Kriegesverbrechen

Krieg: Video soll Hinrichtung russischer Gefangener zeigen

Philipp Luther
| Lesedauer: 5 Minuten
Krieg in der Ukraine – Fotoreportage über "Menschen, die im Krieg bleiben"

Krieg in der Ukraine – Fotoreportage über "Menschen, die im Krieg bleiben"

FUNKE-Fotograf Reto Klar und FUNKE-Reporter Jan Jessen waren gemeinsam in der Ukraine. Dort haben sie Menschen getroffen, die ihr Land nicht verlassen haben. Darunter befinden sich Soldaten, Verletzte und Rentner.

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Berlin   Ein Video soll Kriegsverbrechen an russischen Soldaten zeigen. Die Szenen stammen angeblich aus einem ukrainischen Hinterhalt.

Am Boden liegt ein Soldat, die Kamera auf ihn gerichtet. Eine Feldjacke ist über seinen Kopf gezogen. "Er lebt noch, schau. Er röchelt noch", sagt eine Stimme. Dann fallen zwei Schüsse. Nach einer kurzen Pause, ein dritter. Der Soldat röchelt nicht mehr, lebt nicht mehr.

Es ist eine verstörende Aufnahme, die zeigen soll, wie für die Ukraine kämpfende Soldaten russische Gefangene hinrichten. Ihre Echtheit ist verifiziert, zuerst von der "New York Times", später der BBC und dem britischen Sender Sky News. Sie alle berichten unabhängig voneinander über die Szene.

Die getöteten Soldaten tragen erkennbar russische Uniformen, lassen sich unter anderem anhand weißer Armbinden der russischen Armee zuordnen. Sie tragen keine Helme mehr, manche keine Stiefel. "Das sind keine Menschen", sagt ein Soldat in dem Video. Bewaffnet scheinen sie nicht mehr zu sein, so wie sie da liegen. Einem sind offenbar die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, er hat eine tiefe Kopfwunde. Der Asphalt ist voll mit Blut.

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Ukraine-Krieg: "Ehre den Helden"

Um sie herum stehen Bewaffnete, sie tragen blaue Armbinden, einer ein ukrainisches Hoheitsabzeichen. "Slava ukraini", sagt ein Soldat in die Kamera, "Ehre der Ukraine". "Heroiam slava", entgegnet ein anderer den patriotischen Gruß. "Ehre den Helden."

Ein russischer BMD-2 Schützenpanzer steht am Straßenrand, ein weißes "V" auf die Seite gemalt. Die Fahrzeuge werden von den russischen Luftlandetruppen genutzt, den VDV, einer vermeintlichen Elitetruppe des Kremls. In der Ferne sind Fahrzeugwracks zu erkennen.

Sollte es sich bei den Getöteten um Kriegsgefangene gehandelt haben, dürfte es sich eindeutig um Kriegsverbrechen handeln. Die Genfer Konvention schreibt vor, dass Kriegsgefangene mit Menschlichkeit zu behandeln sind, verbietet, sie zu töten und beschreibt ihre Tötung als schwere Verletzung des Abkommens. Auch Vergeltungsmaßnahmen gegen Kriegsgefangen sind verboten. Lesen Sie dazu auch: Wie werden Kriegsverbrechen bewiesen?

Ukrainisches Verteidigungsministerium: "Bilderbuch-Hinterhalt"

Der ukrainische Hinterhalt, dem die Aufnahmen entstammen sollen, ist bestätigt: Es gibt weitere Bilder der zerstörten russischen Fahrzeuge. Ein bekannter britischer Journalist, Oz Katerji, war selbst vor Ort und hat mit beteiligten Soldaten gesprochen. Acht russische Leichen hätten sie vom Schlachtfeld getragen, erzählten sie ihm. Rund 48 Stunden sei der Hinterhalt zu diesem Zeitpunkt her gewesen. Sein Bericht stammt vom 2. April, demnach müsste der Angriff am 30. März stattgefunden haben.

Insgesamt 13 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge habe die russische Kolonne gezählt, schreibt Katerji. In manchen Wracks hätten noch Leichen gelegen, "über die Unkenntlichkeit hinaus verkohlt". Das ukrainische Verteidigungsministerium bestätigte den Hinterhalt ebenfalls, lobte bei Twitter am 2. April einen "Bilderbuch-Hinterhalt der ukrainischen Verteidiger in der Region Kiew".

Die ukrainische Nachrichtenagentur Unian postete am 30. März ein Video, das ebenfalls Szenen nach dem Hinterhalt zeigt. Demzufolge lässt sich der Angriff auf die Kolonne der "Georgischen Legion" zuordnen, einer Freiwilligentruppe aus Georgien, die seit 2014 auf ukrainischer Seite kämpft.

In dem Video ist auch der Schützenpanzer mit dem aufgemalten "V" nochmal zu sehen. In beiden Aufnahmen kommt zudem der selbe Soldat vor. "New York Times"-Der Journalist Evan Hill identifiziert ihn als möglichen Leibwächter des ukrainischen Politikers und georgischen Ex-Präsidenten Micheil Saakaschwili.

Aufgenommen wurden die verschiedenen Videos bei der Ortschaft Dmytrivka. Auch das ist verfiziert. Etwa 11 Kilometer entfernt liegt Butscha, der Ort, der seit dem ersten Aprilwochenende zum Synonym geworden ist für russische Kriegsverbrechen in der Ukraine. Hunderte Leichen sind hier mittlerweile entdeckt worden.

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Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba kennt die Bilder von den getöteten Soldaten. "Ich habe sie nicht gesehen. Aber ich habe davon gehört", sagte Kuleba beim Treffen der Nato-Außenministerinnen und -minister in Brüssel am Donnerstag vor Journalistinnen und Journalisten. "Ich versichere ihnen, die ukrainische Armee hält sich an das Kriegsrecht." Es könne Einzelfälle geben, in denen das nicht so sei, räumte er ein. Und versprach: "Die werden definitiv untersucht werden." Lesen Sie dazu: Ukraine-Krieg – Verschleiert Russland Kriegsverbrechen?

Am selben Tag gab Putin-Sprecher Dimitri Peskow bei Sky News ein Interview. Angesprochen auf die zivilen Opfer unter den Ukrainerinnen und Ukrainern gab Peskow der ukrainischen Armee die Schuld und behauptete: "Unser Militär tut sein Bestes, um diese Operation zu beenden." Ungefähr zur gleichen Zeit melden ukrainische Behörden den Fund von 26 Leichen in Borodjanka, einem zerschossenen Wohngebiet bei Kiew. Die Zahl dürfte in den kommenden Tagen steigen.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de