Ukraine-Krieg

Ukraine: Ärzte arbeiten unter "unvorstellbaren Bedingungen"

Jan Jessen
| Lesedauer: 7 Minuten
Krieg in der Ukraine – Fotoreportage über "Menschen, die im Krieg bleiben"

Krieg in der Ukraine – Fotoreportage über "Menschen, die im Krieg bleiben"

FUNKE-Fotograf Reto Klar und FUNKE-Reporter Jan Jessen waren gemeinsam in der Ukraine. Dort haben sie Menschen getroffen, die ihr Land nicht verlassen haben. Darunter befinden sich Soldaten, Verletzte und Rentner.

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Lwiw  Ein ukrainische Arzt aus Lwiw berichtet von den schwierigen Zuständen, unter denen er und seine Kolleginnen und Kollegen arbeiten.

Am Montagmorgen gegen acht Uhr hört Doktor Hnat Herych in Lwiw die dumpf dröhnenden Einschläge von Raketen. Die westlichste ukrainische Großstadt ist Hunderte von Kilometern entfernt von den Kriegszonen im Osten, hier kommen nur selten Geschosse herunter. Es ist ein Schock. Vierzig Minuten später treffen acht Patienten im Städtischen Notfallkrankenhaus an der Ivan-Mykolaichuk-Straße ein, darunter ein Kind. Zwei der Verletzten sind in einem kritischen Zustand. „Wir haben sie zum Glück stabilisieren können“, erzählt Herych am Telefon. Vor zwei Wochen hat die NRZ den 32-jährigen Mediziner in Lwiw besucht.

Kürzlich hat die Klinikleitung des Städtischen Notfallkrankenhauses an der Ivan-Mykolaichuk-Straße das rote Kreuz vom Dach des sechsstöckigen Plattenbaus entfernen lassen. Eine Empfehlung der Regierung. „Damit wir nicht zum Ziel werden“, sagt der ukrainische Doktor Hnat Herych. Der junge Arzt sitzt in seinem Büro im dritten Stock des Krankenhauses, dort, wo die chirurgische Abteilung untergebracht ist, die er leitet.

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Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine arbeiten er und seine Kollegen hier nahezu rund um die Uhr. Das Krankenhaus liegt im Norden der Stadt Lwiw, nahe der polnischen Grenze, Hunderte Kilometer entfernt von den Kriegsschauplätzen im Osten. Dennoch beherrscht der Krieg auch den Alltag der Mediziner hier.

Lwiw: "Fast 200 Zivilisten mit Kriegsverletzungen behandelt“

Am Eingang des Krankenhauses werden die Besucher scharf kontrolliert. Ein junger Mann in Flecktarnhose, offensichtlich ein Soldat, geht auf den Hof, um eine Zigarette zu rauchen. Er starrt ins Leere. In der chirurgischen Abteilung im dritten Stock riecht es nach Desinfektionsmitteln und Bohnerwachs, es herrscht hektische Betriebsamkeit. „Wir haben hier seit Kriegsbeginn fast 200 Zivilisten mit Kriegsverletzungen behandelt“, wird Dr. Herych zwei Wochen nach dem Besuch berichten. Wie viele Soldaten er bereits als Patienten hier hatte, will er nicht sagen. „Militärisches Geheimnis“.

An einer Wand in dem Büro des Doktors hängt ein Schwarz-Weiß-Foto, es zeigt seinen Vater inmitten von Kollegen. Der 32-Jährige stammt aus einer Medizinerfamilie. Die Großeltern und seine Eltern sind Ärzte. „Als mein Vater in der Sowjetunion Arzt war, musste er in den Krieg nach Afghanistan gehen. Er hat mir immer viel von diesem Krieg erzählt. Normale Menschen wie er wollten da nicht kämpfen, aber er musste.“ Drei Jahrzehnte später kämpft der Sohn an der medizinischen Front.

