Identität

Weiblich, erfolgreich, mit deutschem Pass – aber #vonhier?

Berlin  Sie lebten immer in Deutschland und werden doch gefragt, woher sie kommen. Identitätssuche – und was Dieter Bohlen damit zu tun hat.

Sawsan Chebli (SPD) ist Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales. „Deutschsein wird immer noch stark mit einem bestimmten Aussehen verbunden“, sagt sie.

Sawsan Chebli (SPD) ist Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales. „Deutschsein wird immer noch stark mit einem bestimmten Aussehen verbunden“, sagt sie.

Foto: Christoph Soeder / dpa

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Pünktlich, aufgeräumt, getrimmt auf Perfektion und Effizienz: Shabnam Fahimi (49) ist das, was die Gesellschaft wohl im Allgemeinen für typisch deutsch hält: „Ich bin total assimiliert“, sagt sie über sich. Die gebürtige Iranerin flüchtete als 14-Jährige mit ihrer Familie aus dem Iran, machte in Düsseldorf Abitur, studierte Medizin, hat einen deutschen Mann, eine HNO-Praxis und drei Kinder. Im Haushalt und bei der Kindererziehung packt der an, der gerade Zeit hat. Fahimi, geboren im muslimisch-schiitischen Iran, wo Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen, macht sich über Emanzipation keine Gedanken, sie lebt sie, hier in Deutschland, das längst ihre Heimat ist. „Ich komme aus Düsseldorf“, sagt sie. Aber ist sie: von hier?

Dieter Bohlen lässt nicht locker

Dieter Bohlen fragte neulich das kleine Mädchen Melissa – es hat mandelförmige Augen – beim Wettbewerb „Das Supertalent“: „Wo kommst du her?“ „Aus Herne“, sagte es und meinte damit: „Von hier“.

Dieter Bohlen fragte weiter, nach der Mutter, den Eltern, Oma Opa. „Sie kommen auch aus Herne“. Bohlen ließ nicht locker: Wo sie gebürtig seien? Melissa zeigte ihre Zahnlücke, sagte: „Das weiß ich nicht“. Das Publikum johlte. Beste Unterhaltung, weil ein kleines Mädchen sich ganz offenbar so sehr „von hier“ fühlt, dass es nicht versteht, was daran falsch sein könnte.

Viele geraten in die Migrations-Schublade

Schlagerproduzent und Moderator Dieter Bohlen hat mit seiner penetranten Frage an ein kleines Mädchen eine große Debatte ausgelöst: Unter #vonhier debattieren auf Twitter die User über Melissas Auftritt. Was ist falsch daran, jemanden nach seiner Herkunft zu fragen, sagen die einen. Solche Fragen separierten den Menschen, der in Deutschland aufwächst, von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, sagen die anderen.

Und viele schreiben einfach ihre Erfahrungen auf. Weil das, was Melissa mit der Zahnlücke auf der Bühne vor Dieter Bohlen erlebt, zu ihrem Alltag gehört. Viele geraten in die Migrations-Schublade So geht es auch Shabnam Fahimi. Obwohl sie aktzentfrei deutsch spricht, mit einem deutschen Mann verheiratet ist, den deutschen Pass besitzt, in Deutschland Steuern zahlt und ihre Kinder evangelisch erzogen werden, gerät sie und ihre Familie immer wieder in die Ausländer- und Migrations-Schublade – auch in ihrem Umfeld, einer gehobenen Wohngegend im Ruhrgebiet, wo Ärzte wohnen oder Anwälte, Journalisten und Lehrer – eine typische Grünen-Hochburg: weiß, gebildet, liberal, tolerant.

„Ich fühle mich manchmal fremd“, sagt Fahimi. Und sie stelle sich die Frage, wie viele Nachbarn im Ernstfall, sollte die Stimmung gegen Ausländer kippen, zu ihr halten würden.

„Wenn es nur nicht immer so plump wäre“

Es sind oft nur kleine Anmerkungen, die womöglich sogar nett gemeint sein sollen. „Wenn es nur nicht immer so plump wäre“, sagt sie, „so unüberlegt und gedankenlos“. Etwa wenn der Nachbar Frohe Ostern wünsche und gleich ergänzt: „Kann ich dir überhaupt Frohe Ostern wünschen“?

