Ukraine-Krieg

Lawrow warnt vor Weltkrieg: Wird die Gefahr größer?

Miguel Sanches
| Lesedauer: 8 Minuten
Russland weist deutsche Diplomaten aus

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Russland hat den deutschen Botschafter in Moskau einbestellt und ihn darüber informiert, dass 40 Mitarbeiter der diplomatischen Vertretungen Deutschlands in Russland zu unerwünschten Personen erklärt worden seien.

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Berlin   Russlands Außenminister Lawrow warnt vor einem Weltkrieg. Ist das Angstmache wie die Drohungen mit Atomwaffen oder steigt die Gefahr?

Russlands Außenminister Sergei Lawrow hält die Gefahr eines Weltkriegs für "ernst". Es ist nicht die erste Warnung dieser Art. Tatsächlich ist die Gefahr einer Zuspitzung nicht kleiner geworden. Im Gegenteil. So mahnte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Gespräch mit dieser Redaktion, "Russland hat einen Willen zur Eskalation."

Nach über zwei Monaten Ukraine-Krieg brauchen die Russen eine hohe Frustrationstoleranz. Ihre Offensive geriet ins Stocken; die militärische Fehlerquote ist hoch. Politisch und ökonomisch – aufgrund der Sanktionen – führte die Invasion zum Totalschaden.

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Als sich zuletzt ein russischer General über die Kriegspläne ausließ, wurde weltweit über die nächsten Ziele diskutiert – Odessa? –, aufschlussreicher war der Blick in die Seelenlage. Russland kämpfe wie im Zweiten Weltkrieg "gegen die ganze Welt", zitierten Agenturen General Rustam Minnekajew. "Damals war ganz Europa, der ganze Planet gegen uns. Jetzt ist es das Gleiche, sie haben Russland nie gemocht." Daran knüpft Lawrow an. Er hat drei Argumente:

  • Erstens, der Westen rüstet die Ukraine zunehmend mit mehr, moderneren und schwereren Waffen aus, wie sich am Dienstag auf einer Konferenz in Ramstein gezeigt hat. Die USA wollen sogar Kamikaze-Drohnen liefern, deren Entwicklung sie lange Zeit geheim gehalten hatten.
  • Zweitens, die USA trauen der Ukraine längst einen Sieg zu. "Sie können gewinnen, wenn sie die richtige Ausrüstung und die richtige Unterstützung haben", sagte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin. Aus russischer Sicht tritt die Nato "über einen Stellvertreter de facto in einen Krieg mit Russland". So drückt es Lawrow aus, so dürfte es auch Kreml-Chef Wladimir Putin empfinden.
  • Drittens, Russland stellt den unbedingten Willen der Ukraine in Zweifel, zu einer Verhandlungslösung zu kommen. "Der gute Wille hat seine Grenzen." Wenn er nicht auf "Gegenseitigkeit" beruhe, "hilft dies dem Verhandlungsprozess nicht", so Lawrow. Richtig daran ist erst mal, dass das Selbstbewusstsein der Kiewer Regierung um Präsident Wolodymy Selenskyj mit jeder Waffenlieferung, mit jedem militärischen Erfolg steigt. Auch bei dieser Klage ist das politisch Timing relevant: Am Tag des Besuches von UN-Generalsekretär Antonio Guterres.

Russland betrachtet Waffenlieferungen an die Ukraine als berechtigte Angriffsziele. "Wie könnte es anders sein", sagte Lawrow. Man tue im Krieg, "was man im Krieg tun muss.“ Der erste Ansatz dazu waren Raketenangriffe auf strategische Ziele in der Westukraine. Eine neue Dimension waren die Angriffe auf Bahnanlagen im Zentrum des Landes. Der Zweck ist offensichtlich: Den Transport von westlichen Waffen zu unterbinden.

Die nächste Eskalationsstufe waren gezielte Angriffe auf Waffendepots in Nachbarländern, die zunehmend dazu übergehen, die Ukraine mit schweren Waffen zu unterstützen: alte Kampfpanzer aus Tschechien, aus Slowenien oder der Slowakei, Flugzeuge aus Polen. Davor haben die Amerikaner zu Beginn des Kriegs noch zurückscheut. Aber auch dieses Tabu ist zuletzt gefallen.

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"Natürlich werden diese Waffen ein legitimes Ziel für die russischen Streitkräfte sein", sagte der Lawrow. Im Klartext: Sie sind es nicht, aber sie könnten es werden. Die Russen spielen mit dem Gedanken. Das allein ist schon eine Warnung.

Im Westen wird das oft mit dem Einsatz von Atomwaffen gleichgesetzt. Aber darum geht es gar nicht, jedenfalls noch nicht. Auch bei einem konventionellen Raketenangriff auf Panzerbestände in Tschechien, die für die Ukraine bestimmt sind, würde sich für den Westen die Frage stellen, wie er reagiert; wie die Nato mit der Führungsmacht USA ihren vielfach beschworenen Beistandsverpflichtungen gerecht wird.

