Staatsmedien

Ukraine-Krieg: Putins Propaganda im TV wird immer härter

Ulrich Krökel
| Lesedauer: 6 Minuten
Klitschko: Putin hat UN-Chef Guterres den Finger gezeigt

Klitschko: Putin hat UN-Chef Guterres den Finger gezeigt

Russland hat bestätigt, die ukrainische Hauptstadt Kiew während des Besuchs von UN-Generalsekretär António Guterres beschossen zu haben. Bürgermeister Vitali Klitschko sagte, Russlands Präsident Wladimir Putin habe mit dem Angriff "seinen Mittelfinger gezeigt".

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Moskau  Die Propagandisten des Kremls drohen dem Westen und schüren Ängste vor einem Weltkrieg. Ziel ist wohl die Lähmung des Protestwillens.

  • Die russische Propaganda-Maschine läuft im Staatsfernsehen auf Hochtouren
  • Auf dem Sender RT werden Ängste vor einem dritten Weltkrieg geschürt
  • Die Propaganda wird direkt aus dem Kreml gesteuert

Es ist ja nur eine Frage. „Warum hat Russland in der Ukraine eigentlich noch nicht gewonnen?“ Eine einfache Frage. Margarita Simonjan hält es trotzdem kaum auf dem Sitz. „Wir kämpfen gegen die Nato, gegen einen riesigen, schwer bewaffneten Gegner.“

Die Chefredakteurin des russischen Propagandasenders RT, diesmal selbst Talkgast, funkelt ihr Gegenüber aus dunklen Augen an. „Statt uns zu beschweren, dass wir nach so und so vielen Tagen noch nicht gewonnen haben, sollten wir unserem Oberbefehlshaber lieber beim Gewinnen helfen.“ Der Fragesteller lenkt sofort ein: „Ich beschwere mich ja gar nicht.“ Aber da gerät Simonjan erst recht in Rage. „Es geht nicht um die Ukraine. Die Nato fährt ihre gesamte Streitmacht gegen uns auf. Das ist eine Herausforderung, wie wir sie noch nicht erlebt haben.“

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Krieg gegen die Ukraine: Wie die russische Propaganda funktioniert

Der Oberbefehlshaber, das ist Präsident Wladimir Putin. Und der hatte zu Beginn des russischen Angriffskrieges die Losung von einer „militärischen Spezialoperation zur Entwaffnung und Entnazifizierung der Ukraine“ ausgegeben. Doch das war gestern. Heute ist Weltkrieg. Diesen Eindruck zumindest vermitteln die Propaganda-Talkshows des russischen Staatsfernsehens.

Bei Wladimir Solowjow zum Beispiel, dem der prominente Sendeplatz am Sonntagabend gehört. Wenn in Deutschland Anne Will zum ARD-Talk bittet, stachelt Solowjow im Moskauer „Ersten Kanal“ seine Gäste zu immer steileren Thesen an. Und wenn sie nicht steil genug sind, legt der 58-Jährige selbst nach. „Die Nato wird sich fragen müssen: Haben wir das Material und die Menschen, um uns zu verteidigen? Gnade wird es nicht geben.“

Das ist eine unverhüllte Kampfansage an das westliche Bündnis. Russland werde über das Nachbarland hinausgehen, lautet Solowjows Botschaft: „Nicht nur die Ukraine muss entnazifiziert werden. Der Krieg gegen Europa und die Welt nimmt konkrete Konturen an.“ Besondere Brisanz erhalten solche Sätze, weil sie nicht selten vorwegnehmen, was Putin oder seine Vertrauten anschließend selbst sagen.

