Präsident der Thüringer Ärztekammer über Ärztetag in Kiel

Im Gespräch Als Präsident der Thüringer Ärztekammer verfolgte Mathias Wesser die Sterbehilfe-Debatte auf dem Deutschen Ärztetag in Kiel. Er verteidigt die Entscheidung der Delegierten und begründet seinen Standpunkt mit der Pflicht aller Ärzte, stets zu helfen und Leid zu lindern.

Vor allem über das Thema Sterbehilfe wurde auf dem Deutschen Ärztetag in Kiel heiß diskutiert. Foto: dapd / T. Riediger

Vor allem über das Thema Sterbehilfe wurde auf dem Deutschen Ärztetag in Kiel heiß diskutiert. Foto: dapd / T. Riediger

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Die Delegierten des Deutschen Ärztetags haben sich für ein Verbot der Beihilfe zur Selbsttötung von Sterbenskranken ausgesprochen. War diese Entscheidung aus Ihrer Sicht richtig?

Ja, das war eindeutig die richtige Entscheidung. Tötung auf Verlangen ist in Deutschland ohnehin verboten. Und der so- genannte "ärztlich assistierte Suizid" gehört einfach nicht zum Handwerkszeug von Ärztinnen und Ärzten. Wir haben uns verpflichtet, zu heilen, zu helfen und Leiden zu mindern. Das machen wir in der Endphase des Lebens mit der ärztlichen Sterbebegleitung. Und wir machen das mit Hingabe. Aber was wir dringend brauchen, ist ein Ausbau an palliativmedizinischen Versorgungsmöglichkeiten. Hier hat der Deutsche Ärztetag dringend Verbesserungen gefordert.

Nichtsdestotrotz bleiben ja immer ein paar schwerkranke Patienten, bei denen es nicht möglich ist, die Schmerzen ausreichend zu lindern. Müsste nicht wenigstens solchen Menschen geholfen werden?

Ärzte müssen immer helfen. Wir müssen die Leiden lindern, selbst wenn das prioritäre Therapieziel nicht mehr die Lebensverlängerung, sondern dann die Schmerzlinderung ist. Wir tun alles, um Sterbenden zu helfen, aber wir können und wollen keine Hilfe zum Selbstmord leisten. Das kann keiner von uns verlangen. Der Patient hat ein Recht auf ärztliche Sterbebegleitung, nicht aber auf ärztliche Sterbehilfe.

Wenn Sterbehilfe in Deutschland verboten bleibt, wird es immer Menschen geben, die nicht so sterben, wie sie es sich wünschen. Wieso nimmt man den Menschen diese Freiheit?

Wir nehmen keinem die Freiheit, aber wir können uns auch nicht gegen unseren eigenen ärztlichen Ethos verpflichten lassen. Es kann doch jeder Mensch in seiner Patientenverfügung entscheiden, welche Behandlungen er nicht wünscht beziehungsweise wann Behandlungen abgebrochen werden sollen, zum Beispiel bei der Beatmung, der künstlichen Ernährung, einer Bluttransfusion oder auch bei Operationen. An diese Entscheidungen der Patienten sind wir gebunden. Dem Wunsch des Patienten, so zu sterben wie er möchte, kann man zwar nicht widersprechen, aber wir Ärzte können das Leben nicht aktiv beenden. Denn wir sehen sonst die Gefahr, dass Menschen aus anderen Gründen, beispielsweise gesellschaftlichen Druck, beziehungsweise den Druck durch Familienangehörige, den Wunsch meinen äußern zu müssen, zu sterben.

Wie stehen Sie zur ärztlichen Garantenpflicht? Ärzte müssen ja bei Selbsttötungen lebensrettend eingreifen, sobald der Betroffene das Bewusstsein verliert. Wäre hier eine Änderung im Strafrecht ein sinnvoller Schritt?

Selbsttötung ist strafrechtlich nicht relevant und auch die Beihilfe zu dieser Tat ist strafrechtlich nicht relevant. Wir Ärzte gehen aber mit unserer Berufsordung, die ja für die Ärzte verbindlich ist, darüber hinaus. Eben weil wir eine ganz besondere Verantwortung für den Patienten haben. Jeder Patient soll zu jeder Zeit sicher sein, dass Ärzte für das Leben des Patienten stehen. Aber wir wissen natürlich auch, dass man nicht die gesamte Komplexität menschlichen Lebens in einer solchen Berufsordnung abbilden kann.

