Halbinsel

Russland: Tote nach Explosion und Zerstörung der Krim-Brücke

Jo Angerer
| Lesedauer: 7 Minuten
Autobombe löst Großbrand auf der Krim-Brücke aus

Autobombe löst Großbrand auf der Krim-Brücke aus

Auf der Krim-Brücke ist nach Angaben der russischen Behörden eine Autobombe explodiert, die einen Großbrand auslöste. Über die Brücke wird militärische Ausrüstung für die russischen Streitkräfte in der Ukraine transportiert.

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Berlin.  Die 19 Kilometer lange Brücke vom russischen Festland auf die annektierte Halbinsel hat schwere Schäden erlitten. Die Ukraine feiert.

  • Im Ukraine-Krieg gab es auf der für Russland wichtigen Krim-Brücke eine Explosion
  • Präsident Selenskyj lässt eine Beteiligung der Ukraine an dem Vorfall offen
  • Wie Präsident Putin nun reagiert

Die Bilder aus den sozialen Netzwerken sind dramatisch. Die Autobahnbrücke von Russland auf die annektierte Halbinsel Krim ist teilweise eingestürzt, auf der Bahnbrücke brennt ein Güterzug. In der Zwischenzeit scheint das Feuer gelöscht. Es gab wohl drei Tote. Russland hatte Kiew vor einem Angriff auf die Brücke gewarnt. Im Gegenzug könnte Kiew angegriffen werden.

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Das russische Anti-Terror-Komitee teilte mit, die Detonation habe sich Samstag früh in einem LKW ereignet. „Heute um 6.07 Uhr wurde ein Lastwagen auf dem Automobilteil der Krimbrücke von der Seite der Halbinsel Taman in die Luft gesprengt, was zur Zündung von sieben Kraftstofftanks eines Zuges führte, der in Richtung der Halbinsel Krim unterwegs war. Es gab einen teilweisen Einsturz von zwei Autospannen der Brücke. Der Bogen über dem schiffbaren Teil der Brücke ist nicht beschädigt“. Zwei Bereiche der Autofahrbahn seien zerstört. Der russische Gouverneur der Halbinsel Krim, Sergej Axjonow, erklärte, die Autobahnstrecke sei in eine Richtung zwar noch intakt. Dennoch konnte der Verkehr erst am Abend wieder in begrenztem Umfang aufgenommen werden.



Ukraine feiert zerstörte Krim-Brücke

Doch was war die Ursache für die Explosion? Vermutet wird eine Autobombe. Die ukrainische Seite übernahm keine direkte Verantwortung, aber Präsidentenberater Mychailo Podoljak schrieb auf Twitter, dies sei "der Anfang". Alles "Illegale" müsse zerstört werden, und "alles Gestohlene" an die Ukraine zurückgegeben werden. Der Leiter des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Olexij Danilow, postete ein Video der brennenden Brücke in den sozialen Medien. Daneben stellte er ein Video der Schauspielerin Marilyn Monroe, die "Happy Birthday, Mister President" singt. Russlands Präsident Putin wurde am vergangenen Freitag 70 Jahre alt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ließ eine Beteiligung seines Landes an der Explosion auf der Krim-Brücke offen. In der Ukraine sei es großteils sonnig und warm gewesen, "auf der Krim leider bewölkt, obwohl auch dort warm", sagte er in seiner täglichen Videoansprache in Anspielung auf die morgendliche Detonation an der Brücke. Näher ging er auf den Vorfall nicht ein. Anschließend forderte er die Russen einmal mehr zur Aufgabe und Flucht auf. Das sei ihre beste Option, um am Leben zu bleiben. Es werde eine Zukunft ohne Besatzer geben in der Ukraine. "Auf unserem ganzen Territorium, insbesondere auf der Krim", sagte er.

Wladimir Konstantinow, der Vorsitzende des russischen Krim-Parlaments, sagt gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, die Schäden an der Brücke werden umgehend behoben, sie seien nicht schwerwiegend. Er machte "ukrainische Vandalen" für den Vorfall verantwortlich. Ihnen sei es gelungen, mit "ihren blutigen Händen" nach der Krim-Brücke zu greifen.

