Ukraine-Konflikt

Angriff auf Ukraine: So führt Russland den Krieg im Internet

Christian Unger
| Lesedauer: 6 Minuten
Beschuss, Bunker, Schützengräben: Bilder aus Kiew

Beschuss, Bunker, Schützengräben: Bilder aus Kiew

Am dritten Tag des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erschüttert Artilleriefeuer die Hauptstadt Kiew. Die Zivilbevölkerung flüchtet sich in Keller und Bunker, einige Menschen zeigen sich trotzig.

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Berlin/Kiew.  Durchhalteparolen im Netz, Fake-News und Hackerangriffe auf Infrastruktur – der Kampf um die Ukraine findet auch im Internet statt.

Schüsse in den Vororten von Kiew, eine russische Rakete trifft ein Wohnblock der ukrainischen Hauptstadt am frühen Samstagmorgen. Rauch steigt auf, Schutt und Trümmer liegen auf der Straße. An vielen Orten hat die ukrainische Armee Checkpunkte aufgebaut, schwere Geschütze hinter Sandsäcken. Der Kampf um Kiew – er läuft in diesen Tagen und Stunden inmitten zwischen Häusern, Straßen und Geschäften.

Doch der Krieg tobt noch auf einem anderen Schlachtfeld. In der digitalen Welt. Die Sicherheitsbehörden in der Ukraine meldeten schon in den ersten Stunden des Einmarschs russischer Truppen Cyberangriffe auf ukrainische Regierungsserver, Verwaltungs-IT, aber auch Netzwerke etwa von Banken. So lag laut Berichten die Webseite des ukrainischen Parlaments lahm. Das deckt sich nach Informationen unserer Redaktion auch mit Kenntnissen deutscher Cyber-Fachleute in der Bundesregierung.

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Tage vor dem Einmarsch registrierten Nachrichtendienste russische Cyberangriffe

IT-Experten sprechen von „Wiper-Attacken“. Hackergruppen installieren Schadprogramme auf Computernetzwerken von Firmen oder staatlichen Institutionen, die dann sofort mit dem wahllosen Löschen von Daten beginnen. Ein „Wipe out“ – das „Auslöschen“. Dafür müssen die Computer bereits zuvor durch Cyberattacken geknackt worden sein, erklären Experten. Ein Indiz, dass Russlands Militär die Invasion in der Ukraine nicht nur wochenlang mit Truppenbewegungen und Manövern vorbereitet hat – sondern auch den Cyberkrieg geplant hat.

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Und schon Mitte Februar, Tage vor dem Einmarsch, registrierten westliche Nachrichtendienste vermehrte Cyberangriffe auf Server in der Ukraine. Der Absender der Attacken mutmaßlich auch hier: Hacker im Auftrag des russischen Staates.

Seit 2014 hält Russland die Krim im Süden der Ukraine besetzt, unterstützt zugleich pro-russische Separatisten im Osten des Landes. Und seitdem treffen Ukraine auch immer wieder gefährliche Cyberangriffe. So wie 2015, als durch Schadsoftware die Stromversorgung von mehr als 200.000 Menschen blockiert wird. So wie 2017, als Hacker durch die Schadsoftware „NotPetya“ einen Löschangriff auf die Daten des populären Buchhaltungsdienstes MeDoc starteten.

Oftmals arbeiten Hackergruppen nicht unmittelbar für etwa russisches Militär

Doch 2022 zeigt eine neue Dynamik in der russischen Angriffswelle im Netz. Die aktuellen Wiper-Attacken, laut westlichen Cyber-Fachleuten vorangetrieben durch die Gruppe, die sich „Gamaredon“ nennt und der eine Nähe zum russischen Geheimdienst nachgesagt wird, soll mehr als 5000 Einrichtungen betroffen haben.

