Milan halbiert oder tot am Stück: Auch Windstrom nicht so sauber, wie es aussieht

Rotoren erschlagen weniger den Kranich, sondern besonders häufig den streng geschützten Roten Milan. In Brandenburg wird die deutschlandweite Verlusttabelle geführt

Ein Roter Milan. Foto/Archiv: Andrea Fricke

Ein Roter Milan. Foto/Archiv: Andrea Fricke

Foto: zgt

Erfurt. Vermutlich wird Jürgen Reinholz (CDU) sich nicht durchsetzen. Über kurz oder lang dürfte sich Thüringens Umweltminister grämen über Windräder auch im Wald. Denn "Kranichschredder" als Kampfbegriff reicht allein nicht aus, um die Windkraftlobby noch zu bremsen.

Dabei gibt es durchaus Zahlen über Tiere, die den Erfolg der Energiewende nicht mehr miterleben werden. "Ich weiß nicht, woher der Ausdruck Kranichschredder stammt", sagt Artenexperte Tobias Dürr. Denn die beeindruckend schönen Zugvögel nutzten recht schmale Korridore für ihre Wanderungen. Auch ihre Rastgebiete seien bekannt, so dass Windparks relativ leicht nur dort errichtet werden können, wo sie Kranichen nicht in die Quere kommen. Ganze fünf Exemplare seien bisher tot unter deutschen Windenergieanlagen (WEA) gefunden worden.

Dürr muss es wissen. Denn seit Jahren laufen bei ihm im Landesamt für Umwelt Brandenburg die Zahlen aus allen Bundesländern zu sogenannten Schlagopfern zusammen. Sie verraten auf den ersten Blick: Weit übler dran als Zugvögel sind die heimischen Greifvögel. 25 von Rotoren erschlagene Seeadler, 104 Mäusebussarde und 57 Rotmilane, halbiert oder tot am Stück. Das ist allein die Bilanz im "Windland" Brandenburg, wo sich aktuell 3135 Windräder drehen. Zum Vergleich: Thüringen hat erst 641 Anlagen in Betrieb. Entsprechend kleiner sind die bisher gezählten Schäden. 14 Rotmilane, 17 Mäusebussarde. Doch wie sicher sind die Zahlen?

Nicht sehr sicher, sagt Stefan Jaehne, Chef der staatlichen Vogelschutzwarte im thüringischen Seebach (Unstrut-Hainich-Kreis). Anders als in Brandenburg sei man noch weit entfernt von einem wissenschaftlichen Monitoring und fast nur auf Zufallsfunde angewiesen. Was die Seebacher Fachbehörde aber schon im Experiment nachweisen konnte: Von Rotoren getroffene Vögel stehen auf der Speisekarte etlicher Fleischfresser, die gern durch Windparks schleichen. Füchse, Marder, Katzen, Waschbären. Sie schleppen die Kadaver davon, noch bevor sie jemand zählen kann. Meistens nachts, so dass der Begriff Dunkelziffer seine doppelte Berechtigung erhält.

Zum Leidwesen der Vogelschützer sind dadurch Modellrechnungen, aus denen sich das Schlagrisiko für viele betroffene Arten herleiten ließe, fast unmöglich. Jedenfalls angreifbar. Den Ärger teilen sie sich mit den Freunden der Fledermäuse. Denn auch diese kleinen Flattermänner, eigentlich streng geschützt, zahlen Tribut an die Windkraft in bisher unbekannter Verlustgröße. "Den Körper einer Zwergfledermaus haben Wespen in zwei Tagen beseitigt", weiß Tobias Dürr, dessen Tabellen dennoch Totfunde dokumentieren: 1810 deutschlandweit.

Die Interessengemeinschaft Fledermausschutz Thüringen (IFT) ist alarmiert. Bei einem Seminar, vorigen Herbst von der Landesanstalt für Umwelt in Jena veranstaltet, wurde nicht nur beklagt, dass es keine landesweite Erfassung der Fledermaus­opfer gibt. Es kam auch die Idee einer Art Verkehrsordnung für den Windradbetrieb auf. Mit festen Abschaltzeiten, wenn die Fledermäuse auf Jagd gehen.

Dem Milan würde aber selbst das nicht helfen.

Volkhard Paczulla kommentiert: Klima- kontra Artenschutz

Zu den Kommentaren