„In seinem Blute liegen“ gesehen: Erinnerung an durch Jena getriebene Buchenwald-Häftlinge

Jena  Mit Zeitzeugen-Zitaten auf Plakaten machte der Arbeitskreis „Sprechende Vergangenheit“ am Sonnabend in Jena-Ost aufmerksam auf die vor genau 70 Jahren hier durchgetriebenen Buchenwald-Häftlinge.

Gedenken am gestrigen Sonntag vor der Jenaer Stadtkirche: Oberbürgermeister Albrecht Schröter (2.v.r.), Superintendent Sebastian Neuß (r) und 60 weitere Bürger erinnerten an 70 Jahre Todesmarsch der Buchenwald-Häftlinge durch Jena, an die Einnahme der Stadt durch amerikanische Soldaten und das damit verbundene Ende des Krieges in Jena. Foto: Michael Groß

Gedenken am gestrigen Sonntag vor der Jenaer Stadtkirche: Oberbürgermeister Albrecht Schröter (2.v.r.), Superintendent Sebastian Neuß (r) und 60 weitere Bürger erinnerten an 70 Jahre Todesmarsch der Buchenwald-Häftlinge durch Jena, an die Einnahme der Stadt durch amerikanische Soldaten und das damit verbundene Ende des Krieges in Jena. Foto: Michael Groß

Foto: zgt

Wer am Sonnabend von 10 bis 14 Uhr durch die Karl-Liebknecht-Straße fuhr, konnte an vier Stellen Menschen sehen, die Plakate mit Zitaten aus Zeitzeugenberichten hochhielten – an der Camsdorfer Brücke, vor dem Kriegerdenkmal, vor dem Spielplatz Schlippenstraße und an der Gembdenbachbrücke.

Hintergrund dieser Aktion waren jene schlimmen Ereignisse, die am 11. April des Jahres 1945 in Jena-Ost geschahen. Mitglieder des Jenaer Arbeitskreises „Sprechende Vergangenheit“ machten 70 Jahre nach dem Todesmarsch von Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald auf dieses Ereignis aufmerksam. An allen diesen vier Stellen sei damals gemordet worden, sagt Wolfgang Rug vom Arbeitskreis. 250 schwerbewaffnete SS-Männer, vermutlich unterstützt von Jenaer Polizeikräften und Volkssturm-Leuten, hätten wahrscheinlich bis zu 4500 Häftlinge durch die Stadt gehetzt.

Von Großschwabhausen aus, wo es wegen der durch amerikanische Bomben zerstörten Lokomotive nicht mehr per Güterwagen weitergehen konnte, seien die Häftlinge zu Fuß über die Straßen getrieben worden. Viele Jenaer sahen zu. Manche hätten, wie zum Beispiel der damals ­15-jährige Häftling R. B. später berichtete, mit Wasser und Essen helfen wollen, was aber die Bewacher unterbunden hätten.

Die von dem Mitgliedern des Arbeitskreises gesammelten Zeitzeugenberichte sprechen eine bedrückende Sprache. „Ich konnte sehen, wie ein SS-Mann schnellen Schrittes zurücklief bis zum Kriegerdenkmal und einen Häftling, der erschöpft war, mit einem Karabiner niederschoss“, erinnerte sich ein Anwohner. Und ein anderer berichtete, dass er auf dem Heimweg von der Arbeit vor dem Kriegerdenkmal einen Häftling „in seinem Blute liegen“ sah.

An diesen Mord erinnerte am Samstag unter anderem die Promotions-Studentin der Geowissenschaften, Marieke Ahlborn, mit ihrem Transparent. „ Ich habe eine kleine Tochter, die mich oft gefragt hat, was die Gedenktafel an der Camsdorfer Brücke bedeutet. Ich habe mich damit beschäftigt und es ihr erklärt.“ Und es sei dringend nötig, heute auch andere Menschen darüber zu informieren, wozu die junge Frau wie auch die anderen vom Arbeitskreis bei ihrer Aktion ­Informationsblätter verteilten.

Am Spielplatz Schlippenstraße – auch damals soll es schon einer gewesen sein – waren vermutlich drei Häftlinge erschossen worden. Und unter der Gembdenbachbrücke hätten sich den Berichten zufolge ebenfalls drei Morde zugetragen, sagt Gisela Horn vom Arbeitskreis.

Das Echo von Passanten am Samstag in der Karl-Liebknecht-Straße, sei gut gewesen, erzählt Gerda Brücher vom Arbeitskreis. Es hätten sich sogar zwei Bürger gemeldet, die selbst als Kinder den Häftlingszug ge­sehen hätten. Der Arbeitskreis hofft nun, dass sein Vorschlag für die Errichtung einer Erinnerungs-Stele in Jena-Ost bald umgesetzt wird.

Michael Groß kommentiert: Erinnern als Geheimnis