Interview

Deutschlandticket: Werden die Züge ab April noch voller?

Wolfgang Mulke
| Lesedauer: 8 Minuten
Bund und Länder einigen sich auf Finanzierung von Deutschlandticket

Bund und Länder einigen sich auf Finanzierung von Deutschlandticket

Bund und Länder haben die letzten Hürden für die Einführung eines bundesweit gültigen Nahverkehrstickets im kommenden Jahr beiseite geräumt und sich auf eine gemeinsame Finanzierung geeinigt. Demnach werden die Kosten zwischen Bund und Länder hälftig aufgeteilt.

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Berlin.  Im April soll das Deutschlandticket starten. Was auf Bahnfahrer zukommt, erklärt Evelyn Palla, Bahn-Chefin für den Regionalverkehr.

Im Frühjahr kommt das Deutschlandticket im Nahverkehr. Doch das Angebot an Bussen und Bahnen reicht für eine größere Verkehrsverlagerung nicht aus. Das will die Bahntochter DB Regio mit neuen Angeboten ändern. Welche Pläne dahinter stehen, erläutert Evelyn Palla, Vorständin der DB Regio. Die Südtirolerin ist seit 2019 bei der Bahn. Seit Juli 2022 ist sie Vorstandsvorsitzende des Regionalverkehrs.

Wie laufen die Vorbereitungen für das Deutschlandticket? Kann es im April an den Start gehen?

Evelyn Palla: Wir sind startklar. Die Deutsche Bahn und alle Player der Branche wollen das Ticket. Es ist großartig, dass wir nun nachhaltig eine bundesweite Flatrate für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland bekommen. Das ist ein großer und wichtiger Schritt in Richtung Mobilitätswende. Mit dem Deutschlandticket entfällt eine große Hürde für unsere Kunden: Der ÖPNV wird noch einfacher. Niemand muss sich mehr Gedanken über Tickets und Tarifzonen machen. Künftig steige ich einfach in den nächsten Zug oder Bus und fahre los. Damit beseitigen wir einen Wettbewerbsvorteil des Autos. Natürlich müssen zuerst alle finanziellen, tariflichen und rechtlichen Fragen, auch mit der EU, geklärt sein. Ich sehe hier aber keine Stolpersteine mehr.

Werden die Züge dann noch voller, weil sie kein zusätzliches Angebot auf die Schiene bringen können?

Palla: Mit dem Deutschlandticket werden wir weiter Verkehr auf den klimafreundlichen ÖPNV verlagern. Das Ticket wird ein großer Erfolg, auch wenn aufgrund des höheren Preises die Nachfrage nicht ganz so hoch sein wird wie beim 9-Euro-Ticket im letzten Sommer. Ausreichende Kapazitäten haben wir. Das Deutschlandticket wird vor allem in den Metropolregionen nachgefragt werden, das haben wir ja auch beim 9-Euro-Ticket erlebt. Dort haben wir das größte Angebot und können die Zahl der Sitzplätze auch weiter erhöhen. Zudem investieren wir in unsere Zugflotte: Allein in den vergangenen zwei Jahren haben wir 800 Züge erneuert oder modernisiert.

Sie können ja nur Züge auf das Gleis setzen, die von den Aufgabenträgern auch bestellt werden. Wird mehr Verkehr bestellt?

Palla: Die einzelnen Aufgabenträger bestellen tatsächlich mehr. Das haben wir in 2022 erlebt. Da hilft natürlich, dass der Bund die Regionalisierungsmittel noch einmal aufgestockt hat. Wir bekommen also laufend etwas mehr Angebot in den Markt.

Die Verkehrsunternehmen haben noch im Herbst vor einer Ausdünnung des Angebots gewarnt, weil ihre Kosten so enorm gestiegen sind. Ist diese Gefahr nun gebannt?

Palla: Ich gehe nicht davon aus, dass es kurzfristig zu Ausdünnungen im SPNV kommt. Zum letzten Fahrplanwechsel im Dezember gab es keine. Abbestellungen müssen mit einem zeitlichen Vorlauf angekündigt werden. Mir sind dazu keine Gespräche bekannt. Auch in 2023 rechne ich daher nicht mit Ausdünnungen.

Bis zum Ende des Jahrzehnts soll sich die Verkehrsleistung im Nahverkehr verdoppeln. Was muss noch verbessert werden, um dieses Ziel zu erreichen?

