Ukraine-Krieg

Ukraine: Aus dem Eigenheim an die vorderste Front

Jan Jessen
| Lesedauer: 9 Minuten
Reportage aus der Ukraine: Kampf an der Front

Reportage aus der Ukraine- Kampf an der Front

Die Stadt Mykolajiw, im Süden der Ukraine, wird seit Monaten vom russischen Militär angegriffen. FUNKE-Reporter Jan Jessen fährt an die Front zwischen Mykolajiw und Cherson. Dort spricht er mit einem Soldaten und einem Presseoffizier der Armee.

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Mykolajiw.  Unsere Reporter reisten an die Front in der Ukraine und sie trafen dabei Menschen zwischen Hoffen, Verzweiflung und namenlosen Gräbern.

Alexiy sitzt an einem einfachen Holztisch, aus der Erdwand hinter ihm ranken sich kleine Wurzeln in dem niedrigen Verschlag. Auf dem Tisch steht Instantkaffee, auf dem Boden lagern Wasserflaschen.

Die Decke haben sie aus Holzbalken gezimmert, sie sieht stabil aus. Das muss sie sein, weil der Feind nicht weit entfernt ist, und mit seiner Artillerie immer wieder in die Richtung feuert, in der sich die kleine, von Bäumen geschützte Position befindet, die Alexiy und die anderen ukrainischen Soldaten in den vergangenen Wochen befestigt haben. „Das hier ist ein sehr gefährlicher Ort“, sagt der junge Mann. Er ist jetzt seit drei Monaten hier.

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Der Oblast Mykolajiw im Süden der Ukraine. Seit dem Beginn des russischen Überfalls toben hier heftige Kämpfe. Im März standen russische Truppen bereits in den Vororten der Stadt, die dem Oblast seinen Namen gegeben hat. Seitdem sind sie deutlich zurückgedrängt worden. Jedoch liefern sich die ukrainische und russische Armee hier Artilleriegefechte, die in den vergangenen Tagen an Intensität zugenommen haben.

Ukraine: Niemand weiß, wann dieser Krieg endet

Die Stellung von Alexiy liegt irgendwo zwischen Mykolajiw und dem etwa 50 Kilometer südöstlich gelegenen Cherson, das Anfang März von den Russen eingenommen wurde. Vor dem Krieg hat der 34-Jährige ein ganz normales Leben gelebt, sagt er. Frau, zwei Kinder, Arbeit, ein Auto, ein Haus, kreditfinanziert. „Ich habe mir etwas aufgebaut.“ Als der Krieg begann, wurde Alexiy am ersten Tag eingezogen. Jetzt lebt er in diesem Erdloch, zu dem ein kleiner Schützengraben führt.

Es ist sein Ruheort, wenn er von ganz vorne kommt. Natürlich, sagt er, hat er Angst. „Man weiß nie, wann etwas hereinkommt. Sie schießen völlig willkürlich auf militärische und zivile Ziele.“ Die Furcht wird dem jungen Mann mit den kurzen, dunklen Haaren und dem dünnen Bart genommen, wenn er mit seiner Familie oder mit seinen Freunden sprechen kann. Wie lange er bleiben muss, weiß er nicht. Niemand weiß, wann dieser Krieg endet.

Draußen blickt Sergej misstrauisch in die Luft und horcht angestrengt, als ein dumpfes Donnern ertönt. „Das sind unsere“, sagt der Mittfünfziger, ein gestandener, drahtiger Berufssoldat, der zu Sowjetzeiten in Moskau gedient hat. Jetzt ist er Presseoffizier. „Die Russen werden bald antworten.“ Er drängt zum Aufbruch. Auf der Fahrt nach Mykolajiw macht er einen Umweg.

Überreste der russischen Hubschrauber-Besatzung namenlos beerdigt

Auf einem gelb leuchtenden Kornfeld liegt das Wrack eines russischen Kampfhubschraubers, der Mitte Mai abgeschossen wurde. Noch immer riecht das Wrack nach verbranntem Plastik und Kerosin. Die Überreste der Besatzung liegen unter einem kleinen Erdhügel neben einem Feldweg. In den Hügel haben die Ukrainer ein Metallstück aus dem Wrack gesteckt. Die beiden Toten sind namenlos beerdigt worden. „Warum? Wozu das alles? Das ist doch einfach nur dumm“, sagt Sergej.

Mykolajiw wirkt wie eine Stadt, die in der Sowjetära stehen geblieben ist. Breite Straßen, am Stadtrand viele Wohnblocks, die auch im warmen Licht der Juni-Sonne nicht freundlicher und einladender wirken. Im Stadtzentrum sitzen in diesen Tagen viele Menschen auf den Bänken unter den Kastanien in dem kleinen Park. Kunstmaler bieten unter den Ahorn-Bäumen am Boulevard daneben ihre Werke an. Kinder flitzen mit ihren Inline-Skatern umher, eine Cellistin und ein Gitarrist spielen, ein Mann mit Kastagnetten gibt den Takt vor.

Es ist, als sei der Krieg so weit weg, und doch ist er so nah.

Viele der früheren Einwohner der Stadt sind geflohen. Etliche wurden im März und April bei Evakuierungsmissionen aus der Stadt herausgebracht. Im Celentano, einer modern eingerichteten Pizzeria, trägt jeder zweite Olivgrün.

