WM 2022

Nächstes WM-Debakel perfekt: Deutschland ist ausgeschieden

Sebastian Weßling
| Lesedauer: 5 Minuten
Große Enttäuschung: Niclas Füllkrug (r.) ist mit Deutschland bei der WM ausgeschieden.

Große Enttäuschung: Niclas Füllkrug (r.) ist mit Deutschland bei der WM ausgeschieden.

Foto: AFP

Doha.  Deutschland fährt wieder nach der Vorrunde einer WM nach Hause. Das 4:2 gegen Costa Rica reicht nicht, weil Japan Spanien schlägt.

Rund 3350 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Al-Chaur in Katar und Kasan in Russland, aber am Donnerstagabend waren sich beide Orte ganz nah: Beide stehen nun in den Annalen des deutschen Fußballs als Stätte größter Enttäuschung – denn trotz eines 4:2 (1:0)-Siegs gegen den Fußballzwerg Costa Rica in vor 67.054 Zuschauern im Al-Bayt-Stadion muss die deutsche Nationalmannschaft wie schon 2018 in Russland nach der Vorrunde abreisen, weil sie ihre Hausaufgaben zwar teilweise machte, Spanien aber im Parallelspiel gegen Japan verlor. Wegen der erheblich schlechteren Tordifferenz reichte es nur zu Platz drei hinter den Iberern. Das ausgerufene Projekt „Zurück in die Weltspitze“ hat damit nicht bloß einen erheblichen Dämpfer erlitten, es ist mit Vollgas vor die Wand gefahren.

Hansi Flick setzt gegen Costa Rica wieder auf Thomas Müller

Es war in vielerlei Hinsicht ein geschichtsträchtiges Spiel: Schiedsrichterin Stephanie Frappart aus Frankreich war als Schiedsrichterin aufgeboten, und damit leitete erstmals eine Frau bei den Männern ein WM-Spiel. Und dann machte Manuel Neuer sein 19. WM-Spiel und hat nun mehr als jeder andere Torhüter. Doch es sollte kein guter Abend für ihn werden.

Bundestrainer Hansi Flick hatte den Erwartungen des Fußballvolks getrotzt und Niclas Füllkrug, den umjubelten Joker beim 1:1 gegen Spanien, wieder auf die Bank gesetzt. Dafür stürmte erneut Thomas Müller, der in zwei WM-Spielen noch keinen Torschuss abgegeben hatte. Eine bedeutende Änderung: Joshua Kimmich wurde aus der Mittelfeldzentrale auf die Rechtsverteidigerpositionen verschoben, wodurch vorne ein Platz frei wurde – den Leroy Sané einnahm. Der Bundestrainer setzte also auf Offensive, auf viel Tempo auf den Flügeln und auf Kimmichs Spielstärke über rechts.

Der Plan griff zunächst, von Beginn an spielte die deutsche Mannschaft schwungvoll in Richtung Tor. Costa Rica hatte dort einen dichten Abwehrblock aufgebaut, eine Fünferkette hinter einer Viererkette. Aber wenn die DFB-Auswahl das Tempo anzog, zeigte dieser Block schnell Risse und Jamal Musiala (2.) sowie Müller (9.) hatten gute Gelegenheiten. Und wenig später war der Block aufgehebelt: Nach Ballgewinn schaltete die deutsche Mannschaft schnell um, Musiala marschierte durchs Mittelfeld, gab nach außen, David Raum flankte und Serge Gnabry köpfte ein (10.). Und der Angreifer lief gleich durch, holte den Ball aus dem Netz. Weiter, immer weiter, ein hoher Sieg war schließlich das Ziel.

Und bis dahin sah auch alles richtig gut aus. Der Favorit spielte schnell, präzise und eroberte die Bälle schnell zurück, wenn sie doch einmal verloren gingen. Danach jedoch erlahmte der deutsche Angriffsschwung erheblich. Die Mannschaft kontrollierte zwar nach wie vor das Spiel, aber sie kam kaum noch in den Strafraum, wurde unpräziser, langsamer, fahriger. Der Zwischenstand reichte zwar, Spanien führte gegen Japan – doch ein Gegentor konnte alles ändern, weil Musiala (36.) und Gnabry (39.) gute Gelegenheiten ausließen. Und plötzlich war da der Moment, auf den Costa Rica gelauert hatte, doch Neuer wischte Keylor Fullers Gewaltschuss mit Blitzreflex über die Latte (43.).

Dann war Pause. Und Flick baute wieder um, versetzte Kimmich zurück ins Zentrum, nahm Goretzka raus und brachte Lukas Klostermann für die rechte Seite. Mehr Kontrolle im Zentrum war nun die Devise. Zunächst aber kam die Kunde von Japans Doppelschlag, nun brauchte die deutsche Mannschaft sieben weitere Tore. Und prompt kam der Mittelstürmer Füllkrug für den Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan. Doch das deutsche Spiel wurde noch fahriger, noch unruhiger, noch unpräziser. Und so kam es, wie es kommen musste: Bei einem Konter ließ Kimmich seinen Gegenspieler Kendall Waston laufen, Neuer konnte nur nach vorne prallen lassen und Yeltsin Tejeda schoss ein (58.).

Deutschland dreht in der Schlussphase auf

Jetzt endlich wieder deutsche Offensivaktionen. Musiala traf den Pfosten (60.), Müllers Schuss wurde zur Ecke geblockt (61.), Rüdiger verzog knapp (62.). Flick wechselte weiter, brachte Kai Havertz und Mario Götze für Müller und Raum. Volle Offensive war das Motto, doch alles kam anders: Im Getümmel nach einem Freistoß bugsierte Neuer die Kugel irgendwie ins eigene Netz (70.). 1:2, nun waren Deutschland UND Spanien draußen. Diesmal aber gelang die schnelle Reaktion: Füllkrug legte quer auf Havertz, der überlupfe Torhüter Keylor Navas und es stand 2:2 (73.). Weiter Schlag auf Schlag, Gnabry flankte, Havertz vollstreckte am langen Pfosten (85). Sané legte mit der Brust quer, Füllkrug vollstreckte (89.). Die ersehnte Zwei-Tore-Führung, nun fehlte nur noch ein Tor für Spanien. Doch das kam nicht, dafür Frapparts Schlusspfiff. Die Spieler in Weiß sanken zu Boden. Dorthin, wo der deutsche Fußball nach diesem Turnier erst einmal angekommen ist.

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