Stumme Zeugen in Jena: Erinnerung auf dem Jenzig an Karl Liebknecht

Jena  Das Denkmal auf dem Jenzig erinnert an Kommunistenführer Liebknecht und eine illegale Zusammenkunft 1916. Im Jahr 1966 wurde das Denkmal eingeweiht. Hatte der Künstler der Steintafel eine geheime Botschaft in sein Werk eingearbeitet?

Das Liebknecht-Denkmal auf dem Jenzig erinnert an die Jenaer Osterkonferenz 1916, auf der Liebknecht als Redner auftrat.

Das Liebknecht-Denkmal auf dem Jenzig erinnert an die Jenaer Osterkonferenz 1916, auf der Liebknecht als Redner auftrat.

Foto: Immanuel Voigt

In diesen Tagen streckt der Frühling seine Fühler aus und verleitet viele, für einen Spaziergang hinaus zu gehen. Lange wird es nicht mehr dauern, ehe es wieder zu Grünen und Blühen beginnt und die Natur sich von ihrer schönsten Seite zeigt. Gerade dann lohnt es sich besonders, auf einen der Berge von Jena zu steigen und die grandiose Aussicht auf die Stadt und die Landschaft zu genießen.

Fällt die Wahl dabei auf den Jenzig, so lässt sich der Ausflug auch mit der Besichtigung eines stummen Zeugen verbinden, mit dem sich der heutige Beitrag unserer Serie beschäftigt.

Zu finden ist der Stein auf dem Gipfel des Berges. Egal, ob man nun die Süd- oder Nordroute wählt – beide Wege führen irgendwann zum Jenzig-Haus. Unmittelbar daneben, direkt am Weg gelegen, findet sich in einer kleinen Ausbuchtung der gesuchte Gedenkstein. Eine Bank lädt zum Sitzen und Betrachten ein, der Blick ist in Richtung Stadt gerichtet.

Auf einem größeren Kalkstein ist eine Bronzeplatte angebracht, die folgende Inschrift enthält: „Dem Kaempfer gegen / Militarismus / und Krieg / Karl Liebknecht / Zur Erinnerung / an seinen Aufenthalt / auf dem Jenzig / Anlaesslich der Arbeiter / Jugendkonferenz / Ostern 1916 in Jena“. Es geht also um den einstigen Sozialdemokraten und späteren Kommunisten Karl Liebknecht und dessen Aufenthalt 1916 in Jena. Doch weshalb kam Liebknecht überhaupt hierher?

Der am 13. August 1871 als Sohn des Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht in Leipzig geborene Sachse studierte nach dem Abitur zwischen 1890 und 1893 in Leipzig und Berlin Jura und Nationalökonomie. Anschließend folgte der im Kaiserreich obligatorische Militärdienst. Nach seinem Referendariat promovierte sich der Leipziger 1897 erfolgreich zum Dr. jur. und arbeitete fort an als Jurist. Zwei Jahre später gründete er mit seinem älteren Bruder Theodor, ebenfalls Jurist, in Berlin eine eigene Kanzlei.

Bald darauf begann auch Liebknechts politisches Engagement. 1900 trat er in die SPD ein, 1901 gehörte er der Berliner Stadtverordnetenversammlung an und 1907 wurde er zum Präsidenten der sozialistischen Jugendinternationale gewählt. Politisch stand Liebknecht links außen und vertrat eine klar antimilitaristische Linie. Seine scharfe Kritik des preußischen Militarismus, die er in seiner Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“ (1907) äußerte, bescherte dem Juristen im selben Jahr eine eineinhalb jährige Festungshaftstrafe wegen Hochverrats.

Dies hinderte Liebknecht aber nicht daran, weiter politisch aktiv zu sein. Noch während der Haft wurde er Mitglied im Preußischen Abgeordnetenhaus und 1912 ebenfalls Mitglied des Reichstages. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges war Liebknecht der einzige Abgeordnete des Reichstages, der Anfang Dezember 1914 die Bewilligung weiterer Kriegskredite ablehnte. Daraufhin wurde er nicht nur von Abgeordneten, sondern auch aus der deutschen Bevölkerung als „Vaterlandsverräter“ scharf angegriffen.

Redner bei illegaler Osterkonferenz 1916

Im Februar 1915 zog man Liebknecht als Armierungssoldaten zum Militärdienst ein, um ihn politisch kalt zu stellen. Im Verborgenen beteiligte er sich an der von Rosa Luxemburg gegründeten Gruppe „Internationale“, die später zur „Spartakusgruppe“ erweitert wurde. Schließlich nahte das Osterfest 1916.

