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"Hart aber fair": Was Immunologe für sichere Weihnachten rät

Karina Krawczyk
| Lesedauer: 8 Minuten
Das ist "hart aber fair"

Das ist "hart aber fair"

Die polarisierende Politik-Sendung im Ersten mit Moderator Frank Plasberg gibt es nun seit stolzen 20 Jahren. Jeden Montag finden sich diverse Gäste in einer hitzigen Diskussionsrunde wieder.

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Berlin  Wir haben an Corona vieles noch nicht verstanden, sagt ein Immunologe bei "Hart aber fair". Für die Feiertage hat er einen guten Rat.

Hand aufs Herz: Würden Sie sich an diesem Weihnachten zumindest teilweise über Corona-bedingte Verbote hinwegsetzen? Das fragte eine repräsentative "Weihnachtsstudie" der Universität der Bundeswehr München. 47 Prozent der Befragten antworteten mit "Ja", wie ein Einspieler bei "Hart aber fair" an diesem Montag zeigte.

"2G unterm Christbaum: Wie wird aus dieser Weihnacht noch ein Fest?" hatte Frank Plasberg seine letzte "Hart aber fair"-Sendung in diesem Jahr überschrieben. Ohne Studio-Publikum, aber mit virtuellem Weihnachtsschmuck dekoriert, sollten die Gäste in der Talkshow Tipps geben, wie sich das Familientreffen infektionsfrei halten ließ. Jeder Gast durfte sich außerdem etwas wünschen für nächstes Jahr.

"Hart aber fair": Diese Gäste waren dabei

  • Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin
  • Prof. Dr. Carsten Watzl, Immunologe an der Technischen Universität Dortmund
  • Prof. Dr. Monika Sieverding, Gesundheitspsychologin an der Universität Heidelberg
  • Charlotte Würdig, Moderatorin
  • Hermann Hutter, Vizepräsident des Handelsverbands Deutschland

"Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, welche Diskussionen bei den Familientreffen zu Weihnachten drohen", befand folgerichtig Frank Plasberg. Auch die ausgewählten Stimmen aus dem Gästebuch, die Zuschaueranwältin Brigitte Büscher zitierte, bestätigten nur: Die eine Hälfte sagt so, die andere so. Dazu könnte uns die Omikron-Variante noch den Januar, wenn nicht gar das Frühjahr verderben.

Kann sich tatsächlich "fast jeder Zweite" vorstellen, an Weihnachten Corona-Regeln – wie Maske tragen, Abstand halten, Kontakte reduzieren – zu brechen? Monika Sieverding widersprach entschieden. Für die Heidelberger Gesundheitspsychologin war die Frage der Studie viel zu ungenau gestellt, um die Ergebnisse interpretieren zu können.

"Welche Verbote sind denn überhaupt gemeint?", kritisierte sie die offene Fragestellung. Jeder habe sich irgendetwas vorstellen und irgendeine Antwort geben können. In dieser Frage sei die Studie wissenschaftlich nicht valide, erklärte sie.

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"Hart aber fair": Crashkurs im Statistik-Lesen

Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung verhalte sich vorbildlich, relativierte sie dazu. Deshalb wünschte sie sich auch mehr "positive Zahlen": Ihrer Meinung nach werde in der Berichterstattung "zu wenig wertgeschätzt, was wir schon alles erreicht haben." Statt dauernd auf die wenigen Regelbrechenden zu zeigen, sollte öffentlich öfter mal gesagt werden, das habt ihr gut gemacht. Lesen Sie auch:

Dass die Psychologin damit nicht Schönfärberei meinte, wurde bei einem zweiten Einspieler deutlich, den Frank Plasberg ihr quasi als Vorlage lieferte: Seit Mitte November wurden 18,1 Millionen Menschen in Deutschland geimpft, aber die Zahl der Erstimpfungen sank wieder, hieß es darin gewohnt plakativ. In der gesamten letzten Woche hatten sich nur noch 459.000 Menschen zum ersten Mal impfen lassen, verglichen mit der Vorwoche war das ein Rückgang um 22 Prozent.

"Das ist nur ein Teil der Geschichte", widersprach Monika Sieverding wieder und erteilte Frank Plasberg bestimmt-freundlich einen Crashkurs im Statistik-Lesen. Statt willkürlich zwei Zahlen herauszunehmen, sollte man genauer hinschauen, riet sie. "Obwohl die Zahl der Erstimpfungen in der letzten Woche zurückgegangen ist, ist sie immer noch doppelt so hoch wie Anfang November", erläuterte sie. Das war doch positiv. Das könnte Sie interessieren: Corona – Wie gut schützt der Biontech-Booster gegen Omikron?