Damit habe er sie in die muslimische Schublade gepackt, dabei sei sie selbst gar nicht religiös, und der Nachbar wisse auch, dass die Kinder getauft seien. Und ihre 15-jähärige Tochter habe sich neulich anhören müssen, ihr 17-jähriger Bruder komme ja aus seiner Macho-Kultur, da sei es üblich, dass der Bruder die Schwester stark einschränke. Die Tochter habe zuvor nur – etwas belustigt – der Mutter einer Schulfreundin erzählt, dass der Bruder immer ein wenig auf sie aufpasse. Als ob der große Bruder in Pur-Deutschen Familien nicht auf die kleinere Schwester aufpasse, schimpft Fahimi. Nur: „Da heißt es ankennend, der Bruder kümmere sich so fürsorglich um die jüngere Schwester.“

Eben dies ist Ferda Ataman leid. Die Journalistin und Kolumnistin wurde in Stuttgart geboren. Doch weil ihre Eltern aus der Türkei stammen, gerät sie wie Shabnam Fahimi immer wieder in den Migranten-Dunst. Was soll man dagegen tun? Den Frageimpuls unterdrücken? Einfach so tun, als gebe es den Migrationshintergrund nicht? Ja, schreibt Ferda Ataman in ihrem Buch „Hört auf zu fragen. Ich bin von hier“. „Ich habe keine Lust, mein Leben lang zu erklären, wo meine Gene herkommen, wie ich zum türkischen Präsidenten stehe oder was ich vom Kopftuch halte“. Sie klagt, Leute wie sie würden automatisch „migrantisiert und muslimisiert“.

Die Leute fragten aus Interesse

Im Netz gibt es dafür viele Beispiele: Da wird ein türkisch-aussehender Mann beim Metzger darauf hingewiesen, die Würstchen seien nichts für ihn, da sei Schweinefleisch drin. Oder ein Arbeitssuchender berichtet, er werde beim Jobcenter danach gefragt, ob seine Großeltern in Deutschland geboren seien.

Dieses Nachbohren nervt auch die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD). „Deutschsein wird immer noch stark mit einem bestimmten Aussehen verbunden“, sagt Chebli, die als Kind palästinensischer Eltern in Berlin aufwuchs. Wer dreimal bei der Frage nach der Herkunft nachbohre, „der will mich bewusst in eine Schublade passen“.

Auf Twitter müssen Ataman und Chebli jede Menge Widerspruch hinnehmen: „Die Leute fragen aus Interesse oder um ein Gespräch anzufangen“, heißt es etwa. „Das ist bei uns was Gutes“. Ähnlich äußert sich Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer: „Eine ganze Generation von Migranten beschäftigt sich hingebungsvoll mit der eigenen Herkunftsgeschichte. Geht man darüber hinweg, gilt man als ignorant. Geht man darauf ein, setzt man sich dem Vorwurf aus, seinen Vorurteilen freien Lauf zu lassen“, twittert er.Tweet Fleischauer

Auch Shabnam Fahimi findet es nicht generell falsch, wenn Leute wissen wollen, woher sie komme. „Wenn sie ehrliches Interesse an mir haben, müssen sie doch fragen. Meine Herkunft ist ja auch ein Teil meiner Identität“, sagt sie. Ferda Ataman ergänzt, nur weil ein Gesprächspartner türkisch aussehe, müsse man nicht den allgemeinen Konsens über Small-Talk-Themen verlassen (etwa Wetter oder Urlaub) und plötzlich nach der Haltung zu Erdogan fragen. „Wer einwandfrei deutsch sprechende Leute nur wegen ihres Namens oder ihres Aussehens woanders verortet, hat ein herkunftsdefiniertes Bild vom Deutschsein“, schreibt sie. Deutsch sei für viele eben nur, wer auch von Deutschen abstamme.

Der Moderator hat nichts gemerkt

Es ist wohl dieses herkunftsdefinierte Bild, durch das Shabnam Fahimi sich oft – ganz subtil – ausgrenzt fühlt. Und zwar auch von Menschen, die alles andere als rassistisch oder nationalistisch sein wollen. Dabei ist ihre Heimat ganz klar Düsseldorf. Dort hat sie viele Freunde, ebenso im Ruhrgebiet – und die hat sie gerne um sich. „Doch ich fühle mich wohler, wenn auch andere Leute bei Partys sind, die nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehören“. Sie selbst falle dann nicht mehr so auf, „und das gibt mir das gute Gefühl, in einer bunten Gesellschaft zu sein“.

So plump die Fragenden oft sind, so sensibel und auf der Hut sind auch die Gefragten: Für den Soziologen Armin Nassehi ist das ein gutes Zeichen. Vor einigen Jahrzehnten hätten Migranten das Problem nicht aufgeworfen – wohl auch, weil „ihnen bei solchen Fragen niemand zugehört hätte“. So hat auch Shabnam Fahimi ihre Antworten parat, wenn sie Fremden die Spannungen zwischen den USA und dem Iran erklären soll. Die kleine Melissa war allerdings der Penetranz von Dieter Bohlen schutzlos ausgeliefert. Der Moderator selbst hat das nicht wahrgenommen. Auch das ist eine Erfahrung, die Menschen mit Migrationshintergrund hierzulande machen – selbst wenn sie in der dritten Generation hier leben.

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