Kriegsdienstverweigerer

Ukraine-Krieg: Immer mehr junge Russen flüchten nach Antalya

Gerd Höhler
| Lesedauer: 6 Minuten
Flüchtende Russen drängen sich an Istanbuler Flughafen

Flüchtende Russen drängen sich an Istanbuler Flughafen

Nach der Ankündigung einer Teilmobilmachung in Russland haben zahlreiche Russen die Chance genutzt, sich ins Ausland abzusetzen. Am Flughafen in Istanbul drängen sich zahlreiche Russen, die dem Armeedienst entkommen wollen.

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Ankara.  Der türkische Badeort wird von jungen Russen überrannt, die nicht in den Ukraine-Krieg wollen. Aber sie sind nicht allen willkommen.

Manche bringen ganze Kofferberge mit, andere haben in der Hast des überstürzten Aufbruchs nur einen Rucksack mit den nötigsten Habseligkeiten vollgestopft. Die Hochsaison in der Türkei ist längst vorbei, aber immer noch sind die Maschinen, die aus Moskau, Sankt Petersburg oder Sotschi am Flughafen der Touristenhochburg Antalya landen, voll besetzt.

Es ist nicht das übliche Pauschal-Publikum, das aus den Fliegern steigt. Auffallend viele junge Männer aus Russland stehen vor der Passkontrolle an. Viele reisen allein, manche in kleinen Gruppen. Sie kommen um zu bleiben.

Ukraine-Krieg: Russen fliehen vor der Einberufung in die Türkei

Geschätzt 400.000 Russen sind laut westlichen Regierungsquellen aus ihrer Heimat geflohen, seit Präsident Wladimir Putin am 21. September die Teilmobilmachung verkündete. Viele kamen in die Türkei. Das Land steht bei Russinnen und Russen traditionell hoch im Kurs. Was für die Deutschen Mallorca, ist für russische Urlaubsreisende Antalya. Strandurlaub an der türkischen Riviera, Shoppen in Istanbul: 2019 kamen sieben Millionen russische Reisende in die Türkei, 2021 waren es, trotz Corona, immerhin 4,7 Millionen.

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Für die Einreise benötigen Bürger der russischen Föderation nur einen gültigen Pass. Ein Visum ist nicht erforderlich. Wer als Tourist kommt, kann bis zu 90 Tage bleiben. Eine Verlängerung des Aufenthalts bis zu einem Jahr ist problemlos möglich, wenn man eine Unterkunft und ein Einkommen nachweisen kann. Das macht die Türkei zu einem Magnet für russische Männer, die vor der Einberufung fliehen.

Türkei setzt die Sanktionen gegen Russland nicht um

Als einziges Nato-Land setzt die Türkei die Sanktionen des Westens gegen Russland nicht um. Das betrifft auch den Flugverkehr. Täglich gibt es 100 bis 120 Flüge zwischen russischen und türkischen Flughäfen. Die Nachfrage ist groß, vor allem Richtung Türkei. Entsprechend teuer sind die Tickets. Nach dem 21. September schoss der Preis für einen einfachen Flug zeitweilig auf bis zu 4000 Euro. Rückflüge nach Russland sind weniger gefragt und deshalb deutlich billiger. Viele Maschinen, die voll besetzt in der Türkei landen, fliegen halbleer wieder zurück.

Allein in Antalya kamen bisher in diesem Jahr über drei Millionen russische Touristen an. An den Istanbuler Flughäfen trafen im September 170.230 Gäste aus Russland ein. Wie viele von ihnen Flüchtlinge sind und die Rückreise nicht antreten, geht aus den bisher veröffentlichten Statistiken nicht hervor.