"Hart aber fair": Abstand halten, Großgruppen meiden

"Jede Impfung zählt, und wir argumentieren und werben weiter", kommentierte auch Michael Müller (SPD) die relative Zahl der Erstimpfungen. Auch seiner Ansicht nach nehme die Mehrheit der Menschen die Corona-Regeln an, weil sie die Erfahrung gemacht habe, dass sie schützten. "Wir wissen doch inzwischen, wie wir mit der Pandemie umgehen müssen", erklärte Berlins Noch-Regierender.

Sinkende Inzidenzen kämen nicht von alleine: "Es kommt nur durch unser gemeinsames Verhalten dazu", warb er, auch an den Feiertagen Abstand zu halten und Treffen mit großen Gruppen ab 10, 15 Personen zu vermeiden. Er selber wolle Weihnachten so vorbildlich feiern, wie Experten es erwarteten: Im kleinen Kreis und mit 2G.

"Hart aber fair": Was viele noch nicht verstehen

Auch der Immunologe Carsten Watzl empfahl für Familienfeiern, dass die Großeltern möglichst schon geboostert sind, die Eltern geimpft und die Kinder wenigstens getestet. "Das ist das Beste, was wir gerade machen können", bestätigte er. Lesen Sie auch: Start der Kinder-Impfung: Was Eltern jetzt wissen müssen

Dass die Inzidenzen langsam wieder etwas runtergingen, hänge seiner Meinung nach damit zusammen, dass inzwischen 24 Prozent geboostert seien. Aber auch die Erstimpfungen solle man im Blick behalten: "Wenn wir die Impflücke nicht schließen, haben wir nächstes Jahr wieder ein Problem", erklärte der Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut der TU Dortmund.

Das Virus werde in Zukunft bleiben: "Was viele noch nicht verstehen", erklärte er, "wir werden uns verändern", und lernen müssen, damit zu leben. Immer wieder aufgefrischt, werde der Impfschutz schwere Erkrankungen verhindern, sodass Corona irgendwann nur noch zu Todesfällen führen werde wie etwa die Grippe. "Wir sollten aber auch die Ungeimpften vor sich selbst schützen", ergänzte er. Viele wollten den Piks nur deshalb nicht, weil sie regelmäßig mit Horrorgeschichten gefüttert wurden. Deshalb wünschte er sich, dass gegen Leute, die Falschinformationen verbreiteten, viel konsequenter vorgegangen wurde. Lesen Sie weiter: Corona – Diese vier Luftfilter schneiden im Test gut ab

"Hart aber fair": Moderatorin war geschockt

"Überhaupt kein Verständnis" hatte dagegen Charlotte Würdig für Menschen, die sich lieber "natürlich immunisieren" lassen wollen, also bewusst infizieren, statt sich impfen zu lassen. Obwohl zweimal geimpft, hatte sich die ProSieben-Moderatorin erst kürzlich bei ihren beiden Söhnen (5 und 8 Jahre alt) mit Covid-19 infiziert. Das war ein Schock, erzählte sie, weil sie anders als bei einer Grippe nicht wusste, wie sich die Erkrankung entwickeln würde.

Besonders "verunsichert und alleingelassen" fühlte sie sich, als es ihr zwischenzeitlich gesundheitlich schlechter ging, berichtete sie. Denn was sie als Alleinerziehende mit den beiden Jungs machen sollte, wenn sie doch noch ins Krankenhaus musste, konnte selbst ein vorsorglicher Anruf beim Gesundheitsamt nicht klären. "Warum gibt es in der Corona-Warn-App keine Hotline, die man in so einem Fall anrufen kann?", fragte sie – und machte damit klar, dass nach fast zwei Jahren Pandemie noch einiges zu tun ist. Jetzt weiterlesen: Corona-Impfung – Diese hohe Geldstrafe droht Impfverweigerern

"Hart aber fair": Handel spielt Ordnungspolizei

Herrmann Hutter wünschte sich vor allem, dass das nächste Jahr besser werde. Noch ärgerte er sich als Unternehmer und Vizepräsident des Handelsverbands Deutschland vor allem darüber, dass "die Kontrolle der 2G-Regelung auf den Handel abgewälzt" würden. "Wir sind dazu verdammt worden, Ordnungspolizei zu spielen", beschwerte er sich, obwohl nur ein Prozent von Millionen Kundenkontakten eine Infektion verursache.

Nicht nur, dass Umsatz und Kunden-Frequenz in der wichtigen Vorweihnachtszeit um 30 bis 40 Prozent eingebrochen seien. Vor den Geschäften kam es zu langen Schlangen, die Verkäufer mussten sich vielfach beschimpfen lassen, wurden manchmal auch bedroht. Das treffe die Branche hart.

Hart aber fair: So liefen die vergangenen Sendungen

Anmerkung der Redaktion: Die Studienautoren der "Weihnachtsstudie" der Universität der Bundeswehr Münchenhaben die Kritik von Prof. Dr. Monika Sieverding an der Methodik zurückgewiesen und dies in einer Stellungnahme dargestellt.