Außenminister Sergei Lawrow zum Beispiel sprach wenige Tage nach Solowjow von der „realen Gefahr eines Atomkriegs“. Schließlich, so Lawrow, führe die Nato über den Stellvertreter Ukraine „de facto einen Krieg gegen Russland“. Und noch einmal zwei Tage später warnte Putin persönlich: „Wer sich einmischt, muss wissen, dass die Antwort blitzschnell erfolgen wird. Wir haben dafür alle Instrumente, und wir werden sie anwenden.“

Direkter Draht aus dem Kreml zu den Chefpropagandisten

Es ist ein offenes Geheimnis in Moskau, dass ein direkter Draht aus dem Kreml zu den Chefpropagandisten führt. Eine zentrale Figur dabei ist Dmitri Kiseljow. Der 68-Jährige leitet den staatlichen Medienkonzern „Rossija Segodnja“ (Russland Heute). Unter dem Dach des Unternehmens sind die einst unabhängige Nachrichtenagentur Ria Nowosti, der Fernsehsender RT sowie das Portal „Sputnik“ vereint, das auch mehr als 30 internationale Radiosender betreibt.

Zugleich ist Kiseljow Vize bei der staatlichen Fernseh- und Rundfunkanstalt WGTRK. Mit RT-Chefredakteurin Simonjan und Talkmaster Solowjow bildet er so etwas wie die voranstürmende mediale Troika des Kremls. Zumal sich Kiseljow keineswegs auf das Management im Hintergrund beschränkt. Er ist es, der oft als Erster zu wissen scheint, was Putin später sagen wird.

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Propaganda: Ukraine müsse in ihrer bisherigen Form ausgelöscht werden

So sprach Kiseljow vor Kriegsbeginn im Februar davon, dass es „eine Welt ohne Russland nicht braucht“. Kurz nach dem Angriff auf die Ukraine fragte dann Putin rhetorisch: „Was ist eine Welt wert, in der es kein Russland gibt?“ Viele Beobachter verstanden es deshalb als eine Art Pressemitteilung des Kremls, als Ria Nowosti Anfang April einen Leitartikel unter dem Titel „Was mit der Ukraine passieren muss“ veröffentlichte.

Darin forderte der Autor „eine totale Säuberung“ im Nachbarland. Die Ukraine müsse in ihrer bisherigen Form ausgelöscht werden. Kiseljow selbst drohte nicht nur der Ukraine mit Vernichtung. Im Ringen mit dem Westen werde Russland im Zweifel nicht nur Europa, sondern auch Amerika „in radioaktive Asche verwandeln“.

Umfragen zeigen: Die Strategie hat Erfolg

Doch wie ernst ist all das zu nehmen? Fachleute wie die österreichische Slawistin und Medienwissenschaftlerin Magdalena Kaltseis nennen „die Verstärkung von Feindbildern“ als zentrales Ziel der Propaganda-Talkshows. Durch verbale und gelegentlich auch physische Attacken vor laufender Kamera, durch Schockbilder und Gräuelgeschichten würden Emotionen geschürt, um so die Meinung im Land zu beeinflussen. Immerhin sehen fast zwei Drittel der Bevölkerung die Talkshows regelmäßig.

Dass die Strategie Erfolg hat, zeigen die wenigen unabhängigen Umfragen. So gaben zuletzt rund 80 Prozent der Russinnen und Russen an, den Krieg in der Ukraine zu unterstützen. Die Daten des international renommierten Lewada-Zentrums gelten als zuverlässigste Quelle zum Meinungsbild im Land.

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Ukraine-Krieg löst unterschiedliche Reaktionen in Russland aus

Die Emotionen, die der Krieg in der Ukraine bei den Menschen in Russland auslöst, sind demnach äußerst zwiespältig. Rund die Hälfte der Bevölkerung gibt „Stolz auf die Nation“ als vorherrschendes Gefühl an. Fast ebenso viele Menschen jedoch spüren vor allem Furcht und Schrecken. Die aktuellen Reden von einem Atomkrieg, die das Abendprogramm füllen, dürften vor allem die Ängste verstärken.

Dies wiederum deuten Beobachter als Versuch, jede aufkeimende Proteststimmung im Land zu lähmen. So nannte der kremlkritische Publizist Andrei Kolesnikow die jüngste Drohrede Putins in Sankt Petersburg eine „innenpolitische Atombombe“. All diese Warnungen vor Angriffen auf Russland seien doch „einigermaßen verrückt“. Er jedenfalls könne daran „einfach nicht glauben“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de.