Kolumne

Merkwürdige Personalie: Ex-Spiegel-Chef wechselt zum MDR

Hamburg/Berlin.  2018 wurde Klaus Brinkbäumer beim „Spiegel“ entlassen. Jetzt hat er offenbar einen neuen Job – bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Klaus Brinkbäumer, ehemaliger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, hier auf einem Foto von 2018.

Klaus Brinkbäumer, ehemaliger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, hier auf einem Foto von 2018.

Foto: Matthias Balk / dpa

Das Wort „Stallgeruch“ käme bei dieser Personalie wohl keinem Experten in den Sinn: Wie der Branchendienst „Horizont“ meldet, soll Klaus Brinkbäumer in der kommenden Woche vom Rundfunkrat des Mitteldeutschen Rundfunks als Programmchef auserkoren werden und das Amt bereits im Januar antreten. Ein klassischer Printjournalist als Fernsehmacher?

Diese Wahl erscheint erklärungsbedürftig und wirft eine Reihe Fragen auf, auch nach der Lage der Branche insgesamt. Ganz so abwegig, wie sie auf viele vordergründig wirken mag, ist die Verpflichtung indes nicht.

Der 53-Jährige ist ein weit gereister Korrespondent, der beim Hamburger Nachrichtenmagazin eine beachtliche Karriere hingelegt hat: 25 Jahre war der gebürtige Münsteraner und ehemalige Volleyball-Bundesligaprofi beim „Spiegel" beschäftigt, mehr als ein halbes Journalistenleben .

Klaus Brinkbäumer war dreieinhalb Jahre „Spiegel“-Chefredakteur

Brinkbäumer schrieb über Sport, enthüllte Skandale, berichtete mehrfach über US-Wahlen und erwarb sich den Ruf eines ausgezeichneten Reporters. In der Hierarchie des Magazins stieg er stetig auf, wurde Textchef, Mitglied der Chefredaktion, Stellvertretender Chefredakteur und Anfang 2015 nach dem kurzen Gastspiel von Wolfgang Büchner schließlich alleiniger Chefredakteur.

Dreieinhalb Jahre später wurde Brinkbäumer von den Gesellschaftern abberufen und durch Steffen Klusmann ersetzt – eine Maßnahme, für die der altgediente Mitarbeiter kein Verständnis hatte und die er wohl auch nicht hat kommen sehen. Ehemalige Mitstreiter schätzen noch heute seine Texte und bescheinigen ihm, ein „ besonders netter Kollege “ gewesen zu sein.

Hinsichtlich seiner Führungsqualitäten fallen die Zeugnisse eher verhalten aus; er sei „ viel zu weich “ für den Posten an der Magazin-Spitze gewesen, habe bei Entscheidungen zu lange mit sich gerungen und nicht klar genug kommuniziert.

Brinkbäumer beim „Spiegel“: als Kollege beliebt, als Führungskraft umstritten

Als Blattmacher war der Chefredakteur, zumindest gemessen an den Heftverkäufen, nicht besonders erfolgreich, für Diskussionen nicht nur im eigenen Haus sorgten vor allem höchst alarmistische, für „Spiegel"-Verhältnisse geradezu reißerische Titel über Donald Trump, die mehrfach mit der Realität kollidierten.

Hintergrund:

Auch mit Blick auf die Relotius-Affäre sind noch heute kritische Stimmen zu hören: Brinkbäumer habe, so heißt es auf den Fluren der Ericusspitze, den Schönschreiberling ins Haus geholt, Stücke des jungen Autoren über den grünen Klee gelobt und auf seinem Twitter-Account „mit einem eigenen Psalm besungen“.

Peinliche Tweets zu Relotius verschwunden

Als der Schwindel um die Lügengeschichten schließlich aufflog und für einen der größten Presseskandale der Nachkriegsgeschichte sorgte, war der ehemalige Förderer schon abgelöst und einige Wochen nicht mehr im Haus. Die anpreisenden und nunmehr peinlichen Tweets verschwanden kurz darauf aus der Timeline des Top-Journalisten. „Wäre er damals noch da gewesen“, sagt ein langjähriger „Spiegel"-Redakteur, „hätte ihn der Skandal ganz sicher hinweggefegt.“

Nach seinem unfreiwilligen Ausstieg beim „Spiegel" ging Brinkbäumer nach New York, schrieb Artikel für den Berliner „Tagesspiegel“ und war Co-Autor bei der Abrechnung des preisgekrönten Dokumentarfilmer Stephan Lamby mit dem US-Präsidenten am Ende seiner Amtszeit. „Im Wahn – Trump und die amerikanische Katastrophe“, so der Titel der Reportage im Ersten.

MDR hatte Programmchef-Stellen ausgeschrieben

Man kann nur spekulieren, ob die glänzenden Kontakte Lambys zu ARD-Entscheidern den Weg Brinkbäumers zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk geebnet haben könnten. Fest steht, dass der MDR die Stelle von zwei Programmchefs ausgeschrieben hatte und sich bei der Sondierung eines Münchner Headhunters bediente.

An diesem Dienstag, so ist aus Leipzig zu hören, stellte sich Brinkbäumer bei den Mitgliedern des Programm-Ausschusses vor. Das Gremium gibt eine Empfehlung für den Rundfunkrat ab, der kommende Montag tagt und final entscheidet. Die Zustimmung gilt als sicher.

