Nach Prügelei nicht länger wegschauen

Versäumnisse wirft die ehemalige Streetworkerin Kathrin Schuchardt der amtlichen Weimarer Jugendsozialarbeit nach den Ausschreitungen vom vergangenen Freitag vor.

Rund 800 Schüler aus Weimar nahmen am fünften Projekttag der Initiative  "Schulen für Aufklärung" teil. Unter dem Motto "Meine, deine, unsere Kultur!?" beschäftigten sie sich mit den Themen Kultur, Politik und Gemeinschaft. Im Bild: Flashmob-Workshop mit Fanny Rödiger, Thorit Pribbernow, Elisabeth Lindig und Benny Belfiglio (v.l.). Foto: Marco Kneise

Rund 800 Schüler aus Weimar nahmen am fünften Projekttag der Initiative "Schulen für Aufklärung" teil. Unter dem Motto "Meine, deine, unsere Kultur!?" beschäftigten sie sich mit den Themen Kultur, Politik und Gemeinschaft. Im Bild: Flashmob-Workshop mit Fanny Rödiger, Thorit Pribbernow, Elisabeth Lindig und Benny Belfiglio (v.l.). Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Weimar. Nach ihrer Einschätzung sei die Straßenarbeit mit Jugendlichen in Weimar nahezu zum Erliegen gekommen. Zudem ermögliche ein kollektives Wegschauen männlich dominierten Gruppen Heranwachsender, sich zeitweise als die Bestimmer im öffentlichen Raum aufzuspielen. "Die Lage ist nicht nur bedrohlich, sie ist gefährlich."

Die Massenschlägerei vor dem Mon Ami, bei der 15 Personen teils erheblich verletzt worden waren, betrachtet Schuchardt als Beweis ihrer These. Und sie hält das Ereignis für keinen Zufall. Dass es über kurz oder lang krachen würde an einem der Plätze in der Innenstadt, an denen abends und an Wochenenden bestimmte Gangs die Hoheit übernehmen, sei absehbar gewesen. Eine Ansicht, die auch von Mitarbeitern des Mon Ami geteilt wird.

Schuchardt selbst kennt die Szenen aus dem Eff-Eff, sie hat sich hinreichend Tage und Nächte auf den Straßen um die Ohren geschlagen, um behaupten zu können, Weimar "von unten" zu kennen. Als eine der engagiertesten Demokratinnen wäre sie die Letzte, die die Prügelei als reines Migrantenproblem hinstellen würde. Vielmehr sieht sie es als einen Ausdruck männlichen Dominanzverhaltens – auf einer Stufe mit den Ausschreitungen von Rechts und den Provokationen der Motorradrocker: Ein Problem von Jungs, die auf dicke Hose machen.

Die Gang, die am Freitag Zoff stiftete, als im Mon Ami 400 Teilnehmer des schulübergreifenden Projekttags ihre Abschlussparty feierten, sei schlicht auf Gewalt aus gewesen, schätzt Mario Lange ein. Lange war als ehrenamtlicher Deeskalationstrainer vom Bürgerbündnis gegen Rechts (BgR) gebeten worden, die Party zu begleiten. Seinen Beobachtungen zufolge hätten sich die aggressivsten Mitglieder der Gang nicht einmal durch ihre eigenen Wortführer zurückhalten lassen. Dass die Polizei den Einsatzort nach ihrem ersten Anrücken wieder verließ, um Verstärkung anzufordern, warf bei den Betroffenen ebenfalls Fragen auf.

Drei Tage nach der Prügelei herrscht Ratlosigkeit. Stadt, Polizei und Kriminalpräventiver Rat sind noch mit der Auswertung befasst. Für Schuchardt kann die Konsequenz aus der Schlägerei nur im Aufbau einer funktionierenden Straßenarbeit mit Jugendlichen bestehen: "Eine halbe Stelle ist dafür absolut zu wenig. Wir brauchen zwei Zweierteams, je ein Mann und eine Frau." Als Beispiel für funktionierende Straßenarbeit nennt sie die Landeshauptstadt: Erfurt leiste sich acht solcher Teams.

Von ihrer Kritik nehmen Schuchardt und Lange ausdrücklich die Schüler und das ehrenamtliche BgR als Veranstalter der Feier im Mon Ami aus.

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