Waffen

Kann die Ukraine den Krieg überhaupt noch gewinnen?

Michael Backfisch
| Lesedauer: 6 Minuten
Ukrainische Region Cherson auf russisches Fernsehen umgestellt

Ukrainische Region Cherson auf russisches Fernsehen umgestellt

Das russische Militär hat den letzten TV-Sendemasten in der Region Cherson im Süden der Ukraine auf russisches Fernsehen umgestellt. Bald könnte es dort ein Referendum geben, in dem es um einen Anschluss an Russland geht.

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Berlin  Experten sagen einen Erschöpfungskrieg voraus, der noch viele Jahre dauern kann. Russland hat mehr Waffen, die Ukraine mehr Truppen.

Am Freitag tobt der Ukraine-Krieg bereits seit vier Monaten. Der russische Präsident Wladimir Putin vergaloppierte sich zwar mit seiner Absicht, das Nachbarland im Blitzkrieg zu erobern und ein moskaufreundliches Regime zu installieren. Und er unterschätzte die Widerstandskraft der ukrainischen Verbände.

Doch nach dem Rückzug aus der Gegend um Kiew schlägt die russische Kriegsmaschinerie im Donbass und im Süden umso brutaler zu. Luftwaffe und Artillerie zerstören systematisch Fabriken, Wohngebäude und Infrastruktur. Hat die Ukraine überhaupt noch eine Chance, den Krieg zu gewinnen?

Hat sich der russische Präsident Wladimir Putin im Ukraine-Krieg verkalkuliert?

Ja und Nein. „Wir haben zwei Phasen des Krieges. Die erste Phase eines Regime-Change-Krieges war von Russland als kurze militärische Operation geplant. Die ist gescheitert. Danach haben die Russen den Krieg auf den Donbass und die Südukraine konzentriert“, sagte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) unserer Redaktion.

Im neuen Abschnitt ist Russland wesentlich erfolgreicher als zu Beginn. Es setzt nun viel stärker Artillerie statt Bodentruppen ein und fokussiert sich mit seinen Kräften viel stärker auf eine begrenzte Region. „Wir befinden uns derzeit in einem Abnutzungskrieg. Demnächst werden wir an den Punkt kommen, an dem beide Seiten erschöpft sein werden. Russland wird dann bestimmte Regionen wie den Donbass und Cherson erobert haben. Dann wird es eine neue Kontaktlinie zwischen Russen und Ukrainern geben“, betont Meister.

Der Krieg träte in eine weitere Phase ein. Das könnte ein „low intensity war“ (Meister) sein, also ein andauernder Krieg mit geringerer Intensität, wie er seit 2014 bereits im Donbass stattfand. Zudem ist mit Anschlägen und Guerilla-Angriffen in den von Russen besetzten Gebieten zu rechnen. „Erst wenn beide Seiten zum Ergebnis kommen, dass sie im Krieg nichts mehr gewinnen können, werden sie Waffenstillstandsverhandlungen beginnen“, prognostiziert der DGAP-Experte.

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Wie sieht das militärische Kräfteverhältnis zwischen Russland und der Ukraine aus?

Total asymmetrisch. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba beklagte die erdrückende russische Überlegenheit beim Militärgerät. So hätten die russischen Truppen bei Artilleriewaffen eine Übermacht von 15:1. Deshalb brauche die Ukraine hier dringend Waffen wie Artillerie-Systeme, Flugabwehrgeräte und Raketensysteme.

Sein Land würde aber auch im Falle eines Stopps westlicher Waffenlieferungen den Kampf gegen Russland weiterführen, unterstrich Kuleba. „Wenn wir keine Waffen erhalten, in Ordnung, dann werden wir mit Schaufeln kämpfen, aber wir werden uns verteidigen, denn dieser Krieg ist ein Krieg um unsere Existenz.“

Der Ukraine fehlt alles: Waffen, Benzin, Munition. Die Infrastruktur ist zu großen Teilen zerstört, die Militärindustrie kaputtgebombt. Das Land ist vollständig auf Waffenlieferungen aus dem Westen angewiesen.

