Geschichte in fast jedem Haus: Straßenführung durch den Forstweg am Sonnabend

Jena  Jenaer Stadtgeschichte? Sie ist in fast jedem Haus des Forstweges manifest. Der Arbeitskreis „Sprechende Vergangenheit“ lädt deshalb kommenden Sonnabend zu einer besonderen Straßenführung.

Gisela Horn und Wolfgang Rug am Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf dem Friedensberg Foto: Thomas Stridde

Gisela Horn und Wolfgang Rug am Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf dem Friedensberg Foto: Thomas Stridde

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Der deutsche Herbst, in dem ein historisch wichtiges Datum auf das andere folgt! – Dem achtköpfigen Arbeitskreis "Sprechende Vergangenheit" innerhalb des Aktionsnetzwerkes gegen Rechtsextremismus ist es gelungen, am kommenden Sonnabend eine faszinierende Klammer darzubieten, die deutsche Geschichte in Jenaer Farben einschließt: mit einer Straßenführung ab 14 Uhr (Treffpunkt Denkmal auf dem Friedensberg) durch den Forstweg, vorbei an den Häusern und deren "sprechender Vergangenheit".

Wolle man die politischen und kulturellen Veränderungen seit Ende des 19. Jahrhunderts aufzeigen, "dann springt der Forstweg ins Auge", sagte gestern Gisela Horn. Die Literaturwissenschaftlerin gehört wie der Kunsthistoriker Wolfgang Rug zu den Arbeitskreis-Mitstreitern; beide gaben gestern einen Ausblick auf kommenden Sonnabend.

Das Friedensberg-Denkmal für die 1500 Jenaer Gefallenen des Ersten Weltkrieges – später Fixpunkt von Initiationsriten der Hitler-Jugend – eigne sich als Startpunkt des Spaziergangs, weil hier der Ausblick auf die Cospedaer Höhe als Ort der "Schlacht bei Jena" und auf den Bismarckturm möglich sei, sagte Wolfgang Rug.

Das assoziiere, wie die Weichen deutscher Geschichte fatal gestellt wurden. Zumal: Die Jenaer Rede des damals schon entmachteten Reichskanzlers Otto von Bismarck im Jahre 1892 ist mit der Verkürzung "Ohne Jena kein Sedan!" in die Annalen eingegangen – als Formel für den deutschen Wiederaufstieg nach der 1806-Niederlage in Jena kraft der anschließenden Befreiungskriege und der siegreichen Schlacht während des deutsch-französischen Krieges 1870 in Sedan. Das Haus Forstweg 24 barg über viele Jahre die Gaststätte "Zur Bismarck-Höhe".

Und schon der Straßenname als solcher: Gisela Horn wies ­darauf hin, dass der Forstweg dreimal benannt beziehungsweise wiederbenannt wurde. Nach 1914 folgte die Umbenennung in Langemarckstraße – Jenas Beitrag zur Verklärung der für Deutschland verlustreichen Schlacht des Ersten Weltkrieges im flandrischen Langemarck am 10. November 1914.

"Wir haben es gesehen; wir haben es gewusst."

Nach der Rückbenennung folgte zu DDR-Zeiten die Bezeichnung "Ibrahimstraße" als Würdigung für den Kinderarzt Jussuf Ibrahim. Im Jahr 2000 gab seine nachgewiesene Beteiligung am Euthanasie-Programm der Nazis Anlass, der Straße wieder ihren Ur-Namen "Forstweg" zu geben. "Wir wollen diese Debatte am Sonnabend nicht rekonstruieren", sagte Gisela Horn, doch werde auch hinzuweisen sein auf ein Haus am Forstweg, das Rosemarie Albrecht bewohnte: Die Ärztin war nach der "Wende" mit dem Vorwurf der Beteiligung am Euthanasie-Programm angeklagt worden.

Anhand fast eines jeden Hauses am Forstweg ließen sich historische Zusammenhänge zeigen und wie sich Kultur entfaltet hat oder "wie eng sich Dramen im Haus und in der Nachbarschaft zeigten – das finde ich spannend", sagt Gisela Horn. Etwa das Haus Forstweg 1, wo Hugo Schrade, der spätere Generaldirektor der Firma Carl Zeiss, mit seiner jüdischen Ehefrau Erna lebte. Sie wurde durch Nachbarn denunziert und deportiert; Hugo Schrade kam ins Arbeitslager.

Im Forstweg 25 wird an Heinrich Hess (1916-1944) erinnert. Der jüdische Wirtschaftswissenschaftler aus Barmen wurde 1943 von der Gestapo verhaftet und starb 1944 in Weimar. Mutmaßlicher Denunziant, so berichtete Gisela Horn: Joseph Caspar Witsch, NSDAP-Mitglied und Leiter der Ernst-Abbe-Bücherei sowie später Mitbegründer des Verlages Kiepenheuer & Witsch.

Für das Haus Nr. 31 lässt sich die Geschichte des jüdischen Schott-Ingenieurs Max Grossmann erzählen. Er wurde am 10. November 1938 nach der so genannten Reichskristallnacht in das KZ Buchenwald deportiert und dort am 21. November umgebracht. Wie Gisela Horn erläuterte, ist die Aussage eines Kurt Grebe, Nachbar im Haus gegenüber, verbrieft: "Wir haben es alle gesehen; wir haben es gewusst."

Oder die Villa am Forstweg 23. Das Wohnhaus des Abbe-Weggefährten und -Nachfolgers Siegfried Czapski und seiner Frau Margarete sei in Jena so etwas wie die erste Adresse für den geistig-kulturellen Austausch gewesen, sagte Gisela Horn. Und doch wurde die im Haus zur Untermiete lebende Agnes Holzman, Mutter des Czapski-Schwiegersohnes Max, trotz mutigen Aufbegehrens der Hausherrin ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie bald ums Leben kam. Nehme man die Dramen aus der Nazi-Zeit zusammen, sei heute auch der Hinweis auf die Forstweg-Überkreuzung jener Bahnlinie wichtig, auf der die Deportationen begonnen haben, sagte Gisela Horn.

Dass der Forstweg allzeit Heimstatt der Repräsentanten bürgerlicher Kultur war – dieser Faden lässt sich noch viel weiter in die Vergangenheit verfolgen. Wolfgang Rug nannte als Beispiel das Haus Forstweg 29. Hier lebte Gottlob Frege, der als Logiker "die Welt des Verstehens in logische Sprache" brachte, aber "für die Jenaer Uni fast ein Nobody" gewesen sei und dennoch als "akademischer Waldschrat" die phantastischsten Gedankengebäude geschaffen habe.

Gisela Horn fasste zusammen: "Befasst man sich mit Stadtgeschichte, kommt man immer wieder am Forstweg an."

Straßenführung durch den Forstweg am Sonnabend, 22. Oktober, ab 14 Uhr. Treffpunkt: Denkmal auf dem Friedensberg.

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