Kommentar

Krieg in der Ukraine: Warum der Friede noch weit ist

Jan Jessen
| Lesedauer: 4 Minuten
Reportage aus der Ukraine: Hilfsorganisation unterstützt in Cherson

Reportage aus der Ukraine- Hilfsorganisation unterstützt in Cherson

Unsere FUNKE-Reporter Jan Jessen und FUNKE-Fotograf Reto Klar waren erneut in der Ukraine und berichten von Schicksalen vor Ort. Heute sind sie in Cherson und begleiten eine Hilfsorganisation.

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Berlin.  Den Menschen in der Ukraine steht ein brutaler Winter bevor. Nicht nur in den umkämpften Kleinstädten ist Aufbauhilfe dringend nötig.

Den Menschen in der Ukraine steht ein brutaler Winter bevor. Die russischen Angriffe auf die Energie-Infrastruktur des Landes haben bleibende Schäden hinterlassen. In der Hauptstadt Kiew müssen ganze Stadtteile immer wieder stundenweise vom Netz genommen werden, weil es ansonsten überlastet ist.

Im befreiten Cherson im Süden des Landes ist die Stromversorgung wieder kollabiert, nachdem die Behörden die Stadt kurzfristig ans Netz bekommen hatten. In Großstädten wie Odessa, Charkiw, Mykolajiw, Winnyzja oder Lwiw warten die Menschen auf den nächsten russischen Luftangriff, der sie wieder in die Dunkelheit bombt.

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Ukraine-Krieg: Menschen werden zur Flucht gezwungen

Gas und Wasser fließen ebenfalls in vielen Regionen nicht. Die Ukraine ist deshalb dringend auf Hilfe angewiesen. Die Behörden brauchen Transformatoren und Generatoren, die Menschen brauchen Solarbatterien, Powerbanks, wärmende Decken und Kleidung.

In den monatelang besetzten oder umkämpften Kleinstädten im Süden und Osten ist Aufbauhilfe dringend nötig, dort müssen zudem Zehntausende Blindgänger und Minen geräumt werden, die lebensbedrohlich für diejenigen sind, die wieder nach Hause zurückkehren.

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Der Krieg, den Russland angeblich zur Befreiung der Ukrainer vom Joch einer „Nazi-Regierung“ führt, ist längst zu einem Terror-Krieg gegen die Bevölkerung geworden. Der Beschuss von Wohngebieten in Cherson zwingt derzeit Tausende zur Flucht aus der Stadt, aus der sich die russischen Streitkräfte am 11. November zurückgezogen haben. Es hat den Anschein, als wolle sich Moskau rächen; für den Widerstand der Ukrainer, für ihren Jubel in den befreiten Regionen und für die schmählichen Niederlagen, die die russischen Truppen erleiden mussten.

Ukraine-Krieg: Kämpfe werden zunehmen, wenn der Boden friert

Es spricht für den Zynismus von Wladimir Putin und seiner Kreml-Entourage, dass vor ausgerechnet die Städte und Dörfer im russischsprachigen Teil der Ukraine zu Ruinenlandschaften zerbombt worden sind. „Putin hat uns befreit. Von unseren Häusern, von unseren Straßen, von unseren Arbeitsplätzen, von unseren Angehörigen“, heißt es dort häufig bitter-sarkastisch.

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Die Kampfhandlungen werden auch im Winter weitergehen, wahrscheinlich erbitterter als derzeit. Im Herbst sind die Böden im Osten und im Süden matschig. Haubitzen und Artilleriegeschütze, Panzer und gepanzerte Truppentransporter sind weniger mobil. Das wird sich ändern, wenn der Boden gefriert.

Jedoch scheinen die Ukrainer auch dank westlicher Unterstützung besser gerüstet zu sein, angefangen von der Winterbekleidung für ihre Soldaten. Wer wochenlang an vorderster Front liegt, muss gut gegen die eisigen Temperaturen geschützt sein, um Gesundheit und Motivation zu bewahren. Nach allen vorliegenden Erkenntnissen sind die Ukrainer diesbezüglich im Vorteil.

Land Ukraine
Kontinent Europa
Hauptstadt Kiew
Fläche 603.700 Quadratkilometer (inklusive Ostukraine und Krim)
Einwohner ca. 41 Millionen
Staatsoberhaupt Präsident Wolodymyr Selenskyj
Regierungschef Ministerpräsident Denys Schmyhal
Unabhängigkeit 24. August 1991 (von der Sowjetunion)
Sprache Ukrainisch
Währung Hrywnja

Putin kann sein Gesicht nicht verlieren

Zudem leeren sich die Geschoss-Arsenale der russischen Streitkräfte im Ukraine-Krieg zusehends, auch, weil sie im Raum Bachmut im Osten derzeit ungeheure Mengen verbrauchen, um die ukrainischen Verteidigungslinien aufzubrechen; was ihnen schon seit Monaten nicht gelingt. Im Süden scheinen sich die russischen Streitkräfte ihrerseits am linken Ufer des Dnipro einzugraben, was für Cherson bedeuten würde, dass die befreite Regionalhauptstadt noch länger unter dem Beschuss von der anderen Flussseite leiden muss.

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Von einem Waffenstillstand, gar von einem Friedensschluss, scheint die Ukraine noch weit entfernt zu sein. Die Ukrainer glauben sich derzeit in der Initiative und scheinen überzeugt davon zu sein, die russischen Invasoren noch weiter zurückdrängen zu können. Putin kann sein Gesicht nicht verlieren. Die Wut der russischen Hardliner könnte ihn ansonsten stürzen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.

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