Ukraine-Krieg

Flucht aus der Ukraine: Anna muss ihren Mann zurücklassen

Julian Würzer
| Lesedauer: 7 Minuten
Russland rückt weiter auf ukrainische Städte vor

Russland rückt weiter auf ukrainische Städte vor

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hält den vierten Tag an: Aus Kiew berichtet Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass Wohngebiete unter Beschuss genommen wurden. Die Angreifer treffen indes auf heftigen Widerstand und der Westen zieht die Sanktionsschrauben an.

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Korczowa/Mlyny.  Viele Ukrainer bringen ihre Familie in Sicherheit nach Polen, wo sie freundlich empfangen werden. Die Männer müssen zurück den Krieg.

Noch wenige Stunden, dann wird Anna Anastasieva bei ihrer Mutter sein. Hofft sie. Am Sonnabend, kurz nach Mitternacht, wartet sie auf dem letzten Stück Autobahn mit ihrer Tochter an der polnischen Grenze zur Ukraine. Auf dem Asphalt vor ihr stehen Busse und Autos Stoßstange an Stoßstange. Menschen aus Krakau, Warschau und sogar Cottbus sind hier bis an die Grenze nahe Korczowa gefahren, um geflüchteten Menschen aus der Ukraine zu helfen. Sie organisieren sich über Facebook oder fahren spontan an die polnische Grenze, um ihre Art der Solidarität zu zeigen.

Die Nacht ist eisig kalt. Anastasievas Tochter sitzt eingehüllt in einer dicken Decke auf den Koffern, ihr letzter Besitz aus einem alten Leben.

In Europa ist Krieg. Nachdem der russische Präsident Wladimir Putin vor zwei Tagen den Befehl zum Angriff auf die Ukraine gibt, wird die junge Mutter um vier Uhr morgens von Explosionen am Militärflughafen in der südukrainischen Stadt Mykolajiw geweckt. Das Gelände liegt unweit ihrer Wohnung. Sie sieht die Brände vor ihren Augen aufsteigen, sagt sie. „Ich hatte Angst.“

Ob die Ukrainerin ihren Mann wieder sieht, weiß sie nicht

Drei Stunden lang, es sind wohl die längsten ihres Lebens, hört sie immer wieder Detonationen in der Stadt. Dann entscheidet sie sich, die Ukraine zu verlassen – um ihre Tochter vor diesem Krieg zu bewahren. Anastasievas Ehemann begleitet sie in diesen zwei Tagen mitten durch die Ukraine, bis an die polnische Grenze. Es sind ihre letzten gemeinsamen Stunden. An der Grenze bleibt ihr nicht mehr Zeit als eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss. Sie weiß nicht, ob sie ihn wiedersieht. Sie als Frau darf das Land verlassen, er aber muss kämpfen. Der jungen Mutter laufen die Tränen über die Wangen, verzweifelt sagt sie: „Ich hoffe, mein Ehemann überlebt das.“

Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine hat Polen nach Angaben des polnischen Grenzschutzes bereits 200.000 Flüchtlinge aus dem östlichen Nachbarland aufgenommen. Nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks sind in der Ukraine insgesamt 368.000 Menschen auf der Flucht. „Wir gehen davon aus, dass sich die Situation dramatisch entwickelt und die Zahl der Flüchtlinge noch steigt“, sagt Polens Innenminister Mariusz Kaminski am Sonntag.

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Die Polen haben Auffanglager eingerichtet

Anastasievas Geschichte steht für viele Geschichten ukrainischer Frauen, die hier über die Grenze kommen. Es sind hauptsächlich Mütter und ihre Kinder, die in roten Bussen der Polizei über die Grenzübergänge fahren. Manche wie Anastasieva steigen hier aus und warten auf Freunde oder Bekannte, um weiterzufahren – in ein anderes Leben.

Für die meisten führt der Weg in dieser Nacht nur wenige Kilometer über die Autobahn und ein Stück Landstraße bis zu einem ehemaligen Einkaufszentrum in Mlyny, das zu einem Auffanglager für die geflüchteten Menschen umfunktioniert wurde. Schon seit mehreren Wochen hat Polens Regierung das Land auf die Aufnahme vieler Flüchtlinge vorbereitet. Leer stehende Hallen und Turnhallen werden zu Notunterkünften hergerichtet.