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Ukraine-Krieg: "Extrem gewalttätige Situation"

Als der Krieg begann, war Herych in der Türkei. „Es war sehr schwierig, zurückzukommen, weil alle direkten Flüge gestrichen worden waren. Das war sehr schlimm. Ich wusste, es gibt in der Ukraine Luftschläge und ich hatte Probleme, herauszukommen, um meinen Leuten zu helfen. Ich bin dann über Istanbul, Wien und die Slovakei zurückgereist. Das hat drei Tage gedauert.“ An den Grenzen wurde er immer gefragt, warum er zurückgehen will. „Ich will alles in meiner Macht Stehende tun, um den ukrainischen Streitkräften und der Bevölkerung zu helfen.“

Der Krieg, der seit dem 24. Februar in der Ukraine herrscht, überrascht in seiner Brutalität auch hartgesottene Helfer. „Es ist eine extrem gewalttätige Situation“, schreibt die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, die Erfahrungen in Syrien oder dem Irak gesammelt hat. „Das Leid der Zivilbevölkerung ist unerträglich. Menschen werden in ihren Häusern getötet oder verwundet, und werden angegriffen, wenn sie versuchen, sich in sicherere Orte zu retten.“ In den Krankenhäusern in den Kampfgebieten arbeiteten die ukrainischen Mediziner unter „unvorstellbar schwierigen Bedingungen“ rund um die Uhr. Und sie werden selbst zu Zielen.

Ukrainische Krankenhäuser sind nicht sicher

Ein Freund von Doktor Herych arbeitet in Sumy ganz im Osten, einer Stadt, aus der sich die Russen erst vor wenigen Tagen zurückgezogen haben. „Er hat mir erzählt, dass die ukrainischen Streitkräfte die Ärzte dort mit Waffen ausgestattet haben, damit sie sich verteidigen können.“ Nach Angaben des ukrainischen Gesundheitsministeriums, die nicht unabhängig überprüft werden können, wurden bislang neun medizinische Helfer getötet und 32 verletzt. 324 Krankenhäuser sollen den Angaben zufolge beschädigt worden sein, zwei Dutzend komplett zerstört.

Die Behandlung von Kriegsverletzten ist für Herych eigentlich nichts Neues. Schon seit 2014 wird im Osten seines Landes gekämpft. „Ukrainische Ärzte haben in den vergangenen Jahren viele Erfahrungen mit der Behandlung von Kriegsverletzten gesammelt. Für unsere Kollegen in Österreich und Deutschland war es immer sehr interessant, sich mit uns über diese Art von Verletzungen auszutauschen.“ Aber es gebe „kein Gesundheitssystem auf dieser Welt das auf einen Krieg vorbereitet ist, in dem Gesundheitseinrichtungen angegriffen werden“, sagt der Doktor.

Ukrainerin: "So schlimm wie jetzt war es noch nie“

Eine seiner Patientinnen ist Olga Zhuchenko. Die 39-Jährige liegt auf einem Sechs-Bett-Zimmer. Es fällt ihr nicht leicht, zu sprechen, sie ist gerade von der Intensivstation verlegt worden. Ihr rechter Arm wird von einem Gestell zusammengehalten, ihre Beine sind geschient. In ihren Augen spiegelt sich noch immer der Horror. Sie stammt aus Popasna, einer umkämpften Kleinstadt im Osten der Ukraine. „Wir sind in den vergangenen Jahren immer wieder beschossen worden. Aber so schlimm wie jetzt war es noch nie.“

Am 7. März trifft ein Geschoss die Wohnung, in der Zhuchenko mit ihrem Freund und den drei Kindern lebte. Eine 82-jährige Nachbarin stirbt bei dem Beschuss. „Ich habe nur gespürt, wie mich etwas in den Rücken und an meine Hand trifft.“ Über Kramatorsk und Dnipropetrowsk gelangt sie am 27. März nach Lwiw. Ihre Beine kann sie noch immer nicht bewegen. Ihre Hand ist zerstört. „Die Knochen in meinem Arm sind komplett zertrümmert.“ Doktor Herych kann nicht mehr viel für seine Patientin tun. „Es wäre gut, wenn sie in Deutschland weiter behandelt würde“, sagt er.

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Während auf politischer Ebene vor allem über Waffenlieferungen diskutiert wird, ruft das ukrainische Gesundheitsministerium zu medizinischer Hilfe auf. Gebraucht werden in der Ukraine Tranexamsäure zur Stillung von Blutungen, Katecholamine für Wiederbelebungen, Antibiotika und Beatmungsgeräte. Nicht immer können Herych und seine Kollegen jedoch helfen. Bei dem Raketenbeschuss am Montagmorgen starben sieben Zivilisten.

Dieser Artikel ist zuerst auf nrz.de erschienen