Explosion: Röttgen warnt vor Putin

Nach der Explosion auf der Kertsch-Brücke hat der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen davor gewarnt, sich von den Atomdrohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin einschüchtern zu lassen. "Wenn wir uns von Putin einmal erpressen lassen, dann sind wir dauerhaft geliefert", sagte Röttgen unserer Redaktion. "Entscheidend dafür, eine weitere Eskalation zu verhindern, bleibt die glaubhafte Abschreckung gegenüber Putins Drohungen." Dafür seien die USA ‚ebenso unverzichtbar wie vorbereitet.

Das erste Gebot laute, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich strikt an die Fakten zu halten. "Dazu zählt, dass Putin diesen Krieg weiterhin führen will", sagte Röttgen. "Als Teil dieses Krieges versucht er, uns Angst zu machen."

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Krim-Brücke: Putin hatte sie 2018 eingeweiht

Die Brücke auf der Halbinsel Krim ist ein Prestigeobjekt des russischen Präsidenten . Die Idee dazu ist über hundert Jahre alt. Es existierten bereits unterzeichnete Verträge zwischen Russland und der Ukraine als die Halbinsel Krim annektiert wurde. Für Russland wurde das Projekt strategisch wichtig. Nach der Annexion blockierte die Ukraine die Versorgung der Halbinsel. Schließlich, nach drei Jahren und drei Milliarden Baukosten, wurde 2018 der Autobahn-Teil eröffnet, ein Jahr später dann die Eisenbahnbrücke.

Eigentlich sollte die Brücke die Halbinsel Krim näher an Russland anbinden, und auch den Tourismus auf der Krim ankurbeln. Heute wird über sie ein großer Teil des Nachschubs geliefert für die russischen Truppen in der von ihnen größtenteils besetzten südukrainischen Region Cherson. In den vergangenen Monaten war die Krim wiederholt Ziel ukrainischer Angriffe. Russlands Präsident Putin wies die Regierung an, eine staatliche Untersuchungskommission zur Prüfung der Explosion auf der Brücke einzurichten, so die Nachrichtenagentur "Tass".

Der Geheimdienst soll die Kontrolle über die beschädigte Krim-Brücke verschärfen: "Dem FSB werden die Vollmachten übertragen zur Organisation und Koordination von Schutzmaßnahmen für den Transportweg über die Meerenge von Kertsch, für die Strombrücke der Russischen Föderation auf die Halbinsel Krim und die Gaspipeline vom Gebiet Krasnodar zur Krim", heißt es in einem Dekret.

Der Eisenbahnverkehr über die Brücke ist eingestellt. "Alle Züge in Verbindung mit der Krim, die in naher Zukunft verkehren sollten, werden vorübergehend nicht verkehren. Der Verkauf von Fahrkarten für Züge in Verbindung mit der Krim wurde eingestellt", teilte die Russische Eisenbahn mit.

Nach der international nicht anerkannten russischen Annexion der Gebiete Luhansk, Donezk, Saporischschja, Cherson flammen die Kämpfe in der Ukraine erneut mit voller Härte auf. In der Nacht gab es russische Raketenangriffe auf das Zentrum der kürzlich von ukrainischen Truppen zurückeroberte ostukrainischen Stadt Charkiw. Noch vor wenigen Tagen hofften die Menschen dort, der Krieg sei für sie zu Ende. Viele Gebäude in Charkiw sind zerstört, doch langsam kehrte wieder Normalität in der Stadt ein. Viele Geschäfte, die Restaurants sind geöffnet. Etwas Optimismus war zu spüren. Doch nun erschütterte eine Reihe von Explosionen die Stadt, Rauchwolken siegen auf. Bürgermeister Ihor Terechow erklärte, die Explosionen seien von Raketenangriffen im Stadtzentrum verursacht worden. Die Angriffe hätten Brände in einer der medizinischen Einrichtungen der Stadt und einem weiteren Gebäude ausgelöst. Dabei handele es sich nicht um ein Wohngebäude.


Nach UNO-Schätzungen sind in den Gebieten um Charkiw rund 140.000 Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die meisten hätten kaum Zugang zu Nahrungsmitteln, Wasser, Gas, Strom und medizinischer Versorgung, so ein Sprecher des UNO-Nothilfebüros (OCHA). In der fast völlig zerstörten Stadt Isjum sammeln die Menschen Baumaterial, versuchen vor dem Wintereinbruch ihre Wohnungen notdürftig in Stand zu setzen. Von den einst 46.000 Einwohnern sind noch etwa 8.000 bis 9.000 Menschen in der Stadt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.