Ukraine-Krieg

Ukraine teilen? Die koreanische Lösung: Putins Exitstrategie

Miguel Sanches
| Lesedauer: 5 Minuten
Von der Leyen in Kiew: Ukraine hat "europäische Zukunft"

Von der Leyen in Kiew: Ukraine hat "europäische Zukunft"

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat der Ukraine bei einem Besuch in Kiew eine "europäische Zukunft" prophezeit. Zuvor gedachte sie in der Stadt Butscha der Opfer von Kriegsgräueln. Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj forderte erneut, der Westen müsse mehr tun, um Russland zu stoppen.

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Berlin   Was ist Putins Exit-Strategie? In der Ukraine glaubt man, dass der Kremlchef das Land teilen wird: Es wäre eine "Lösung" wie in Korea.

Der Ukraine-Krieg folgt einem Muster: Russland agiert, die Ukraine reagiert. Für den Erfolg der Verteidiger ist es lebenswichtig, den jeweils nächsten Zug von Kriegsherr Wladimir Putin zu erraten. Was will der Aggressor, was könnte seine Exitstrategie sein?

Es gibt seit Beginn der "Spezialoperation", wie Putin den Krieg verharmlosend nennt, zwei Möglichkeiten. Aus seiner Sicht wohl: Maximum und Optimum.

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Er hätte das Nachbarland gern enthauptet, buchstäblich wie bildlich, danach politisch neu gepolt und entwaffnet. Das ist auch weiter möglich – zu immensen Kosten in einem Abnutzungskrieg, denn die Chance zu einem Blitzsieg ist vertan.

Koreanische Lösung ist Putins Minimalziel

Höchste Zeit, das Maximum auszuloten: Die Ost-Ukraine erobern und für unabhängig erklären, eine Landbrücke zur russisch besetzten Halbinsel Krim schaffen. Die Teilung der Ukraine war von Anfang an eine Option.

Es ist die koreanische Lösung. Die Grenze neu ziehen und festigen, mit diesem Faustpfand auf dem Verhandlungsweg darauf dringen, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi die Fakten akzeptiert: Frieden gegen Gebietsabtretungen und die Zusicherung einer Neutralität, zumindest aber nicht der Nato beizutreten.

Neue Ost-Offensive Putins wird erwartet

Beide Lösungen schließen einander nicht aus. Tatsächlich beobachten viele Experten, wie Russland nach den Verlusten der vergangenen Wochen seine Einheiten personell auffrischt und neu aufstellt.

Aus dem Großraum Kiew hat man sich zurückgezogen. Dazu passt, dass die russische Armeeführung zuletzt ankündigte, sich auf den Donbass im Osten zu konzentrieren. Das ist schwer genug.

Putins schmerzhafte Lehren

Denn: Die Offensive ist an vielen Abschnitten festgefahren. Im Süden konnten die Städte Melitopol und Berdjansk erobert werden. Die Großstädte Charkiw und Mariupol sind aber noch immer umkämpft – die Gegend um Cherson ist es wieder. Eine Einnahme von Odessa erscheint immer unrealistischer. Putin hat in diesen Wochen vieles lernen müssen:

  • In der Ukraine ist die Bevölkerung pro-westlicher, das Militär stärker als erwartet. Der Widerstand: breit aufgestellt, zäh, gut organisiert.
  • Die hundertfachen Bilder zerstörter Fahrzeuge zeigen, dass die westliche Waffenhilfe rechtzeitig ankam und das russische Militär die Offensive schlecht geplant hat. Man kann annehmen, dass Putin die Schuldigen für die planerischen Schwächen beim Großangriff bei der Führung von Geheimdiensten und Streitkräften suchen wird.
  • Zum Blutzoll kommt der hohe politische und ökonomische Preis: Russland wird politisch isoliert und soll im Zuge der Sanktionen auch wirtschaftlich ausbluten. Putin hat Respekt verloren, nicht gewonnen. Seine Abhängigkeit ist nicht kleiner, sondern größer geworden.

Putin: Sucht er sich ein realistischeres Kriegsziel?

Geopolitisch sind andere die Gewinner: Vorneweg China, auf das Putin mehr denn je angewiesen sein wird, und die USA. Die Europäer scharen sich in der Nato um die Führungsmacht. Milliardenströme werden umgeleitet. Der Westen bestellt dort Waffen und teures Flüssiggas.

In der ungünstigen Lage würde ein rational handelnder Politiker – eine Frage des mentalen Zustands – ein realistisches Ziel anpeilen. Damit rechnet der Leiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes, Brigadegeneral Kyrylo Budanov: "In Wirklichkeit handelt es sich um einen Versuch, in der Ukraine ein Nord- und ein Südkorea zu schaffen." Budanow kündigte an, dass die Ukraine bald einen Guerillakrieg in den von Russland besetzten Gebieten beginnen werde.

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Russland kann indes aus Fehlern lernen und etwa die Versorgung verbessern. Dazu passen Berichte über die Anwerbung von ausländischen Terrorkämpfern. Die russischen Militärs können noch nachlegen, personell, aber auch materiell.

Sowohl die Luftwaffe als auch die Marine wurden bisher kaum in die Operation einbezogen; auch von den Cyber-Kapazitäten war wenig zu sehen. Russland sollte die größeren Reserven, den längeren Atem haben. Eine neue Ost-Offensive wird schon in den nächsten Tagen erwartet.

Ukraine: Die Teilung als gesichtswahrende Lösung

Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte erst Ende letzter Woche, "unser Militär tut sein Bestes, um diese Operation zu beenden". Russland hoffe, dass „in den kommenden Tagen" oder der nahen Zukunft der Militäreinsatz die gesetzten Ziele erreicht oder die Verhandlungen mit der Ukraine ein Ergebnis bringen.

Wenn Putin sich mit der Ost-Ukraine "begnügt", ließe sich diese "Lösung" daheim gesichtswahrend darstellen. Umgekehrt käme auf Selenskyi die Frage zu, ob er für einen Frieden auf Gebiete verzichten darf. Nach dem vielen Leid wäre das für viele Ukrainer schwer erträglich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de