Karl Liebknecht befand sich gerade auf Heimaturlaub in Berlin und hätte die Hauptstadt als Militärangehöriger eigentlich nicht verlassen dürfen. Dennoch reiste er am 22. April 1916 nach Jena, um sich hier in der Gaststätte „Zur schönen Aussicht“ mit SPD-Mann Otto Rühle sowie Vertretern der Jenaer Arbeiterjugend zu einer Vorbesprechung zu treffen. An den kommenden zwei Tagen sollte im „Vegetarischen Speisehaus“ in der Zwätzengasse 16 eine als Wanderausflug getarnte illegale Zusammenkunft von Jugendlichen aus ganz Deutschland abhalten werden, die sozialistischen Jugendverbänden angehörten. Organisiert wurde das Ganze von der Jenaer Arbeiterjugend.

Vor 60 jungen Menschen referierten Rühle und Liebknecht am 23. und 24. April. Man sprach sich gegen die Burgfriedenspolitik aus, gegen die Fortführung des Krieges und gegen die „kapitalistische Klassengesellschaft“. Schließlich schrieb Liebknecht nicht nur die Ziele der illegalen Osterkonferenz nieder, sondern verfasste auch den Text für das Flugblatt „Auf zur Maifeier“, welches kurze Zeit später in Jena gedruckt wurde. Zum Abschluss der Konferenz wanderten Liebknecht und einige weitere Teilnehmer auf den Jenzig. Die in Jena gedruckten Flugblätter wurden anschließend unter anderem nach Berlin geschmuggelt, wo es am 1. Mai 1916 tatsächlich zu einer Demonstration von 10.000 Menschen auf dem Potsdamer Platz kam, bei der Liebknecht auf eine Rednerbühne stieg und rief: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“. Er wurde vor Ort verhaftet und wenig später wegen Hochverrats zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Ende Oktober 1918 kam er vorzeitig frei.

Während der Novemberrevolution etablierte er sich zum Sprecher der revolutionären Linken und rief am 9. November 1918 vom Berliner Stadtschloss die „Freie Sozialistische Republik Deutschland“ aus. Zu Jahresbeginn 1919 gehörte er zu den Gründern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).

Nach dem Ende des Januarstreiks 1919 wurde Liebknecht zusammen mit Rosa Luxemburg von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division am 15. Januar in Berlin festgenommen, verhört und misshandelt. Anschließend erschoss man beide auf dem Weg zum Gefängnis im Tiergarten und warf die Leichen in den Landwehrkanal.

Liebknecht avancierte später zum kommunistischen Märtyrer, der in der DDR vielfach geehrt wurde, so auch in Jena. Nicht nur gab es in der Zwätzengasse eine Liebknecht-Gedenkstätte. Im Zuge der 50. Wiederkehr der illegalen Osterkonferenz entschloss man sich 1966, auch auf dem Jenzig an seine Anwesenheit zu erinnern. Zu diesem Zweck hatten Mitglieder der Jenzig-Gesellschaft im Steinbruch am Jenzig den großen Kalkstein selbst gebrochen und per Pferd an seinen heutigen Platz gebracht.

Mit der Gestaltung der Tafel wurde der bildende Künstler Karl-Heinz Appelt beauftragt. Bei genauerem Hinsehen fallen auf den zweiten Blick die fünf Nägel auf, die neben der Inschrift zu sehen sind. Der Jenaer Historiker Axel Dossmann hat diesbezüglich 2014 eine interessante These aufgeworfen, dass es sich hierbei um eine versteckte Botschaft beziehungsweise um subtile Kritik des Künstlers handeln könnte. Demnach weisen die Nägel in der Tat Ähnlichkeiten mit jenen auf, die für die Kreuzigung Christi benutzt wurden und sind damit ein Hinweis auf Ostern. Hinzu kommt, dass Ostern traditionell im christlichen Glauben das Fest der Hoffnung darstellt, da Christus nach drei Tagen von den Toten auferstand. Denkbar wäre also, dass Appelt eine unterschwellige Kritik des Liebknecht-Kultes sprichwörtlich „zwischen den Zeilen“ versteckte. Aufgefallen ist sie zur Weihe des Steins wohl niemandem.

Festakt bei schönstem Frühlingswetter

Wie die SED-Zeitung „Volkswacht“ berichtet, fand am Vormittag des 2. April 1966 bei schönstem Frühlingswetter der Festakt statt, zu dem Hunderte gekommen waren. Neben dem Oberbürgermeister von Jena, Walter Windrich, waren auch „Veteranen“ der Osterkonferenz anwesend. Nach Ansprachen und Liedern, die der Jenzig-Chor zum Besten gab, sang man die Nationalhymne, die das Ganze zu einer „erhebenden Feier“ machten.

Interessierte können noch bis 17. März im Stadtmuseum Jena in der Sonderausstellung „Der Weg in die Revolution – Soziale Bewegungen in Jena 1869-1918“ mehr über die Osterkonferenz von 1916 und ihre Teilnehmer erfahren.

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