Ukraine-Krieg

Putins Plan offenbart? Bürgermeister verschleppt und ersetzt

Tobias Eßer
| Lesedauer: 3 Minuten
Humanitäre Lage in ukrainischen Städten spitzt sich weiter zu

Humanitäre Lage in ukrainischen Städten spitzt sich weiter zu

Die russische Armee hat den Druck auf die ukrainische Hauptstadt Kiew weiter erhöht und ihre Angriffe auf Städte im Süden des Landes verstärkt.

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Berlin  Russland entführt ukrainische Bürgermeister und ersetzt sie mit Getreuen. Offenbart Wladimir Putin seinen Kriegs-Plan für die Ukraine?

Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine setzen die russischen Truppen immer neue Taktiken ein, um den Konflikt für sich zu entscheiden und ihren Einfluss in den besetzten Gebieten zu festigen. Das zeigt sich zur Zeit besonders in der südukrainischen Oblast Saporischschja. Dort sollen laut ukrainischen Angaben zwei Bürgermeister entführt worden sein – in einem Fall hat Russland sogar schon eine Nachfolgerin eingesetzt.

Am Freitag wurde Iwan Fedorow – ein ethnischer Russe und Bürgermeister der Großstadt Melitopol – entführt. Videoaufnahmen zeigen, wie russische Spezialeinheiten einen Sack über seinen Kopf werfen und ihn mit sich nehmen. Fedorow hatte seit Beginn des Krieges immer wieder zum Widerstand gegen die russischen Besatzungstruppen aufgerufen.

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Ukraine: Russland setzt Statthalterin in Melitopol ein

Ein Ersatz wurde den Menschen in der Stadt Melitopol schnell präsentiert: Die prorussische Abgeordnete Halyna Daniltschenko wurde als Statthalterin eingesetzt und rief die Einwohner der südukrainischen Stadt Melitopol auf, sich "an die neue Realität" anzupassen. Zugleich verlangte sie, die Einwohner sollten nicht mehr gegen die russischen Besatzungstruppen demonstrieren.

"Trotz unserer Anstrengungen, gibt es noch immer Leute in der Stadt, die versuchen, die Situation zu destabilisieren und Euch zu extremistischen Handlungen auffordern", sagte Daniltschenko in einer Videobotschaft. Sie wolle ein "Komitee der Volksdeputierten" schaffen, das die Stadt mit knapp 150 000 Einwohnern leitet.

Statthalterin Melitopol: Ansprache (russisch)

Entführungen von Bürgermeistern könnte russische Taktik in der Ukraine offenbaren

Die Entführung ukrainischer Bürgermeisterinnen und Bürgermeister könnte Putins Taktik im russischen Angriffskrieg offenbaren, mit der er die Ukraine in Zukunft nach dem Vorbild der Separatistengebiete um Luhansk und Donezk weiter zersplittern will. Zur Diskussion beigetragen hatte auch eine Karte, die der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko zu Beginn des Krieges im Staatsfernsehen zeigte. Darauf waren neben detaillierten Angriffsplänen die vier Sektoren zu sehen, in die die Ukraine aufgeteilt war. Schnell entbrannten daraufhin Diskussionen, ob Russlands Präsident Wladimir Putin die Teilung der Ukraine vollziehen wolle.

Seit Sonntag ist der entführte Bürgermeister Fedorow kein Einzelfall mehr. Der Chef der Militärverwaltung in der Oblast Saporischschja, Olexander Staruch, meldete sich auf Facebook zu Wort. "Der Bürgermeister von Dniporudne, Jewhenij Matwjejew, wurde entführt", schrieb Staruch. "Kriegsverbrechen werden immer systematischer".

Ukraine: Präsident Selenskyj droht Statthalterin mit dem Tod

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskyj drohte der neuen Statthalterin von Melitopol Daniltschenko mit dem Tod. Örtliche Medien bezeichneten die Abgeordnete am Sonntag in Anlehnung an die SS-Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg als "Gauleiterin im Rock".

Auch in der eroberten südukrainischen Stadt Cherson gibt es offensichtlich Bestrebungen, die russische Besatzung abzusichern. Wie Selenskyj sagte, strebt Russland die Bildung einer "Volksrepublik Cherson" an – demnach wäre ein ähnliches Modell wie in den als unabhängig anerkannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk denkbar. So könnte Russland den Ukraine-Konflikt langfristig nicht nur militärisch entscheiden, sondern auch eine Teilung der Ukraine in pro-russische und ukrainische Gebiete weiter vorantreiben. (mit dpa)

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de