Oftmals arbeiten Hackergruppen nicht unmittelbar für etwa russisches Militär. „Diese Dienste für Angriffe kann man auch einfach kaufen im Internet“, sagt ein deutscher Sicherheitsbeamte. „Hacker bieten Angriffe als Dienstleistungen an.“ Im Krieg kann das eine lohnende Investition sein. Den auch wenn die ukrainische Infrastruktur vor allem durch Raketenbeschuss und Artillerie in Gefahr ist, sorgen auch kleinere Ausfälle von Webseiten und Verwaltungs-IT für Unruhe. Diese Art des Cyberkriegs erhöht die Unsicherheit einer ohnehin aufgewühlten Gesellschaft.

Deutsche Behörden warnen Firmen und Verwaltung vor möglichen Cyberattacken

Die Ukraine kann dem wenig entgegensetzen. Russlands Hackerangriffe sind seit vielen Jahren berüchtigt, 2015 erwischte es auch den deutschen Bundestag. Bisher sehen deutsche Sicherheitsbehörden keine gezielten Angriffe auf Infrastruktur hierzulande. Doch die Gefahr schätzen viele als hoch ein, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik klärte in den vergangenen Tagen im größeren Stil deutsche Verwaltungen und Firmen der wichtigen Infrastruktur wie Energieversorger über mögliche Auswirkungen des Cyberkriegs

Auch die Staatsführung in Kiew weiß sich zu helfen: Ukrainische Offizielle riefen in den ersten Tagen des Krieges Hackergruppen zur „Verteidigung des Landes“ auf. Tatsächlich schaltete sich eine der größten Gruppen weltweit bereits ein: Anonymous. Auf Twitter erklärte das Kollektiv Russland den „Cyberkrieg“. Als erstes legten die Hacker offenbar die Webseite des russischen Staatsmediums „Russia Today“ lahm.

Das ist ein prominentes und ebenso strategisches Ziel in diesem Krieg: Denn neben Cyberattacken spielt auch Desinformation im Krieg eine entscheidende Rolle. Mit gezielten Falschinformationen oder zumindest verzerrten Darstellungen der Ereignisse soll Stimmung gemacht werden: gegen den „Feind“ – und Motivation in die eigenen Reihen.

Von „Info-Krieg“ sprechen Fachleute, Militärs von „Psy-Ops“

Von „Info-Krieg“ sprechen Fachleute, Militärs von „Psy-Ops“, also Operationen, die auf die Psyche der Menschen in der Kampfzone abzielen. Wie hart umkämpft die Hoheit über die Informationen ist, zeigt allein die Nachrichtenlage über die Toten und Verletzten auf beiden Seiten: Ukrainische Stellen sprechen von Hunderten getöteten russischen Soldaten. Russlands Militärs veröffentlichen Statements, in denen sie kaum Verluste beklagen.

Solche Informationen können gravierenden Einfluss nehmen auf das Geschehen: Sprechen sich Nachrichten über hohe Verluste auf einer Seite rum, kann das dort Moral und Einsatz der Truppen demoralisieren. Und auf der anderen Seite der Front für Euphorie sorgen, die Truppen mobilisiert.

Der ukrainische Präsident Selenskyj filmt seit Tagen Fotos und Videos mit seinem Handy

Und sogar bei der Logistik der Kriegsfolgen hilft das Netz heute. In den sozialen Netzwerken kursieren digitale Listen, in denen Menschen ihre Wohnungen für Geflüchtete aus der Ukraine anbieten, vor allem in den Nachbarstaaten der Ukraine.

Der ukrainische Präsident Selenskyj filmt seit Tagen Fotos und Videos mit seinem Handy und verbreitet sie über die sozialen Medien wie Twitter. Mal sitzt er an seinem Tisch im Büro und diskutiert mit dem Krisenstab, mal steht er vor einem Gebäude im Regierungsbezirk. Die Botschaft: „Ich bin da.“ Das Ziel ist klar: Er will verhindern, dass Menschen fliehen, in Panik geraten, wenn sie hören, dass russische Truppen weiter vordringen.

Bisher bleibt der Präsident im Amt. Und viele beschreiben in als „Helden“. Er filmt weiter von der Front, während Putin im fernen Moskau seine Panzer schickt – es ist in der psychologischen Kriegsführung ein Sieg der Ukraine. Kein militärischer, aber zumindest ein moralischer.

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