Coronavirus

USA: Angst vor Millionen Corona-Neuinfektionen durch Omikron

Dirk Hautkapp
| Lesedauer: 7 Minuten
Biden: Ungeimpften droht "Winter mit schwerer Krankheit und Tod"

Biden: Ungeimpften droht "Winter mit schwerer Krankheit und Tod"

US-Präsident Joe Biden hat vor einer "sehr schnellen" Ausbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus in den USA gewarnt. "Der einzige wirkliche Schutz besteht darin, sich impfen zu lassen", sagte er in Washington. Ungeimpften drohe "ein Winter mit schwerer Krankheit und Tod".

Beschreibung anzeigen

Washington  Die Corona-Lage in den USA spitzt sich erneut zu. Schuld ist die Verbreitung der Omikron-Variante. New York ist besonders betroffen.

  • Die USA müssen sich wohl auf eine neue Corona-Welle gefasst machen
  • Derzeit steigen die Fallzahlen extrem an – besonders in New York
  • Das liegt wahrscheinlich an der Verbreitung der Omikron-Variante

Die „Rockettes” gehören zu New York City wie das Empire State Building oder der Central-Park. Alljährlich um die Weihnachtszeit tritt das Tanz-Ensemble in der Radio City Music Hall in Manhattan auf, oft mehrfach am Tag. In diesem Winter nicht mehr.

Der exorbitante Anstieg bei Corona-Infektionen, offenbar mit ausgelöst durch die neue Omikron-Variante, hat am Wochenende wie schon 2020 die Absage erzwungen. Zehn Broadway-Theater und etliche Restaurants halten es ebenfalls so. Auch die berühmteste Comedy-Show im US-Fernsehen – Saturday Night Live – zog am Samstagabend die Reißleine: kein Live-Publikum.

Anlass: Für den gesamten Bundesstaat New York wurde am Freitag und Samstag mit insgesamt 43.000 Neuinfektionen der höchste Infektionsstand seit über einem Jahr gemeldet. Gesundheitsdezernent Dave Chokshi macht dafür die schnelle Verbreitung der aggressiven Omikron-Variante verantwortlich.

Booster-Impfung: New Yorker zu Piks aufgerufen

Obwohl 70 Prozent der New Yorker doppelt geimpft sind (im Landesschnitt nur 60 Prozent), schlug Gouverneurin Kathy Hochul Alarm und hat als erstes die Wiedereinführung der Maskenpflicht in Innenräumen angeordnet. Außerdem sollen in der kommenden Woche 500.000 kostenlose Test-Kits und eine Million FFP2-Schutzmasken in der Stadt verteilt werden.

Noch-Bürgermeister Bill de Blasio rief die Bevölkerung dazu auf, sich schleunigst mit Booster-Impfungen zu versorgen. Sie senken nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC das Risiko einer Corona-Erkrankung substanziell. Von acht Millionen New Yorkern sind derzeit aber nur 1,5 Millionen geboostert.

Corona-Selbsttests extrem teuer

Vor den Weihnachtsfeiertagen empfiehlt die Stadtspitze, dass sich Familienmitglieder, die von weiter Ferne zusammenkommen, vorher unbedingt testen lassen. Generell wiederholt wird von allen zuständigen Stellen der Appell, sich überhaupt impfen zu lassen. Verbunden mit dem Hinweis, dass Menschen ohne Impfung bei Infektionen und Krankenhauseinweisungen die absolute Mehrheit bilden.

Allgemein zugängliche Corona-Tests stellen in den gesamten USA aber ein Problem dar. Zwar gibt es im Vergleich zu Jahresbeginn inzwischen über ein Dutzend käufliche Test-Sets. Sie sind anders als in Europa in der Regel extrem teuer – zwei Nasen-Stäbchen plus Auswertungs-Kit können leicht mit 25 Dollar und mehr zu Buche schlagen. Präsident Bidens Entscheidung, dass die Krankenversicherer dies zu übernehmen haben, wird frühestens im Januar greifen.

USA: 125.000 Neuinfektionen pro Tag

Bis dahin sind von örtlichen Gesundheitsbehörden angebotene Massen-Testungen via Drive-In wieder enorm gefragt. Im US-Fernsehen waren am Samstag Bilder aus Miami und anderen Städten mit kilometerlangen Warteschlangen vor Groß-Parkplätzen zu sehen.

