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Ukraine-Krieg: Nutzt Russland mobile Krematorien?

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Video aus Butscha: Schüsse auf Radfahrer

Video aus Butscha: Schüsse auf Radfahrer

Schockierende Bilder und Videos aus der ukrainischen Stadt Butscha zeigen unter anderem Leichen von Zivilisten. In einem anderen Video ist zu sehen, wie Panzer auf einen Radfahrer schießen.

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Berlin   Laut Berichten soll Russland im Ukraine-Krieg mobile Krematorien zur Leichenverbrennung einsetzen. Was über die Vorwürfe bekannt ist.

Seit Tagen sorgen die Bilder aus der kleinen ukrainischen Stadt Butscha nach Abzug der russischen Truppen international für Entsetzen: Zu sehen sind darauf zahlreiche Leichen von Bewohnern der Stadt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht von "Völkermord", Russland stellt unterdessen die Authentizität der Aufnahmen in Frage. An deren Echtheit gibt es unterdessen kaum berechtigte Zweifel, zuletzt hatte es auch nachrichtendienstliche Berichte über die Tötung von Zivilisten in Butscha gegeben.

Nun werden neue Vorwürfe laut: Russische Truppen sollen zur Vertuschung von Kriegsverbrechen Leichen in mobilen Krematorien verbrennen. Die Gerüchte sind nicht neu. Was ist über die Vorwürfe bekannt?

Ukraine-Krieg: Was sind mobile Krematorien?

Mobile Krematorien sind fahrbare Anlagen zur Verbrennung von Leichen - theoretisch. Denn üblich ist der Bau entsprechender Geräte nicht: In Bolivien erregte im ersten Jahr der Corona-Pandemie etwa ein Unternehmer auch über die Grenzen des Andenstaates hinaus Aufsehen, weil er ein fahrbares Krematorium zur Einäscherung der vielen Corona-Toten entwickelt hatte, wie unter anderem Euronews berichtete.

Wie funktionieren fahrende Krematorien?

In einem von der britischen Zeitung "The Telegraph" veröffentlichten Video auf YouTube soll ein mobiles Krematorium zu sehen sein, wie es angeblich von der russischen Armee eingesetzt wird: Das Fahrzeug in dem Video gleicht in seiner äußeren Form einem herkömmlichen Lastwagen. Hinter der Heckklappe verbirgt sich eine Gerätschaft mit einer runden Öffnung, die an einen Ofen erinnert. Die Funktionsweise wird in der Aufnahme an einem gefüllten Sack demonstriert, der in der Vorrichtung verbrannt wird. Kontext, Aufnahmeort und -zeitpunkt des Videos bleiben in dem Beitrag unklar.

Der französische Sender France 24 weist in einer Einordnung samt Faktencheck darauf hin, dass es sich bei dem von "The Telegraph" veröffentlichten Material um ein Video von 2013 handle und von einer russischen Baufirma für Verbrennungsanlagen stamme. Es stünde nicht mit dem aktuellen Konflikt in Verbindung. Das gleiche Video sei bereits 2015 von einigen ukrainischen Medien verbreitet worden: Damals habe es geheißen, die russische Armee würde in der Ostukraine eigene gefallene Soldaten darin einäschern.

Das US-amerikanische Faktencheck-Portal Snopes.com schreibt, dass es sich bei der Anlage in dem von "The Telegraph" geteilten Video laut Webseite des Herstellers um ein Gerät zur Entsorgung von organischen Abfällen handle.

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Setzt die russische Armee mobile Krematorien ein?

Der Bürgermeister der umkämpften ukrainischen Hafenstadt Mariupol hat Russland vorgeworfen, zur Vertuschung von Kriegsverbrechen Leichen in fahrbaren Krematorien zu verbrennen. Auch vorher berichteten ukrainische Behörden und Medien, russische Einheiten nutzten mobile Krematorien. Damals hieß es, diese würden eingesetzt, um die Leichen eigener Soldaten zu verbrennen und so die Anzahl getöteter Truppen zu vertuschen.

Es gibt bislang allerdings keine Belege für den Besitz oder Einsatz mobiler Krematorien durch die russische Armee. In zahlreichen Berichten zu dem Thema sind lediglich Screenshots des von "The Telegraph" hochgeladenen Youtube-Videos zu sehen.

(raer/mit dpa)

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de