Lawrows Warnung: Auch US-Präsident alarmiert

Diese Gefahr hat US-Präsident Joe Biden früh erkannt. Schon vor Kriegsausbruch mahnte er, "wenn Amerikaner und Russen anfangen, aufeinander zu schießen, ist es ein Weltkrieg". Über zwei Monate später verstärkt Lawrow die Warnung. dass die Spannungen mit dem Westen in einen dritten Weltkrieg münden könnten. "Die Gefahr ist ernst, sie ist real, sie ist nicht zu unterschätzen", sagte er.

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In kaum einen anderem Land wird sie so sensibel, so verängstigt wahrgenommen wie in Deutschland, genauer gesagt: In der Regierungskoalition. Das Risiko wird von beiden Seiten ins Feld geführt, von den Befürwortern von Waffenlieferungen, beispielsweise der FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder der Grünen-Abgeordnete Toni Hofreiter, aber auch von Bedenkenträgern. Angefangen mit Kanzler Olaf Scholz (SPD).

Sie kommen mit unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Argumentationen zum selben Ergebnis. Für Hofreiter ist das Problem, "dass wir bei den Sanktionen bremsen, bei den Waffenlieferungen bremsen, und damit die Gefahr droht, dass der Krieg sich immer länger hinzieht". Je länger er sich hinziehe, desto größer werde die Gefahr, "dass weitere Länder überfallen werden und wir dann am Ende in einen erweiterten de facto dritten Weltkrieg rutschen", sagte er im ZDF.

Lawrow bestätigt Scholz in seiner Hauptsorge

Im Gegenschnitt dazu: Scholz. "Ich habe sehr früh gesagt, dass wir alles tun müssen, um eine direkte militärische Konfrontation zwischen der Nato und einer hochgerüsteten Supermacht wie Russland, einer Nuklearmacht, zu vermeiden", erklärte er dem "Spiegel". Er tue alles, um eine Eskalation zu verhindern, "die zu einem dritten Weltkrieg führt. Es darf keinen Atomkrieg geben."

Seit Langem spekulieren Militärbeobachter über den Einsatz von taktischen Atomwaffen. Zur russischen Militärdoktrin gehört das Prinzip "Eskalieren, um zu deeskalieren". Gemeint ist der Erstschlag mit einer Atomwaffe, wenn Russland in einem Konflikt mit dem Westen ins Hintertreffen gerät.

Atomwaffen: CIA nimmt Warnungen ernst

Exakt darauf hat der US-Geheimdienst CIA erst Mitte April aufmerksam gemacht. Angesichts einer "möglichen Verzweiflung" über militärische Rückschläge könnte Putin den Einsatz "taktischer Atomwaffen oder Atomwaffen mit geringer Reichweite" anordnen.

Und so haben im Grunde sowohl Hofreiter als auch Scholz recht. Je länger der Krieg anhält, je erfolgreicher die ukrainischen Truppen um Oberbefehlshaber Waleri Saluschnyj vorgehen, desto größer ist das Risiko, dass die Russen das Schlachtfeld ausweiten und die ganze Nato involviert wird. Wenn das gesamte westliche Militärbündnis gegen Russland vorgeht, bliebe der Einsatz von Atomwaffen für Russland ein Ausweg, aus Putins Sicht: Ultima Ratio. Nicht zufällig hat er kurz vor Kriegsbegriff seine taktischen Verbände in Alarmbereitschaft versetzt,

Zwei Mal schon war die Sorge vor einem Atomkrieg real, erstmals bei der Kuba-Krise 1962. Damals sahen die Sowjets von der Stationierung von Raketen im Hinterhof der USA ab und entschärften die Situation. Die zweite brenzlige Situation entstand während des Jom-Kippur-Kriegs im Herbst 1973, als Israel am Rand des Untergangs schien.

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Risiko Weltkrieg: Nicht zum ersten Mal real

Damals machte die USA klar, dass sie das nicht tolerieren würden. Sie riefen für ihre Truppen weltweit die Alarmstufe Defcon 3 aus (erhöhte Alarmbereitschaft), auf der Pazifikinsel Guam stationierten B-52 wurden in die Heimat beordert, die 82. Luftlandedivision alarmiert; Flugzeugträger nehmen Kurs aufs östliche Mittelmeer. Ergebnis: Sowjetunion und die USA vereinbarten eine multilaterale Friedenstruppe, die einen Waffenstillstand überwachen solle.

Im Unterschied zu damals sind heute kaum Friedensbemühungen sichtbar. Und die Gerüchte über den Gesundheitszustand von Putin lassen eher Zweifel an der Rationalität seines Handels hochkommen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de.