Im Bereich Luftabwehr, Raketen, Drohnen, zunehmend auch Panzer gehen der Ukraine die Waffen aus. Die Russen verfügen hingegen über ein riesiges Reservoir an sowjetischem Militärgerät. Zudem haben sie Luftwaffe, Artillerie, Raketen, Drohnen und Panzer, um diesen Krieg lange zu führen.

Bei der Zahl der Soldaten sieht es hingegen anders aus. „Russland hat weiterhin ein großes Problem, ausreichend Truppen zu rekrutieren. Die Russen könnten derzeit zum Beispiel nicht Odessa erobern, weil ihnen die Kräfte hierfür fehlen.

Die Ukraine verfügt hingegen über ein fast unendliches Truppenreservoir – sie hat die gesamte männliche Bevölkerung mobilisiert“, erklärt Meister. Russland hat nach Schätzungen westlicher Fachleute in den ersten Wochen bis zu 25.000 Soldaten verloren. Von der Ukraine heißt es, dass 100 bis 120 Soldaten pro Tag getötet werden.

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Mit welchen neuen Waffen will Russland seine Schlagkraft verbessern?

Präsident Wladimir Putin hat die Einführung neuer Hightech-Waffen bei den russischen Streitkräften angekündigt. „Neben den auf dem Schlachtfeld schon erprobten Waffen sind die ersten Luftabwehrkomplexe S-500 angekommen, für die es weltweit kein Pendant gibt“, sagte der Präsident am Dienstag.

Die S-500 ist ein hochmodernes Flug- und Raketenabwehrsystem mit einer Reichweite von 500 bis 600 Kilometern. Sie soll Satelliten und Hyperschallwaffen selbst im erdnahen Kosmos abschießen können. Zudem werde die schwere Interkontinentalrakete Sarmat gerade erprobt und bis Jahresende in Dienst gestellt, fügte er hinzu.

Hat die Ukraine überhaupt noch eine Chance, den Krieg zu gewinnen?

Das hängt davon ab, wie man einen Sieg definiert. Heißt das, den Krieg auf der Basis der gegenwärtigen Gebietsverteilung zu beenden? Oder Gebiete zurückzuerobern? Tatsache ist: Der Westen stattet die Ukraine nicht gut genug aus, um Gebiete zurückzuerobern. Sie kann nicht einmal ihre Gebiete halten. Die Russen erzielen derzeit im Donbass minimale, aber stetige Gebietsgewinne.

„Im Donbass tobt gerade die Entscheidungsschlacht für die gesamte Region“, resümiert Meister. „Wenn die Ukraine in den nächsten zwei bis drei Wochen die nötigen Waffen nicht geliefert bekommt, verliert sie den Donbass und große Teile der Region Cherson.“

Es sehe aber nicht danach aus, dass der Westen moderne Waffen mit großer Reichweite an die Ukraine liefere – aus Sorge, in einen Krieg mit Russland gezogen zu werden. „Die Ukraine kann maximal das gegenwärtig von ihr kontrollierte Territorium halten. Ich sehe nicht, dass sie die russische Armee zurückschlagen kann“, so Meister.

Wie lange wird der Krieg noch dauern?

Der Westen muss sich nach Einschätzung von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg darauf vorbereiten, dass der Krieg „Jahre dauern könnte“. Deshalb dürfe die Unterstützung für die Ukraine nicht nachlassen, sagte Stoltenberg der „Bild am Sonntag“. Die Kosten dafür seien hoch, aber das sei kein Vergleich zu dem Preis, den die Ukraine jeden Tag mit vielen Menschenleben zahle, so Stoltenberg.

DGAP-Mann Meister kommt zu einer differenzierten Betrachtung: „Der Krieg, wie er derzeit wütet, dürfte noch drei bis vier Wochen andauern. Ein Krieg mit geringerer Intensität könnte sich aber noch über Jahre hinziehen.“

Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de