Viele Restaurants sind verbrettert. Manche sind zerstört. Jeden Tag gellt in Mykolajiw der Luftalarm und warnt vor Raketenbeschuss. Bei Artilleriegeschossen ist die Vorwarnzeit zu kurz. Sie schlagen unvermittelt ein und zerfetzen Menschen. Videos und Bilder zeigen Explosionen in Nachbarschaften und die grotesk verdrehten blutigen Körper derjenigen, die liegen geblieben sind, nachdem sich der Rauch verzogen hat.

Ukraine: "Wir haben seit einer Woche jeden Tag Artilleriebeschuss"

„Die Situation ist stabil, aber sehr gefährlich“, sagt Vitaliy Kim. „Wir haben seit einer Woche jeden Tag Artilleriebeschuss. Erst heute ist ein Mensch in der Stadt gestorben, fünf wurden verletzt.“ Kim ist der Gouverneur des Oblast. 41 Jahre jung, sportlich, er trägt Sneaker und ein T-Shirt auf dem das Abbild einer Neptun-Rakete zu sehen ist, die Silhouette des im April versenkten russischen Flaggschiffs Moskwa und ein derbes Schimpfwort. Kim steht vor der Ruine des Gebäudes, in dem er einmal sein Büro hatte.

Am 29. März schlug eine russische Iskander-Rakete in das neungeschossige Haus ein, genau in den vierten Stock, dort, wo Kims Büro war. Jetzt klafft in dem Gebäude ein gewaltiges Loch. 37 Menschen starben bei diesem Angriff. Kim war zufällig nicht vor Ort. „Die Menschen haben sich an den Krieg gewöhnt. Sie erkennen mittlerweile jede Bombe an ihrem Geräusch, sie erkennen, ob Geschosse herausgehen oder hereinkommen. Sie sind es leid, immer in Furcht zu leben“, sagt der Gouverneur. „Aber das normale Leben geht irgendwie weiter.“

Valentina Stepanova kann sich nicht an den Krieg gewöhnen. Die 73-Jährige wurde am 18. Mai früh am Morgen von einer gewaltigen Explosion in ihrer Nachbarschaft geweckt. Eine Rakete war in der Marschall-Vasylevskoho-Straße eingeschlagen und hatte drei Häuser zerstört. „Es war alles so dunkel von dem Staub, ich habe gedacht, es sei Gas ausgetreten.“ Ein alter Mann starb.

Auch das Haus der alten Dame mit den struppigen weißen Haaren wurde in Mitleidenschaft gezogen. Sie muss es jetzt verlassen, weil es einsturzgefährdet ist. „Ich weiß nicht, wo ich hingehen soll“, sagt sie aufgebracht. „Wir leben hier in ständiger Furcht.“ Stepanova hat nach dem Kriegsausbruch eineinhalb Monate in Polen gelebt, kehrte aber zurück, weil sie ihre Hunde vermisste, die während ihrer Abwesenheit von Freiwilligen betreut wurden. „Jetzt muss sich mich um die Bürokratie kümmern. Ich muss doch irgendwie eine Kompensation für mein kaputtes Haus bekommen.“

Der Beschuss auf Mykolajiw hört nicht auf

Im Sergeev-Hotel nicht weit von der Vasylevskoho haben sich Artilleristen einquartiert. Sie berichten stolz davon, wie sie am Vortag zwei russische Pion-Kanonen zerstört haben, die gewaltige Geschosse mit 203er-Kaliber verschießen. Sie haben sie mit M777-Haubitzen außer Gefecht gesetzt, die von den USA an die Ukraine geliefert wurden. Der Beschuss auf Mykolajiw hört trotzdem nicht auf. In der Nacht heult wieder der Alarm, immer wieder grollt das dumpfe Donnern der Geschütze. Am Tag danach gehen wieder Artillerie-Geschosse auf die Stadt nieder.

Auch 70 Kilometer nordöstlich der Stadt nehmen die russischen Angriffe zu. In der Kleinstadt Bashdanka haben Polizisten am 7. Juni die Straße hinter der Brücke, auf der im März eine Kolonne russischer Panzerfahrzeuge zerstört wurde, mit Flatterband abgesperrt. Dahinter liegt ein Tatort. In das Verwaltungsgebäude des Distrikts sind in der Nacht zuvor vier russische Geschosse eingeschlagen, vermutlich von See abgefeuerte Kalibr-Raketen. Auch Nachbargebäude wurden schwer beschädigt. Es war der erste direkte Angriff auf die Kleinstadt seit langer Zeit.

„Zwei Menschen sind gestorben, mehrere sind verletzt worden“, sagt einer der Polizisten, die darauf aufpassen, dass sich niemand hinter dem Flatterband aufhält. „Wir müssen erst schauen, ob noch Menschen unter den Trümmern sind“, sagt der Beamte. Bashdanka ist bereits bei den Kämpfen im März schwer beschädigt worden, viele Häuser und Geschäfte im Zentrum sind nur noch rußgeschwärzte Ruinen. Manche Einwohner reagieren misstrauisch auf Kameras. „Was wollt ihr hier?“, herrscht ein Mann uns an. Die Befürchtung ist groß, dass Fotografen neue Ziele für die Russen ablichten.

Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt