nach. Der Weltfußballverband Fifa und Europas Fußball-Union Uefa verbannen Russland von allen Wettbewerben. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) empfiehlt, dem Land weltweit die Teilnahme an Sportveranstaltungen zu verbieten.

Der große Spalter Putin hat sich kräftig verkalkuliert. Er wollte den Westen auseinanderdividieren und Zwietracht säen. Stattdessen erntete er Einigkeit. Eine historisch einmalige globale Regenbogenkoalition aus Politik, Wirtschaft und Sport stellt sich der russischen Aggression entgegen. Der Kremlchef hat das Gegenteil von dem bekommen, was er erreichen wollte.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.