Belagerung

Ukraine-Krieg: So dramatisch ist die Lage in Mariupol

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Hilfe für Ukrainer: Diese Sachspenden werden am dringendsten benötigt

Hilfe für Ukrainer: Diese Sachspenden werden am dringendsten benötigt

Hunderttausende Menschen fliehen vor dem Krieg aus der Ukraine. Sie nehmen häufig nur wenig mit. Daher helfen ihnen vor allem Sachspenden.

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Berlin   In Mariupol ist die humanitäre Situation Helfern zufolge "katastrophal". Am Sonntag ist ein erneuter Evakuierungsversuch gescheitert.

Mariupol im Süden der Ukraine ist während des russischen Angriffskrieges nicht nur von strategischer, sondern auch von symbolischer Bedeutung: Es handelt sich um einen wichtigen Industriestandort und die letzte große Hafenstadt am Asowschen Meer, die zuletzt noch unter ukrainischer Kontrolle war. Im Jahr 2014 hatte die mehrheitlich russischsprachige Stadt bereits den Angriffen pro-russischer Separatisten aus der Ostukraine getrotzt. Nun scheint der Fall der von den russischen Truppen belagerten Stadt jedoch kurz bevorzustehen.

Mariupol: Leichen auf den Straßen, kein Wasser, kein Strom

Die humanitäre Situation ist in Mariupol nach Angaben von Helfern "katastrophal". Der Notfalldirektor von Ärzte ohne Grenzen (MSF), Laurent Ligozat, sagte der Nachrichtenagentur AFP, in der Stadt gebe es kein Wasser, keinen Strom und keine Heizung mehr – bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Auch die Lebensmittel seien bereits knapp. Zivilistinnen und Zivilisten müssten dringend über einen humanitären Korridor aus der Stadt gebracht werden.

Ein 27-jähriger Bewohner Mariupols schilderte in der BBC, dass er sich nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit fast 20 Personen in der Wohnung seiner Großeltern verbarrikadieren musste. An zahlreichen Orten in der Stadt gebe es brennende Häuser und Leichen auf den Straßen, so der Augenzeuge.

Bürgermeister von Mariupol verzweifelt

Der Bürgermeister von Mariupol sieht die südukrainische Hafenstadt einer "humanitären Blockade" ausgesetzt. Das sagte Wadym Boitschenko am Samstag in einer ukrainischen TV-Sendung. Russische Einheiten hätten alle 15 Stromleitungen in die Stadt ausgeschaltet. Diese sei bereits seit fünf Tagen ohne Strom.

Da die Heizkraftwerke für ihren Betrieb Strom benötigten, sitze man auch in der Kälte. Auch der Mobilfunk funktioniere ohne Strom nicht. Noch vor Beginn des Krieges sei die Hauptwasserleitung abgetrennt worden, und nach fünf Kriegstagen habe man auch die Reservewasserversorgung verloren. Die russische Seite sei sehr methodisch vorgegangen, um die Stadt von jeglicher Versorgung abzuschneiden und so inneren Druck zu erzeugen.

Durch den zunehmenden Beschuss und Bombardierungen sei auch die Zahl der Verletzten zuletzt in die "Tausende" gestiegen, sagte Boitschenko weiter. Wie viele Menschen ums Leben gekommen seien, sei schwer zu zählen, da man den sechsten Tag praktisch durchgehend unter Beschuss stehe. Man habe keine Chance, nach seinen Liebsten zu sehen, da der Beschuss nicht aufhöre. Es gehe um nichts anderes, als die "Ukraine von den Ukrainern zu befreien, so sehe ich das", sagte der Bürgermeister. In Bezug auf die Stadt sprach Boitschenko von "Ruinen" und "kolossaler" Zerstörung. "Das Mariupol, das sie kannten, gibt es nicht mehr", sagte er zum Moderator.

Ukraine-Krieg: Evakuierungsaktion in Mariupol wohl erneut gescheitert

An diesem Sonntag sollte es einen erneuten Versuch geben, die Menschen in Sicherheit zu bringen - doch auch dieses Vorhaben soll gescheitert sein. "Inmitten verheerender Szenen menschlichen Leids in Mariupol ist heute ein zweiter Versuch, mit der Evakuierung von rund 200.000 Menschen aus der Stadt zu beginnen, gestoppt worden", erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Sonntag. "Die gescheiterten Versuche gestern und heute" zeigten, dass es keine detaillierte und funktionierende Vereinbarung zwischen den Konfliktparteien gebe.

Bereits am Samstag war eine geplante Evakuierungsaktion in der Stadt gescheitert. Für die Aktion hatten Russland und die Ukraine eine Feuerpause vereinbart, die nach Angaben des Vize-Bürgermeisters von Mariupol, Serhij Orlow, aber nur 30 Minuten hielt.

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Russische Armee soll "Sammelstellen" für Zivilisten beschossen haben

Die russische Armee habe am Samstag mit Artillerie und Raketen unter anderem auch die "Sammelstellen" beschossen, von denen aus tausende Zivilisten hätten in Sicherheit gebracht werden sollen, sagte Orlow in den ARD-"Tagesthemen". 20 von insgesamt 50 Evakuierungsbussen seien zerstört worden. Orlow warf Russlands Armee "Kriegsverbrechen" vor.

Für den Bruch der vereinbarten Feuerpause hatte Russland zuvor die ukrainische Armee verantwortlich gemacht. Am Samstagabend erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau dann, die "Offensivaktionen" in Mariupol seien wieder aufgenommen worden.

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Ukraine: Deshalb ist Mariupol strategisch so wichtig

Mariupol liegt etwa 55 Kilometer von der russischen Grenze und 85 Kilometer von der Separatistenhochburg Donezk entfernt. 2014 hatten pro-russische Separatisten die Hafenstadt kurzzeitig besetzt, bevor diese von der ukrainischen Armee zurückerobert wurde. Sollte Mariupol nun fallen, wäre ein Zusammenschluss der russischen Truppen mit Einheiten aus der Krim und dem Separatistengebiet im Donbass möglich.

Angaben von 2018 zufolge hat die Stadt knapp 450.000 Einwohner. Damit ist sie um einiges größer als die ebenfalls strategisch wichtigen Schwarzmeerhäfen Cherson und Berdjansk, die in den vergangenen Tagen von den russischen Truppen eingenommen wurden. Wie Berdjansk ist der Hafen von Mariupol von entscheidender Bedeutung für den Export von Getreide und Stahl aus der Ostukraine. Mariupol ist zudem selbst Industriestadt. Unter anderem sind zwei große Metallunternehmen mit zehntausenden Beschäftigten dort angesiedelt.

(dpa/afp/raer)

Dieser Artikel erschien zuerst bei waz.de