Der Mann vom „Spiegel“ wird, daran zweifelt niemand ernsthaft, ab Mitte Januar als einer der wichtigsten Gestalter öffentlich-rechtlicher Rundfunk-Realität bei der ostdeutschen Sendeanstalt fungieren. Mit Dienstsitz Leipzig soll Brinkbäumer als Kopf der Programmdirektion über Nachrichten- und Info-Formate, aber auch über Shows und Sport entscheiden – schon ungewöhnlich für einen Journalisten ohne nennenswerte einschlägige Vorerfahrung. Verglichen mit seinem früheren überaus gut dotierten Posten in Hamburg dürfte er zudem deutlich weniger verdienen.

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Brinkbäumer tauscht brutalen Auflagen- gegen fein dosierten Quotendruck

Doch einen damit vergleichbaren Posten zu finden, ist in der Branche auch und vielleicht sogar gerade für einen ehemaligen „Spiegel"-Chefredakteur alles andere als einfach. Der über Jahre krisengeschüttelte Ost-Sender , den man sich beim „Spiegel" früher bestenfalls als Objekt spitzer Berichterstattung vorstellen konnte, entpuppt sich als potenziell attraktiver Arbeitgeber; auch das ist Symbol eines tiefgreifenden Medienwandels. Und dass der Wechsel vom Print in die TV-Welt nicht immer glatt verläuft, hat erst vor kurzem die frühere „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch bei RTL erfahren müssen.

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Brinkbäumer tauscht brutalen Auflagen- gegen eher fein dosierten Quotendruck , Print-Routine gegen Fernseh-Neuland, die Mitarbeiter KG gegen Gremien-Gremlins, Abhängigkeit von Werbe- und Vertriebsmärkten gegen Gebührenfinanzierung. Und nicht zuletzt, um auch das zu erwähnen: Edelfeder-Gala bei der Henri-Nannen-Preisverleihung gegen das große Schlagerjubiläum mit Florian Silbereisen.

Nach zwei Jahren selbstgewählten Exils in Amerika winkte dem vormaligen Chefredakteur der renommiertesten Medienmarke der Republik der Job in einer kleineren, aber vergleichsweise sicheren Bank.

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Der ursprüngliche Wunschkandidat der Intendantin soll abgesagt haben

Dass er sich auf der für ihn ungewohnten Position bewährt, ist keineswegs selbstverständlich. Der Neue beim MDR wird Führungsstärke unter Beweis stellen und Geduld aufbringen müssen. Ein ARD-Insider: „Die Mühlen mahlen zermürbend langsam . Jede Reform oder Personalangelegenheit wird von etlichen Stellen geprüft und bewertet.

In einem solchen Job Veränderungen zu bewirken, erfordert das Durchhaltevermögen eines Marathonläufers. Dass Klaus Brinkbäumer in dieser Disziplin antritt, sagt womöglich auch viel aus über die Optionen, die der Markt derzeit bietet.

Nach Informationen dieser Redaktion kam der „Spiegel"-Mann überhaupt erst zum Zug, nachdem der ursprüngliche Wunschkandidat von MDR-Intendantin Karola Wille abgesagt hatte. Der TV-Experte aus den Reihen des ZDF konnte den Umzug nach Leipzig dem Vernehmen nach aus privaten Gründen nicht realisieren. Ein MDR-Sprecher wollte dies auf Anfrage als „Personalspekulation“ nicht kommentieren.

Aus Sicht von Intendantin Wille ist die Entscheidung für den branchenfremden Mann vom „Spiegel" wegen der kaum zu ignorierenden Risiken eine mutige, aber auch eine richtungsweisende Wahl : als deutliches Signal für die Akzentverschiebung von der Unterhaltung zu hochklassigen Informations- und News-Formaten.

Und auch als Signal, dass die Aufräumarbeiten nach den vielen Korruptionsskandalen der Vergangenheit beim MDR endgültig abgeschlossen sind – wie sonst hätte man einen vielfach ausgezeichneten Journalisten wie Brinkbäumer für die Aufgabe gewinnen können.

Auch die Programm-Direktion Kultur wird beim MDR mit Jana Brandt neu besetzt

Der neue Name ist in der Senderspitze ist dabei Programm – auch als Ansage für investigativ starke Schwesteranstalten wie NDR oder WDR, wo mit Georg Mascolo bereits seit Jahren ein weiterer ehemaliger „Spiegel"-Chefredakteur erfolgreich tätig ist. Das könnte zu einem für Branche wie auch Zuschauer interessanten Wettstreit um Stories und Formate führen.

Neben der Bestätigung der Personalie Brinkbäumer wird der Rundfunkrat am kommenden Montag auch die bisherige Fernsehspiel-Leiterin Jana Brandt (u.a. „Charité“, „Weissensee“) zur Programmdirektorin für die Bereiche Kultur, Bildung und Wissen befördern. Die 55-Jährige wird damit – wie das MDR-Umfeld bestätigt – Nachfolgerin von Katja Wildermuth, der designierten Intendantin des Bayerischen Rundfunks.

Medienjournalist Georg Altrogge, zuletzt Chefredakteur des Mediendienstes Meedia.de, schreibt regelmäßig für diese Redaktion in der Kolumne „Medienszene“ über neue Entwicklungen in der deutschen Medienlandschaft.

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