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Gegenwind beim DFB: Für Oliver Bierhoff wird es nun eng

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WM Inside - Der Expertentalk: Analyse mit Harald Stenger

WM Inside - Der Expertentalk: Analyse mit Harald Stenger

In der sechsten Folge unseres Expertentalks "WM Inside" sprechen wir mit Harald Stenger, ehemaliger DFB-Pressesprecher, über das Aus der DFB-Elf bei der WM 2022.

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Doha.  DFB-Direktor Oliver Bierhoff steht nach dem WM-K.o. schwer in der Kritik. Vor dem Treffen mit der Spitze gibt es Rücktrittsforderungen.

Oliver Bierhoff weiß, dass das Fußballgeschäft brutal sein kann. Wenn der DFB-Direktor mal wieder in der Kritik steht, erzählt er gerne aus seinen Jahren als Spieler. Zum Beispiel aus seiner Zeit bei Ascoli Calcio. Serie B, zweite italienische Liga. In einem wichtigen Spiel verschoss der damals 27-Jährige einen Strafstoß, das Spiel endete 1:1. Am Tag danach verfolgten „Fans“ den damaligen Stürmer nach dem Training mit zwei Autos. An einer Ampel fingen sie ihn ab, schlugen ihn, traten seine Wagentür ein. „Das war heftig“, sagte Bierhoff in dem Podcast „Phrasenmäher“.

Oliver Bierhoff: "Ich mag Widerstände"

Wer so etwas erlebt hat, der lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn der Gegenwind rauer wird. „Ich bin es gewohnt, mit Kritik umzugehen“, hat Bierhoff gesagt. „Ich mag Widerstände.“

Nun, Widerstände gibt es seit dem vergangenen Donnerstag, als die deutsche Nationalmannschaft trotz eines am Ende unbedeutenden 4:2-Sieges gegen Costa Rica in der WM-Vorrunde ausgeschieden ist, mehr als genug – genauso wie Kritik. Die „Bild“-Zeitung titelte bereits „Bierhoff muss gehen!“, für die „Süddeutsche Zeitung“ ist seine Ablösung als DFB-Manager „überfällig“, und 90 Prozent der befragten „Kicker“-Leser gaben bei einer Umfrage an, dass Bierhoffs Zeit abgelaufen sei. Fußball kann brutal sein. Und Bierhoff? Schließt einen Rücktritt aus.

WM-Debakel soll beim DFB aufgearbeitet werden

Bierhoff wuchs in Essen auf, bezeichnet sich selbst als „Kind des Ruhrgebiets“: „Wo ich herkomme, da ist man geradeaus“, sagt er. Ehrlichkeit ist für ihn ein hohes Gut, auch wenn diese mal wehtut.

In dieser Woche will man ehrlich miteinander beim DFB in Frankfurt am Main sein. Das Katar-Aus aufarbeiten und eine Perspektive für die Heim-EM in anderthalb Jahren entwickeln. Man will geradeaus sein. Ziemlich geradeaus war DFB-Präsident Bernd Neuendorf aber bereits vor dem Rückflug nach Deutschland, als er von der sportlichen Leitung, also auch von Bierhoff, Erklärungen einforderte. Dabei ist der DFB für Bierhoff so etwas wie seine zweite Heimat. Seit mehr als 18 Jahren ist er in verantwortlicher Position für die Nationalmannschaft zuständig. Er war es auch, der die DFB-Akademie bauen ließ, er ist dort Chef von 180 Mitarbeitern. Bei sechs Großturnieren in Folge schaffte das Nationalteam unter Bierhoff mindestens den Einzug ins Halbfinale. 2014 gelang der ganz große Wurf: Weltmeister in Brasilien. Deutschlands Fußball war ganz oben angekommen – und mit ihm auch Bierhoff.

Doch genauso wie der DFB-Manager für diese herausragende Zeit mitverantwortlich war, ist er das auch für die Zeit zwischen 2016 und 2022, in der es steil bergab ging. WM-Vorrunden-Aus 2018, EM-Achtelfinal-Aus 2021 und erneutes WM-Vorrunden-Aus 2022. Dazu eine Entfremdung der Fans von der Nationalmannschaft. Besonders Bierhoffs Marketing-Spielereinen, das DFB-Team nur noch als „die Mannschaft“ zu bezeichnen, die Slogans „#ZSMMN“ (etwa: zusammen) und mit Ex-Sponsor Mercedes „#BestNeverRest“ (übersetzt: Die Besten lassen nie nach) sowie der Nationalmannschafts-Fanclub „powered by Coca Cola“ stießen übel auf. Der Fan wurde zum Kunden.

Bierhoff gab später mal zu, es möglicherweise in Sachen Marketing ein wenig übertrieben zu haben, verteidigte die Maßnahmen aber auch. So habe eine Marktforschung herausgefunden, dass die jungen Fans einen Großteil der Kampagnen gut fanden. Und: „Für mich ist es wichtiger, einen Zehnjährigen zu erreichen, als einen 60-Jährigen“, sagte er.

Hans-Joachim Watzke gilt als Bierhoff-Kritiker

Die Zehnjährigen sind allerdings nicht diejenigen, die Karten für die Länderspiele kaufen – und auch die anderen Altersgruppen machten das in den vergangenen Jahren immer weniger. Auch zur WM fuhren wohl so wenige Deutschland-Fans wie noch nie. Das lag an Katar, aber auch an der „Mannschaft“, die offiziell wieder „die deutsche Nationalmannschaft“ heißt.

Mitverantwortlich hierfür ist Hans-Joachim Watzke. Ein Sauerländer, der sich aber auch bestens mit Bierhoffs geliebtem Ruhrgebiet auskennt. Seit mehr als 20 Jahren ist der 63-Jährige in verantwortlicher Position bei Borussia Dortmund und weiß, dass die Fans zwar etwas mit „Echter Liebe“, aber nichts mit „#ZSMMN“ anfangen können. Schon lange gilt der BVB-Geschäftsführer als Kritiker Bierhoffs, jetzt soll er als DFB-Vize mit über dessen Analysen und Pläne entscheiden. An diesem Montag will sich Watzke mit Präsident Neuendorf zu einer ersten Vorsondierung treffen. Am Mittwoch soll dann der Gipfel mit Bierhoff und Flick folgen.

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Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es eng werden wird für Bierhoff. Auch das Gedankenspiel, dass Bierhoff Chef der Akademie bleibt, aber die Verantwortung für die Nationalmannschaft an einen neuen Sportdirektor abgibt, gilt als nicht sicher. Doch Bierhoff ist keiner, der einfach aufgibt. Nicht als DFB-Manager heute – und auch nicht als Spieler damals. Ein Jahr nach dem Vorfall in Ascoli wurde Deutschland durch Bierhoffs Tor Europameister, zwei Jahre nach Ascoli wurde er mit AC Mailand Torschützenkönig der Serie A.

Zwei Jahre läuft übrigens auch noch Bierhoffs Vertrag beim DFB.