Freiwillige bieten Mitfahrgelegenheiten an

Es ist schon weit nach 1 Uhr morgens und die Landstraße vor dem Gebäude ist beidseitig zugeparkt, der Parkplatz voll. Vor und in der Eingangshalle stehen Menschen, die selbst gebastelte Pappkartons in die Höhe halten. Da kann man Städtenamen wie „Leipzig“, „Warschau“ und „Wien“ lesen. Sie bieten den ankommenden Geflüchteten an, sie in die benannten Städte zu fahren, sollten sie keine anderen Möglichkeiten haben.

Im Inneren des Einkaufszentrums, dort wo vermutlich einmal ein Supermarkt war, stehen anstelle von Regalen und Kassenbändern nun Feldbetten. Darauf kauern sich Frauen mit ihren Kindern oder Schwestern und wärmen sich an einem Tee. Das Licht ist teils so grell, der Lärm durch die immer ankommenden Menschen so laut, dass für die erschöpften Menschen an Schlaf nicht zu denken ist. Vielen laufen die Tränen lautlos über ihre Wangen. Niemals, so sagen manche, hätten sie gedacht, dass sie in so eine Situation kommen würden.

Der junge Vater fühlt sich wie ein Verräter

Doch es sind nicht nur Frauen, die es aus dem Kriegsgebiet geschafft haben. Auch vereinzelte Männer sind in Mylny angekommen. So wie Waldemar.

Der 29-Jährige will seinen richtigen Namen aus Angst vor künftigen Repressionen lieber nicht nennen. Er sitzt auf einem der Betten, auf einem Arm seine acht Monate alte Tochter, daneben ein zweijähriger Sohn und eine dreijährige Tochter. „Sie haben mir wegen meiner Kinder erlaubt, das Land zu verlassen“, sagt er. Er fühle sich deshalb wie ein Verräter. Denn er lasse sein Land im Stich und seine Brüder. „Doch ich habe auch eine Verpflichtung meiner Frau gegenüber und meinen Kindern.“ Waldemar will in den kommenden Tagen mit seiner Familie weiter bis nach Bremen. „Ich habe Freunde da“, sagt er und will dort so schnell wie möglich eine Arbeit finden.

Die Polen haben ihr Herz für Flüchtlinge entdeckt

Hinter dem Feldbettenlager verteilen Helferinnen und Helfer in gelben Warnwesten Lebensmittel an die Ankommenden. Es gibt Brot, Berliner Pfannkuchen, Mortadella, Süßigkeiten und Kaffee. Für viele Frauen und Kinder ist es die erste Mahlzeit seit Stunden. Nur wenige rechnen bei ihrer Flucht aus der Heimatstadt damit, dass die Grenzübergänge nach Polen verstopft sind, sie oft mehr als einen halben Tag ausharren oder das Auto sogar stehen lassen müssen, weil die Grenze nur zu Fuß zu passieren ist. Jetzt sind sie hier im Einkaufszentrum von Mylny – es ist ein Ort, an dem die Polen ihr Herz für die geflüchteten Menschen öffnen. Die Hilfsbereitschaft ist grenzenlos.

Rund 40 Autominuten entfernt befindet sich ein zweiter Grenzübergang. Der Bahnhof der ostpolnischen Stadt Przemysl. Hier kommen Züge aus Kiew, Lwiw und Odessa an. In der Bahnhofshalle herrscht geregeltes Chaos. Die Helfer haben Essen und Betten für die Ankömmlinge vorbereitet. Aber viele wollen nur so schnell wie möglich weiter, in Richtung Krakau oder Warschau oder noch weiter in den Westen. Nur ganz weit weg vom Krieg.

Und dann ist da noch eine junge Frau auf dem Bahnsteig. „Meine Eltern wollten schon am frühen Morgen hier sein“, sagt sie. Nun habe sie seit Stunden kein Lebenszeichen erhalten.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.