Silicon Valley

Bluttests: Tech-Ikone Holmes wegen Betrug verurteilt

Dirk Hautkapp
| Lesedauer: 5 Minuten
Elizabeth Holmes (M.) Hand in Hand vor dem Gerichtsgebäude mit ihrem Partner Billy Evans und ihrer Mutter Noel.

Elizabeth Holmes (M.) Hand in Hand vor dem Gerichtsgebäude mit ihrem Partner Billy Evans und ihrer Mutter Noel.

Foto: Nick Otto / AFP

Washington/San José.  Die Theranos-Gründerin erschlich sich durch Unwahrheiten über Bluttests ihrer Firma 900 Millionen Dollar. Jetzt droht ihr Gefängnis.

In den unzähligen High-Tech-Märchen, die das kalifornische Silicon Valley schreibt, war sie die junge, kühl strahlende Prinzessin. Elizabeth Holmes, Markenzeichen nach ihrem Idol Steve Jobs: schwarzer Rollkragenpullover, brachte es mit ihrem Diagnose-Unternehmen Theranos schon als 30-Jährige zur Milliardärin.

Ihr kühnes Versprechen, mit ultra-günstigen Bluttests (ein paar Tropfen nach einem kleinen Piekser in den Finger) das überteuerte Gesundheitssystem der USA zu reformieren, machte die blonde, mit einer markant tiefen Stimme ausgestattete Unternehmerin zum Star auf den Titeln der Wirtschafts-Magazine sowie in den obersten Etagen von Politik und Geldadel.

Nachdem das „Wall Street Journal” 2015 erste Zweifel an Holmes säte, die quasi über Nacht 900 Millionen Dollar Wagnis-Kapital für ihr Start-up eintreiben konnte, ist der Stern der inzwischen 37-jährigen Mutter am Montagabend endgültig verglüht.

Holmes drohen viele Jahre Haft

Die Geschworenen-Jury eines Gerichts in San José sprach Holmes in vier von elf Anklagepunkten schuldig, die jeweils mit bis zu 20 Jahren Haft belegt werden können. In den besagten Fällen ging es fast durchgängig um Investoren-Betrug.

Beim Vorwurf, Holmes habe auch Patienten direkt hintergangen, erkannte die Jury in vier Fällen auf „nicht schuldig”. Bei drei weiteren Anklage-Punkten konnte keine Einstimmigkeit erzielt werden. Wann Richter Edward Davila das Strafmaß verkünden wird, ist noch offen.

Für Holmes ist das Urteil, gegen das ihre Anwälte Berufung einlegen wollen und das indirekt eine seltene Breitseite gegen die Leichtgläubigkeit von reichen Investoren darstellt, Schlusspunkt einer schillernden Odyssee.

Von Obama gelobt, von Milliardären unterstützt

Mit 19 Jahren gründete sie als Chemie-Studienabbrecherin in Stanford ihre Firma. 2015 war Theranos mit knapp neun Milliarden Dollar bewertet. Das „Time“-Magazin wählte Holmes zu einem der 100 mächtigsten Menschen der Welt. Der damalige US-Präsident Barack Obama lobte sie als „Botschafterin für globalen Gründergeist“. Und als ideales Vorbild für junge Mädchen, die in der Wissenschaft landen wollen.

Elizabeth Holmes war umjubelte Gastrednerin beim World Economic Forum im schweizerischen Davos. Ihr Ruf ging so weit, dass sich Prominente wie der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger und Ex-Verteidigungsminister James Mattis bereitwillig in den Verwaltungsrat von Theranos wählen ließen. Zu den Investoren, die Millionensummen gaben, gehörten Großunternehmer wie Medien-Mogul Rupert Murdoch und Larry Ellison (Oracle).

Sie alle ließen sich blenden von einer jungen Frau, die angeblich aus Angst vor Spritzen die Blut-Diagnostik revolutionieren wollte. Hintergrund:

Die Lügen fliegen auf – Hollywood plant Verfilmung

Heute geht die Geschäftswelt zu Holmes auf Distanz. Mit Ausnahme Hollywoods. Dort ist ein Film über den tief gefallenen Star in der Mache. Kalauerndner Titel: „Bad Blood”. Hauptrolle: Jennifer Lawrence.

Im Prozess, in dem mehrere Ex-Mitarbeiter aussagten, stellte sich heraus, dass Holmes bereits seit 2013 wusste, dass ihre bahnbrechende Erfindung ein Rohrkrepierer war. So wurde das Gros der potentiell insgesamt 200 Tests, die das 2018 in den Bankrott gegangene Unternehmen bis dahin für Krankheiten von Herpes über Aids bis Diabetes anbot, mit Hilfe von ganz traditionellen Maschinen erledigt, die Theranos bei Technologie-Anbietern wie Siemens bezog. Etliche Tests waren fehlerhaft.

Erste kritische Medienberichte konterte die selbstbewusste Unternehmerin noch forsch: „So ist das, wenn man Dinge verändern will. Zuerst glauben sie, du bist verrückt. Dann kämpfen sie gegen dich und dann, plötzlich, veränderst du die Welt.“

Später räumte die überzeugte Veganerin, die sich lange von Säften ernährte, Probleme ein. Da war der inzwischen gerichtlich beglaubigte Fakt, dass Investoren unwahrheitsgemäß über das Projekt informiert wurden, noch eine Vermutung. Dennoch entzog die Apothekenkette Walgreens Holmes früh das Vertrauen und nahm die dort für zehn Dollar angebotenen Bluttests unverzüglich aus dem Sortiment. Ein Paukenschlag. Lesen Sie auch: Apple, Tesla, VW: Wie Deutschland als Tech-Standort aufholt

Vize-Chef soll Holmes sexuell missbraucht haben

Vor Gericht zeichneten Holmes' Anwälte das Bild einer Frau, die ihr Bestes gegeben habe, aber gescheitert sei. Die Hauptschuld wiesen sie neben den Wissenschaftlern in der Produktion dem damaligen Vize-Chef Ramesh „Sunny” Balwani zu, der Holmes sexuell missbraucht haben soll. Ihm wird voraussichtlich im Sommer der Prozess gemacht.

Die Staatsanwaltschaft hielt dem entgegen, dass Holmes die haarsträubenden Unzulänglichkeiten ihrer Technologie vollkommen bewusst gewesen seien. Dennoch habe sie weiter unverdrossen Geld eingeworben. „Sie hat sich dafür entschieden, unehrlich zu sein”, sagte Ankläger Jeff Schenk in seinem Schluss-Plädoyer. „Das war nicht nur kaltschnäuzig, das war kriminell.”

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