Ukraine-Krieg

Ukraine: Politiker reisen im Luxuswaggon durchs Kriegsgebiet

Ulrich Krökel
| Lesedauer: 6 Minuten
Selenskyj: "Mariupol ist komplett zerstört"

Selenskyj- Mariupol ist komplett zerstört

Auch am Freitag haben Helfer versucht, die schätzungsweise noch 200 Zivilisten aus dem von russischen Truppen belagerten Stahlwerk im ukrainischen Mariupol zu evakuieren. Nach ukrainischen Angaben konnten bis zum Abend 50 Zivilisten herausgebracht werden. Laut Präsident Wolodymyr Selenskyj ist die Stadt "komplett zerstört".

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Warschau.  Viele Politiker-Reisen nach Kiew finden unter höchster Geheimhaltung statt. Doch wie riskant sind diese Touren? Und wie laufen sie ab?

Friedrich Merz im Schlafwagen. Ein schmales Bett, frisch bezogen mit strahlendweißer Wäsche, das Wandpolster in gediegenem Blau. Die Farben harmonieren mit dem Hemd des CDU-Chefs. Auf einem kleinen Tisch stehen Wasserflaschen. Der Zug fährt an maigrünen Büschen und Bäumen vorüber. „Eine interessante Reise“, sagt Merz in die Kamera. Das Video ist später bei Twitter zu sehen. Aber kann es das gewesen sein?

Nichts an der Szene ist spektakulär. Dabei reist Merz doch durch ein Kriegsgebiet, von der polnischen Grenze Richtung Kiew. Die Front verläuft zwar Hunderte Kilometer weiter im Osten. Aber der Luftraum ist nicht grundlos über der gesamten Ukraine gesperrt. Immer wieder schlagen Raketen auch im Westen ein, treffen Tanklager, Waffendepots – und Schienenstränge.

Ukraine: Strengste Geheimhaltung vor der Reise

Über den Kiew-Reisen westlicher Parlamentarier, Präsidentinnen und Premiers liegt in diesen Kriegswochen ein Schleier der Geheimhaltung. „Top Secret“ war vor allem die Reise von US-Außenminister Anthony Blinken und Pentagonchef Lloyd Austin Ende April. Mehr zum Thema: Bilanz des Ukraine-Kriegs – Was Putin bisher erreicht hat

Deren Treffen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigten die US-Behörden erst, als Blinken und Austen wieder in Polen waren. Zu groß war die Angst vor einem russischen Vergeltungsangriff durch eine „verirrte Rakete“. Schließlich weiß man im Kreml nur zu gut, dass US-Geheimdienste das ukrainische Militär mit Informationen füttern. Nur so waren die gezielten Tötungen russischer Generäle möglich oder auch der Raketenangriff auf die „Moskwa“, das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte.

Ein deutscher Oppositionsführer ist da weniger gefährdet. Merz wusste das und lehnte Personenschutz durch das BKA ab. Seine Reise sollte sichtlich die Botschaft von Normalität aussenden. So konnte er im innenpolitischen Streit den Druck auf Kanzler Olaf Scholz erhöhen, endlich auch zu Selenskyj zu fahren.

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Krieg: Wie gefährlich sind Reisen durch die Ukraine wirklich?

Das zeigt, dass es bei den „Pilgerfahrten“ westlicher Politiker nach Kiew nicht zuletzt um Symbole geht. Um Geschichten von Solidarität, Schulterschluss und Mut. Lebhaft in Erinnerung sind die Bilder des britischen Premiers Boris Johnson, der mit Selenskyj durch das Zentrum von Kiew spazierte, begleitet von schwer bewaffneten Soldaten. Den ultimativen Maßstab allerdings setzten die Regierungschefs von Polen, Tschechien und Slowenien. Sie fuhren Mitte März als erste EU-Politiker per Zug nach Kiew und trafen sich im Bunker mit Selenskyj.

Damals war das eine Sensation. Zumal noch russische Truppen die Stadt belagerten und unter Beschuss nahmen. Dazu passten die dramatischen Fotos der reisenden Regierungschefs. Ein ikonisches Bild zeigt, wie sie sich gemeinsam über eine Landkarte beugen. Echtes Papier statt Google Maps.

Wie im Generalstab sieht das aus, als würden die Politiker selbst die richtige Route heraussuchen und nicht ihre Geheimdienste. Ein anderes Foto zeigt den tschechischen Premier Petr Fiala mit Schutzhelm und schusssicherer Weste im Schlafwagen.

Aber wie gefährlich und strapaziös sind die Zugreisen nach Kiew wirklich? EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen etwa, die drei Wochen nach der Ost-Troika zu Selenskyj fuhr, ließ sich im Abteil ablichten, wie sie lässig auf der breiten Lehne eines feudalen Ledersessels hockte.

Den meisten prominenten Kiew-Reisenden dürfte es kaum an Bequemlichkeit mangeln. So enthüllten polnische Medien, dass die Osteuropäer im März in einem Luxuswaggon nach Kiew reisten. Die ukrainische Eisenbahngesellschaft UZ verfügt über rund ein Dutzend solcher Premiumwagen. Sie stammen zwar noch aus Sowjetzeiten, als sie höchsten Parteikadern vorbehalten waren, wurden aber 2013 modernisiert.

Ukraine: Reist ein Staatsgast mit, sind die Züge blockiert

Heute kann jeder Kunde, der über das nötige Kleingeld verfügt, diese Waggons für ein paar Tausend Euro mieten oder einen kompletten Luxuszug chartern. Zur Ausstattung gehören eine moderne Küche, ein Konferenzraum sowie eine „Königssuite“ mit 1,60 Meter breitem Bett, eigener Toilette und sogar mit Bad samt Dusche. Das Wasser strömt, als wäre man nicht auf Schienen unterwegs.

Doch auch ohne Luxuswaggon dürfte ein Einzelabteil in der Ersten Klasse für Staatsgäste Standard sein. Was das für ein Zugewinn an Komfort ist, kann wohl nur ermessen, wer einmal im klassischen Vier-Personen-Abteil eines regulären ukrainischen Nachtzugs unterwegs war. Etagenpritschen ersetzen dort die Betten. Auf den Gemeinschaftstoiletten können sich Passagiere morgens an winzigen Waschbecken frisch machen. Wenn das Wasser läuft.

In den ersten Kriegswochen drängten sich in solchen Zügen oft Tausende Flüchtlinge mit Haustieren. Die Bahngesellschaft UZ versicherte zwar, dass „alle Waggons auch der Luxusklasse zur Evakuierung zur Verfügung stehen, insbesondere für behinderte Menschen, Alte und Kinder“. Aber klar ist: Reist damit ein Staatsgast, sind die Züge blockiert.

Das Risiko von Raketenangriffen teilen dagegen alle Reisenden. Wie hoch es im Einzelfall ist, lässt sich auch für Fachleute kaum abschätzen. Spätestens der Beschuss des Bahnhofs im ostukrainischen Kramatorsk am 8. April mit mehr als 50 Toten hat gezeigt, dass die russische Armee auch gezielt zivile Ziele der Bahninfrastruktur angreift. Bei Reisen von Staatsgästen wählen Geheimdienste zwar vermeintlich sichere Routen aus. Rollen die Züge aber erst einmal, lässt sich außer der gängigen nächtlichen Verdunkelung nicht mehr viel tun. Selbst eine Fahrt im Luxuswaggon durch das Kriegsgebiet ist also keine Vergnügungsreise.

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