Weltall

Asteroid: Nasa gelingt erstmals spektakuläres Experiment

Dirk Hautkapp
| Lesedauer: 5 Minuten
So wahrscheinlich ist ein Asteroiden-Einschlag

So wahrscheinlich ist ein Asteroiden-Einschlag

Wie wahrscheinlich ein Einschlag eines Asteroiden ist, erklärt das Video,

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Washington.  Die US-Weltraum-Agentur Nasa manipulierte die Flugbahn eines großen Asteroiden. Warum die Mission für die Zukunft so bedeutsam ist.

Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hat erstmals absichtlich ein Raumfahrzeug in einen Asteroiden fliegen lassen, um dessen Flugbahn zu verändern. Die Nasa-Sonde Dart raste in der Nacht zum Dienstag mit mehr als 20.000 Stundenkilometern in den Asteroidenmond Dimorphos, wie auf Live-Bildern zu sehen war.

„Aufprall bestätigt für die weltweit erste Testmission zur planetaren Verteidigung“, verkündete die Nasa. Sie will mit der Mission testen, ob und wie sie Erde vor herannahenden Himmelskörpern schützen kann. Und tatsächlich könnte das gelungene Experiment für die Zukunft von großer Bedeutung sein.

Denn der historisch einmalige und 330 Millionen Dollar teure Crashtest, den die US-Weltraumagentur in gut elf Millionen Kilometer Entfernung zur Erde inszeniert hat, gibt es Anlass zu der Hoffnung, dass unliebsame Himmelskörper künftig wie Billardkugeln aus der Bahn getitscht werden können. Lange, bevor sie der Menschheit zu nahe kommen.

Gegen 1.14 Uhr deutscher Zeit bohrte sich das wie eine große Gefriertruhe dimensionierte, 600 Kilogramm schwere und unbemannte Raumfahrzeug „Dart“ planmäßig mit etwa 23.000 Stundenkilometern Geschwindigkeit gezielt in den 160 Meter Durchmesser besitzenden Asteroidenmond Dimorphos bohren. Damit sollte die Flugbahn des etwa pyramidengroßen Asteroiden geringfügig verändert werden. „Dart“ (Double Asteroid Redirection Test) war bereits im November 2021 mithilfe einer Falcon-9-Rakete auf den Weg gebracht worden.

Nasa: Jubel nach Mission – "eine neue Ära"

Im Kontrollzentrum in Laurel im US-Bundesstaat Maryland brachen Ingenieure und Wissenschaftler in Jubel aus, als die Übertragung nach der Kollision endete. „Wir brechen auf in eine neue Ära – eine Ära, in der wir möglicherweise in der Lage sind, uns vor so etwas wie einem gefährlichen Asteroideneinschlag zu schützen“, erklärte die Chefin der Nasa-Abteilung für Planetenforschung, Lori Glaze.

Dimorphos kreist in naher Nachbarschaft zum 800 Meter großen Asteroiden Didymos durchs All. Auf den Live-Bildern der Nasa war Dimorphos rund eine Stunde vor der Kollision zum ersten Mal als Lichtfleck zu sehen. In den letzten Minuten vor dem Aufprall mit der Sonde war dann sogar seine felsige Oberfläche zu erkennen.

Die Nasa will mit dem Experiment erproben, ob es möglich ist, den Kurs eines Asteroiden zu verändern. Durch den Aufprall soll die Umlaufbahn von Dimorphos leicht verändert werden: Die Umlaufzeit von bisher knapp zwölf Stunden soll um bis zu zehn Minuten verkürzt werden.

Nasa-Mission: So real ist die Gefahr durch Asteroiden

Spätestens seit vor fast zehn Jahren ein knapp 20 Meter großer Asteroid in die Erdatmosphäre eindrang und über der russischen Stadt Tscheljabinsk explodierte (1600 Verletzte), nehmen Weltraumagenturen die Urängste auslösende Gefahr durch die Himmelskörper noch ernster.

Regelmäßig wird zudem daran erinnert, dass vor etwa 65 Millionen Jahren über der heutigen mexikanischen Halbinsel Yucatán ein Meteorit explodierte, mit der Sprengkraft von vier Milliarden Hiroshima-Atombomben, der den Dinosauriern den Garaus machte und einen Krater von 100 Kilometer Durchmesser hinterließ.

Jüngeren Datums ist der Absturz eines Brockens von 60 Meter Durchmesser 1908 in Sibirien, wo ein riesiges Waldgebiet planiert wurde.

Nasa: Nur 40 Prozent aller Asteroiden bekannt

Laut Nasa-Chefwissenschaftler Thomas Zurbuchen gibt es etwa 25.000 Asteroiden mit einem Durchmesser von mindestens 140 Metern, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten. Allerdings seien erst knapp 40 Prozent aller Brocken bekannt.

Ab einem Durchmesser von etwa 50 Metern könnte im schlimmsten Fall eine Großstadt verwüstet werden. Bei Asteroiden mit einem Durchmesser von 25 Metern sieht die Bilanz noch dürftiger aus: Nur 0,4 Prozent aller erdnahen Asteroiden sind identifiziert, so der Chefwissenschaftler der Nasa.

Er gibt Warnung und Entwarnung zugleich: In den kommenden 100 Jahren gebe es keine reale Gefahr für einen Asteroidenabsturz größerer Art, „aber ich garantiere Ihnen, wenn man lang genug wartet, wird es ein Objekt geben“.

Nasa-Mission: Noch ist nicht klar, ob Experiment erfolgreich war

Ob das weltweit einmalige Experiment mit dem Raumfahrt-Rammfahrzeug wirklich gelungen ist, wird man allerdings erst im nächsten Jahr wissen. Ein Mini-Satellit namens „Liciacube“ flog kurz nach dem Crash am Tatort vorbei. Dessen Bilder brauchen indes Monate, bis sie auf der Erde ausgewertet werden können.

In zwei Jahren dann schickt die Europäische Weltraumagentur (Esa) die Sonde „Hera“ los, um Details aufzunehmen. Ziel ist es festzustellen, ob die durch den Zusammenprall provozierten Kurskorrekturen des Himmelskörpers substanziell genug sind, um darauf eine solide, vorausschauende Asteroiden-Abwehr-Strategie aufzubauen.

Die Betonung liegt auf vorausschauend, sagt Nancy Chabot vom Johns Hopkins Applied Physics Laboratory, das die Kamikazesonde „Dart“ im Auftrag der Nasa gebaut hat. „Man muss am besten 10, 15, 20 Jahre vorher aktiv werden, um einen Asteroiden aus der Bahn zu schubsen.“ (mit afp)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.