Palla: Der große Hebel für weitere Verkehrsverlagerung ist der ländliche Raum. 55 Millionen Menschen wohnen dort. Vor allem für sie müssen wir Alternativen zum Auto schaffen. Wir können nicht überall eine Schiene hin bauen und auch das Buslinienkonzept kommt zunehmend an seine Grenzen. Wenn wir die Mobilitätswende wollen, müssen wir in neuen Konzepten denken. Es ist wichtig, dass wir die Menschen vor der Haustür abholen und eine echte Alternative zum privaten Auto schaffen. Deshalb wollen wir ganz gezielt mit kleinen, flexibel einsetzbaren Fahrzeugen ohne feste Routen und Haltestellen arbeiten, die die Menschen jederzeit bei Bedarf vor der Haustür abholen und zum nächsten Bahnhof bringen. Wir werden nur Erfolg haben, wenn wir Mobilität viel stärker integriert angehen und Bahn, Bus und flexible Bedarfsverkehre - so genannte On-Demand-Verkehre - eng miteinander verknüpfen. Darin liegt die große Chance für den ÖPNV in den kommenden Jahren.

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Was tut die Bahn konkret für ein besseres Angebot auf dem Land?

Palla: Wir ergänzen unseren bestehenden Buslinienverkehr. Das Ziel ist ein gut verknüpftes Angebot zwischen Bahn-, Buslinen- und On-Demand-Verkehr, das in die Tarife der Verkehrsverbünde integriert ist und das mit dem privaten Auto mithalten kann. Alles, was dafür nötig ist, können wir: Die Deutsche Bahn betreibt Bahn- und Buslinien, wir haben mit Clever Shuttle Erfahrung mit On-Demand-Verkehren und wir haben mit ioki die passenden Software-Lösungen. Das alles bündeln wir jetzt gezielt. In Meinerzhagen im Sauerland setzen wir dieses integrierte Konzept nun zum ersten Mal um. Gemeinsam bringen DB Regio Bus, ioki und CleverShuttle dort ab März ein integriertes Mobilitätsangebot auf die Straße. Auch in Hamburg sind wir in Stadtteilen, die von der S-Bahn entfernt liegen, mit einem integrierten Konzept erfolgreich. Bundesweit gibt es schon viele Beispiele, wo wir Angebote für die letzten Kilometer vor und nach dem Bahnhof machen. Das möchte ich jetzt kräftig ausbauen.

Wie weit sind Sie beim autonomen Fahren, das On-Demand-Dienste erst wirtschaftlich machen wird?

Palla: Autonomes Fahren ist eine Schlüsseltechnologie für uns. Autonome Shuttles – also Sammeltaxis ohne Fahrer – können vor allem in ländlichen Regionen eine noch flexiblere Verbindung zur klimafreundlichen Schiene sein. Bei diesem Thema sind wir sehr weit: Mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund starten wir noch dieses Jahr in Darmstadt und im Kreis Offenbach mit einem Test der weltweit ersten autonomen On-Demand-Flotte im Nahverkehr. Sie wird vollständig in das bestehende ÖPNV-Angebot integriert. Die Sammeltaxis sollen unabhängig von Routen oder Fahrplänen unterwegs sein, und das mit regulärer Geschwindigkeit im normalen Straßenverkehr.

Gibt es weitere Neuerungen im Nahverkehr?

Palla: Innovationen sind für mich der Schlüssel für die Mobilitätswende. In Bayern starten wir im März einen Pendlerzug, in dem die Kunden ihre Zeit besser nutzen können: Es gibt z.B. Zonen zum Arbeiten, für Familien oder auch Gruppen, die zusammensitzen möchten. Gleichzeitig entwickeln wir Züge für Metropolregionen, in denen wir in den Stoßzeiten per Knopfdruck die Passagierkapazität erhöhen können, indem wir Sitzbänke wegklappen. Außerdem führen wir auf ersten Strecken im Regionalverkehr Echtzeit-Auslastungsanzeigen ein. Unsere Fahrgäste können dann schon am Bahnhof sehen, wo sie einen freien Sitzplatz finden.

Ist eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen angesichts der geringen Netzkapazitäten überhaupt erreichbar?

Palla: Die Infrastruktur kann mit dem rasanten Verkehrswachstum derzeit nicht mithalten. Wir haben deshalb einen radikalen Kurswechsel bei der Sanierung der Infrastruktur auf den Weg gebracht und starten eine Generalsanierung ganzer Korridore. Auf dem künftigen Hochleistungsnetz gibt es ausreichend Platz für mehr Züge und zusätzliche Fahrgäste.

Momentan fallen Züge aus, weil Personal fehlt oder der Krankenstand hoch ist? Wann wird es besser?

Palla: Das ist ein Problem aller Unternehmen in Deutschland. Wir sind gut aufgestellt und können bis zu einem gewissen Grad Krankenstände ausgleichen. Aber wenn zu viele Mitarbeitende an einem Ort krank werden, fallen punktuell Züge aus. Darum stellen wir gerade so viele Leute ein wie nie zuvor. Allein im vergangenen Jahr haben wir rund 28.000 neue Mitarbeitende eingestellt. Und das wollen wir in 2023 fortführen. Wir sind also auf dem besten Weg, weiter stabil zu fahren.