Viele Kriegsdienstverweigerer buchen Pauschalreisen

An den russischen Flughäfen gibt es inzwischen strenge Kontrollen. Männer im wehrfähigen Alter zwischen 18 Jahren und dem Renteneintritt werden an der Passkontrolle eingehend befragt. Wer kein Rückflugticket hat, muss damit rechnen, nicht aus dem Land gelassen zu werden. Viele Kriegsdienstverweigerer buchen deshalb Pauschalreisen und lassen den Rückflug verfallen. Andere schlagen sich über Kasachstan, Georgien oder Armenien in die Türkei durch, um die Flughafenkontrollen zu umgehen.

Einmal in Istanbul oder Antalya angekommen, organisieren sich die Exil-Russen über Telegram-Gruppen und andere soziale Netzwerke. Dabei geht es um Fragen wie Aufenthaltsgenehmigungen, Arbeitserlaubnis und die Suche nach einer Unterkunft. Ein großes Problem sind Finanztransaktionen. Fünf große türkische Banken hatten sich zwar dem Zahlungssystem Mir angeschlossen, der russischen Variante des Swift-Verfahrens. So konnten Russen in der Türkei nicht nur mit ihren eigenen Kreditkarten bezahlen, sondern auch an den Geldautomaten Transaktionen durchführen und Bargeld abheben.

Erdogan wandelt auf einem schmalen Grat

Auf Druck der USA, die darin einen Verstoß gegen die Finanz-Sanktionen sehen, haben die türkischen Banken aber das Mir-System Ende September deaktiviert. Das bringt nicht nur russische Touristen und Flüchtlinge in Zahlungsschwierigkeiten, sondern auch Tausende russische Firmen, die sich in den vergangenen Monaten in der Türkei niedergelassen haben, um die Sanktionen des Westens zu umgehen. Die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete jetzt, die türkische Zentralbank verhandele mit der russischen Notenbank über die Einrichtung eines alternativen Zahlungssystems. Was die USA dazu sagen, bleibt abzuwarten.

Der türkische Staatschef Erdogan wandelt in seiner Russlandpolitik auf einem schmalen Grat. Er liefert einerseits Drohnen an die Ukraine, die den russischen Streitkräften bereits erhebliche Verluste zugefügt haben, hofiert aber zugleich Kremlchef Wladimir Putin als seinen wichtigsten Energielieferanten.

Türkische Exporte nach Russland um 80 Prozent gestiegen

Putin wiederum ist auf die Türkei als eines der wenigen noch offenen Fenster für Russlands Außenhandel und eine Hintertür für die Umgehung der Sanktionen angewiesen. Viele Hightech-Produkte, die den Sanktionen unterliegen, kommen auf dem Umweg über die Türkei nach Russland.

Das erklärt, warum die türkischen Exporte nach Russland seit dem Ukraine-Krieg um fast 90 Prozent gewachsen sind. Die Zahl der Firmengründungen mit russischem Kapital in der Türkei hat sich gegenüber 2020 sogar verdreifacht. Immer mehr russische Unternehmen gründen Niederlassungen in Istanbul, um so die Sanktionen zu umgehen.

Mieten haben sich teilweise verfünffacht

Ob Kriegsdienstverweigerer, wohlhabende Dissidenten oder gut verdienende Manager: Die Zuwanderung aus Russland macht sich auf dem Immobilienmarkt bemerkbar, vor allem in Antalya. In der Umgebung des Matroschka-Parks sind bereits ganze Straßenzüge fest in russischer Hand. Hier hört man mehr Russisch als Türkisch.

Das ist nicht allen Einwohnern willkommen. In manchen Stadtteilen haben sich die Mieten seit dem vorigen Jahr verfünffacht. Das liegt nicht nur an der Inflation von 85,5 Prozent, sondern vor allem an der Nachfrage russischer Zuwanderer. Wer mindestens 400.000 Dollar in eine Immobilie investiert, bekommt sogar die türkische Staatsangehörigkeit dazu. Häuser und Wohnungen sind für viele Einheimische unerschwinglich geworden. In Antalya haben deshalb die Behörden in mehreren Stadtteilen den Verkauf und die Vermietung von Wohnungen an Ausländer bereits verboten.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.