Für die gesamten USA sieht das Corona-Bild derzeit so aus: Jeden Tag kommen rund 125.000 Neuinfektionen hinzu – 20 Prozent mehr als vor zwei Wochen. Täglich sterben im Schnitt 1300 Menschen – 15 Prozent mehr als vor 14 Tagen. Aufs Jahr gerechnet ergäbe diese Todesrate rund 475.000 Sterbefälle. Erst in der vergangenen Woche überschritten die USA die 800.000er-Grenze bei den Corona-Toten. Weltweit hat in absoluten Zahlen kein Land mehr Opfer zu beklagen.

Impfpflicht: Wechselnde Gerichtsurteile in Unternehmen

Experten wie Michael Osterholm, Direktor des Instituts für ansteckende Krankheiten an der Universität von Minnesota, befürchten, dass die aktuelle Corona-Welle bereits im Januar die Gesundheitsversorgung in vielen Teilen der USA in die Knie zwingen könnte. Und zwar dann, wenn die normale Grippe, Delta- und Omikron-Fälle gleichzeitig auf den Notfallstationen der Krankenhäuser landen. Osterholm prognostiziert, dass sich in den nächsten „drei bis acht Wochen Millionen Amerikaner mit dem Coronavirus anstecken werden”.

Erschwert wird die Situation durch anti-zyklische Entscheidungen aus der Wirtschaft, die auf wechselnde Gerichtsurteile rund um die von Biden verhängte Impfpflicht für Unternehmen zurückgehen. Weil ein Bundesrichter Bidens Pläne zuletzt durchkreuzt hatte, nahmen Großunternehmen wie Boeing (Flugzeuge), Amtrak (Zugverkehr) und General Electric (Konsumgüter) für ihre Belegschaften das Impf-Mandat zurück. Inzwischen hat ein Berufungsgericht die Entscheidung neutralisiert.

Krankenhäuser melden Personalnot

Es gilt laut Regierung, dass Firmen mit mehr als 100 Angestellten bis spätestens 9. Februar durchgeimpft sein müssen. Wer sich weigert, muss ab Anfang Januar wöchentlich Tests vorlegen. Voraussichtlich wird der Oberste Gerichtshof in Washington hier und in anderen Fällen eine definitive Entscheidung treffen.

Geradezu dramatisch kann sich im Fall rasant zunehmender Hospitalisierungen die massive Impf-Zurückhaltung bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen auswirken. Schon jetzt melden viele Krankenhäuser Personalnot, weil Hunderte Pfleger nach verweigerter Impfung den Job gekündigt haben. Laut der US-Gesundheitsbehörde CDC lehnt jeder dritte Angestellte hier eine Vakzinierung ab, mehr als in der Gesamtbevölkerung. Manche Kliniken haben darum die Impfpflicht wieder aufgehoben.

Biden warnt vor einem „Winter schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle”

Als weiterer Stolperstein erweist sich die Informationspolitik der Behörden, die für Misstrauen sorgt. Erst vor wenigen Tagen hat die CDC von der Nutzung des zugelassenen Impfstoffs von Johnson & Johnson gewarnt, weil sich Fälle mit Blutgerinnseln gehäuft hätten. Die Realität: Knapp zehn Patienten starben daran. Bei mehr als 14 Millionen verabreichten Dosen dieses Impfstoffs ergibt sich ein Sterberisiko von 0,00006 Prozent.

Für die Regierung von Joe Biden ist die Aussicht auf eine sich alle zwei bis drei Tage verdoppelnde Zahl der Neuinfektionen durch Omikron prekär. Der Präsident glaubte bereits im Juli, Amerika sei aus dem Gröbsten heraus. Erst die Delta-Variante, jetzt Omikron haben neben dem hartnäckigen Anteil der Impf-Gegner in der Bevölkerung die Aussicht auf eine Rückkehr zur Normalität massiv eingetrübt. Bidens Tonlage hat sich dem angepasst. Er warnt vor einem „Winter schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle”. Ungeimpfte brächten sich selbst und ihre Familien in Gefahr und drohten die Krankenhäuser an die Kapazitätsgrenzen zu bringen.

Einige Institutionen stellen sich bereits darauf ein, dass Omikron wie Experten glauben spätestens im Januar das Land überrollen wird. So hat die Stanford Universität für die ersten beiden Wochen des Jahres Online-Vorlesungen angeordnet. Am kommenden Dienstag will Präsident Biden einen neuen Plan zur Bekämpfung von Omikron vorstellen.