Wirtschaft

Ökonom: „Makroökonomischer Schock" droht in Deutschland

Beate Kranz
| Lesedauer: 5 Minuten
Scholz kündigt Entlastungen im Volumen von 65 Milliarden Euro an

Scholz kündigt Entlastungen im Volumen von 65 Milliarden Euro an

Strompreisbremse, Steuerentlastungen, Bürgergeld, höheres Kindergeld: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat in Berlin das dritte Entlastungspaket des Bundesregierung vorgestellt.

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Berlin.  Hohe Inflation: Der Ökonom Sebastian Dullien warnt vor einer hoher Arbeitslosigkeit. Warum Deutschland am Rande der Rezession steht.

  • Die hohe Inflation sorgt für große Probleme bei vielen Menschen in Deutschland
  • Professor Sebastian Dullien ist Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der arbeitnehmernahen Hans-Böckler-Stiftung
  • Dullien trifft eine drastische Prognose für Deutschland

Hohe Energie- und Lebensmittelkosten verteuern nicht nur den Alltag, sondern werden zunehmend zur Gefahr für den Wohlstand in Deutschland. Die Deutsche Bundesbank prognostiziert bereits Inflationsraten von 10 Prozent noch in diesem Jahr. Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der arbeitnehmernahen Hans-Böckler-Stiftung warnt vor einem „makroökonomischen Schock“, der das Leben der Deutschen erheblich verschlechtert, die Kaufkraft reduzieren und die Arbeitslosigkeit vergrößern könnte. Was drohen könnte, darüber sprach unsere Redaktion mit Sebastian Dullien.

Inwieweit wird die hohe Inflation unseren Lebensstandard verändern?

Sebastian Dullien: Die gestiegenen Preise bei Energie und Lebensmitteln werden dazu führen, dass die breite Masse der Haushalte in Deutschland im kommenden Jahr spürbar weniger Kaufkraft zur Verfügung hat, weil die Löhne nicht mit der Inflation mithalten werden. Bis weit in die Mittelschicht hinein werden sich die Menschen einschränken müssen und werden etwa weniger ins Restaurant gehen können, sich vielleicht den Urlaub nicht mehr leisten können und auf Neuanschaffungen verzichten müssen. Insbesondere in den unteren Einkommensschichten werden sich viele Menschen auch bei wichtigen Dingen des täglichen Bedarfs einschränken müssen, also zum Teil auch weniger oder deutlich schlechtere Lebensmittel kaufen. Die Hoffnung ist allerdings, dass dieser Schock vorübergehend bleibt: Die Energiepreise werden zwar vielleicht zwei oder drei Jahre hoch bleiben, dann aber wieder fallen. Auch wäre zu hoffen, dass Lohnerhöhungen den Kaufkraftverlust zumindest zum Teil ausgleichen.

Sie prognostizieren, dass Deutschland ein „gigantischer makroökonomischer Schock“ droht. Was bedeutet dies konkret?

Der absehbare Schock hat zwei Dimensionen: Zum einen wird die Kaufkraft der privaten Haushalte getroffen, die Menschen können sich einfach weniger kaufen. Selbst Menschen mit mittleren Einkommen und Gasheizung etwa werden leicht ein Nettomonatsgehalt im Jahr mehr für Heizung und Warmwasser ausgeben müssen. Bei Menschen mit geringeren Einkommen oder in schlecht gedämmten Wohnungen kann das im Verhältnis noch einmal deutlich mehr werden.

Welche Auswirkungen hat dies für die Konjunktur? Schlittern wir in eine Rezession?

Derzeit zeichnet sich ab, dass die Gas- und Strompreise in den kommenden Monaten weiter steigen und die Menschen ihre Ausgaben auch für andere Dinge zurückfahren. Deutschland steht damit am Rande einer Rezession, angestoßen durch einen Rückgang des privaten Konsums. Wie tief die Rezession wird, hängt dann davon ab, ob es einerseits die Politik schafft, etwa mit Ausgleichszahlungen oder Eingriffen am Gas- und Strommarkt den Absturz abzufedern, andererseits, ob auch Unternehmen Werke schließen und Investitionen absagen. Im schlimmsten Fall droht tatsächlich eine tiefe Krise.

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Erwarten Sie eine steigende Arbeitslosigkeit?

Wenn sich die Lage nicht schnell entspannt und es tatsächlich zu einer Rezession kommt, wird auch die Arbeitslosigkeit steigen. Wenn es der Politik nicht gelingt, die Wirtschaft in diesem Energiepreisschock zu stabilisieren, droht der Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen. Das wiederum würde weitere Einkommensverluste und Existenzängste für die Betroffenen bedeuten.

Wie stark wird die Inflation noch steigen?

Die Inflation könnte über den Winter in die Nähe von 10 Prozent steigen, dürfte sich aber im Laufe des kommenden Jahres wieder abschwächen. Vom Zielwert der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent wird die Inflationsrate aber auch 2023 ein ganzes Stück entfernt bleiben.

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Wie wirkungsvoll ist das dritte Entlastungspaket für die deutsche Bevölkerung?

Das Entlastungspaket wird deutliche Wirkungen für die deutsche Bevölkerung haben und den Konsum in den kommenden Monaten spürbar stützen. Insbesondere die angekündigten Einmalzahlungen für Rentnerinnen und Rentner sowie Studierende und dazu die Erhöhung des Bürgergeldes dürften sofort konsumwirksam werden. Bei zwei zentralen Elementen des Pakets, der Strompreisbremse und den angekündigten Eingriffen beim Gaspreis, muss allerdings noch abgewartet werden, wie schnell diese umgesetzt werden und wie groß die Entlastungen ausfallen.

Kann damit der makroökonomische Schock abgewendet werden?

Der auf die deutsche Wirtschaft zurollende makroökonomische Schock durch eine steigende Importrechnung für fossile Energieträger hat eine Größe von mehr als 200 Milliarden Euro. Ein Entlastungspaket von 65 Milliarden Euro wird einen solchen Schock nicht ganz abwenden, aber doch zu einem spürbaren Teil dämpfen können. Wichtig ist allerdings zu sehen, welcher Anteil des Entlastungspakets III am Ende tatsächlich nachfragewirksam wird. Unternehmenskredite, wie sie in dem Paket enthalten sind, etwa sind notwendig, um Pleiten und Dominoeffekte zu vermeiden, aber sind nicht direkt nachfragewirksam. Hier könnte sich also in den kommenden Monaten herausstellen, dass die bisherigen Maßnahmen zu klein ausgefallen sind und noch einmal nachgelegt werden muss. Bis dahin aber ist das Entlastungspaket ein guter Anfang.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.