Kommentar

Corona: Was die Deutschen in der Pandemie gelernt haben

Julia Emmrich
| Lesedauer: 3 Minuten
Neues Infektionsschutzgesetz: Diese Corona-Regeln gelten ab Oktober

Neues Infektionsschutzgesetz- Diese Corona-Regeln gelten ab Oktober

Der Bundesrat hat den Weg für das neue Infektionsschutzgesetz frei gemacht. Die Länderkammer stimmte am Freitag für die ab 1. Oktober geplanten Corona-Maßnahmen, zu denen bundesweit Maskenpflichten für Arztpraxen, Krankenhäuser, Pflegeheime und den Fernverkehr gehören.

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Berlin.  Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei. Haben die Deutschen viel gelernt in der Pandemie? Unsere Autorin ist davon nicht überzeugt.

Ist die Pandemie zu Ende? Der amerikanische Präsident sagt: ja. Die deutlich vorsichtigere Weltgesundheitsorganisation WHO findet immerhin, man sei noch nie in einer besseren Position gewesen, die Pandemie zu beenden. Und selbst der extrem vorsichtige deutsche Gesundheitsminister zeigt sich seit einigen Wochen überraschend optimistisch: Deutschland habe die Pandemie im Griff, findet Karl Lauterbach.

Sicher, niemand kann sagen, ob nicht doch noch mal eine fiese Virusvariante um die Ecke kommt. Möglicherweise eine, gegen die auch die neuen Impfstoffe nichts ausrichten können. Doch wenn es bei den bekannten Omikron-Subtypen bleiben sollte, dann mögen zwar die Fallzahlen im Zuge der sinkenden Temperaturen wieder steigen – die Gefahr einer dramatischen Corona-Winterwelle ist aber eher gering. Ist also alles gut im dritten Pandemie-Herbst?

Corona: Die Pandemie ist nicht mehr Aufreger Nummer eins

Sagen wir es so: Es gibt gerade drängendere Fragen. Der Blick der Deutschen richtet sich aus guten Gründen in diesen Tagen nicht mit voller Wucht auf unklare Impfempfehlungen, krude Maskenregeln und undurchsichtige Isolationspflichten. Doch alles das ist nicht verschwunden. Das Virus ist noch da und der ärgerliche Regelwirrwarr auch.

Sicher ist deswegen auch: Gäbe es gerade keinen Krieg in der Ukraine, gäbe es keine Angst vor Blackouts und unbezahlbaren Energierechnungen, dann wäre die Pandemie und ihre Bekämpfung nach wie vor Aufreger Nummer eins.

Um ein tödliches Virus zu bekämpfen, braucht es drei Dinge

Denn die Pandemie hat nicht nur das ganze Land über zweieinhalb Jahre in Geiselhaft genommen. Sie hat auch in brutaler Deutlichkeit dessen Schwächen sichtbar gemacht. Mit anderen Worten: Die unmittelbare Gefahr durch das Virus ist sicher im Herbst 2022 deutlich geringer als im Herbst 2020. Doch dafür türmen sich die Probleme – in neuem, grellem Licht.

Wenn Deutschland etwas aus der Pandemie gelernt hat, dann ist es dies: Um als moderne, demokratische Gesellschaft ein hochinfektiöses, potentiell tödliches Virus zu bekämpfen, braucht es drei Dinge: hohes Tempo, eine gut ausgestattete staatliche Infrastruktur und eine möglichst breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Im Detail heißt das zum Beispiel: Solide Daten, zuverlässig vernetzte Gesundheitsämter, personell und digital gut ausgestattete Schulen, kluge Impfkampagnen, aber auch Regierungen in Bund und Ländern, die an einem Strang ziehen.

Corona: So könnte ein ideales Post-Pandemie-Deutschland aussehen

In einer idealen Welt hätte die Pandemie für einen gewaltigen Modernisierungsschub gesorgt. Gerade im Gesundheitswesen. In einer solchen Welt hätten wir jetzt eine sichere, gut funktionierende elektronische Patientenakte. Wir hätten nationale Datenbanken, mit deren Hilfe auf einen Blick präzise und tagesaktuell sichtbar wäre, wo sich Infektionscluster bilden, wo Kliniken auf eine Überlastung zusteuern. Wir hätten ein Robert-Koch-Institut, das bei der Impfquote nicht mehr über Dunkelziffern spekulieren müsste, sondern exakte Bevölkerungsdaten nennen könnte.

Warum wir das alles nicht haben werden? Weil im deutschen Gesundheitssystem seit Jahren wechselnde Gesundheitsminister mit Ärzten, Kassen und Datenschützern um jeden Zentimeter auf dem Weg in eine digitale Welt ringen. Außerhalb von Pandemien kann man sich das vielleicht leisten. Da Corona aber vermutlich nicht die letzte globale Virusattacke sein wird, ist es grob fahrlässig, weiter Zeit zu verschwenden.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.