Ist es nicht ein Problem für das Verhältnis von Arzt und Patient, dass Patienten, die gerne sterben möchten, nicht mit ihrem Arzt sprechen, weil sie fürchten, dass die Ärzte aufgrund ihrer Garantenpflicht gehalten sind, sie notfalls durch eine Zwangseinweisung in die Psychatrie zu "retten"?

Die meisten Menschen, die einen Suizidwunsch äußern, leiden in der Tat unter Depressionen. Die sind aber behandelbar. Und dann schwindet gewöhnlich auch der Wunsch zu sterben. Und auch den anderen können wir in der Regel mit einer guten palliativmedizinischen Schmerztherapie helfen. Für den Sterbenden ist es wichtig, möglichst wenig Schmerzen zu haben und noch genügend Luft zu bekommen. Da können wir aber helfen und das wollen wir auch tun. Und die meisten Patienten sind dann auch dankbar.

Auf dem Ärztetag hatten wir den Palliativmediziner Professor Marschmeyer und der hat etwas sehr, sehr Wichtiges gesagt: "Wenn die Patienten für das bisschen Rest ihres Lebens die Möglichkeit bekommen, dieses in Würde zu gestalten, also ohne Schmerzen, ohne Luftnot, dann legen sie auf dieses bisschen Rest auch wert."

Thüringer Delegierte beim Deutschen Ärztetag

Dipl.-Med. Ingo Menzel Weimar Niedergelassener Arzt für:

Allgemeine Chirurgie

Spezielle Unfallchirurgie

Notfallmedizin

PD Dr. med. Kirsten Jung Erfurt Niedergelassene Ärztin für:

Allergologie

Haut- und Geschlechtskrankheiten

Immunologie

Umweltmedizin

Dr. med. Gerd Scheiber Ilmenau

Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Ilm-Kreis-Kliniken

Dr. med. Thomas Schröter Weimar Niedergelassener Arzt für:

Innere Medizin

Dipl.-Med. Gustav Michaelis Weimar

Assistenzarzt für Allgemeine Chirurgie an der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie des Sophien- und Hufeland-Klinikums

Dr. med. Sebastian Roy Meiningen

Assistenzarzt für Chirurgie in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie des Klinikums Meiningen

Dr. med. Jens Andrae Meiningen

Oberarzt am Zentrum für Anästhesie und Intensivmedizin

Ärztetag-Entscheidung zu Suizid bleibt umstritten

Kiel. Ärzte in Deutschland müssen künftig mit berufsrechtlichen Konsequenzen rechnen, wenn sie schwerstkranken Patienten bei der Selbsttötung helfen. Der Deutsche Ärztetag in Kiel hatte nach einer intensiven Debatte eine Neufassung der ärztlichen Berufsordnung verabschiedet, in der die Beihilfe der Mediziner beim Suizid ausdrücklich verboten wird.

"Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in dem Beschluss, den die 250 Delegierten mit großer Mehrheit verabschiedeten.

In der bislang geltenden Berufsordnung war ein ausdrückliches Verbot der ärztlichen Suizidbegleitung nicht enthalten. Dort hieß es lediglich, dass Ärzte das Leben des Sterbenden "nicht aktiv verkürzen" dürfen – eine Formulierung, die Spielraum ließ. Diese neue strikte Haltung ist nicht unumstritten. Schließlich berichten Notfallmediziner immer wieder von Patientenschicksalen und Krankheiten, die so grausam sind, dass man nur den baldigen Tod des Betroffenen erhoffen kann. Eine im vergangenen Sommer veröffentlichte Umfrage hatte ergeben, dass sich mehr als ein Drittel der Ärzte in Deutschland vorstellen können, Patienten bei der Selbsttötung zu helfen.

Der Deutsche Juristentag hat die Mediziner schon 2006 aufgefordert, keine ausnahmslose Regelegungen zu treffen.

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