Pandemie

Studie: Deutsche skeptisch bei Impfstoff gegen Coronavirus

Berlin.  Umfrage unter G7-Ländern: Nur 67 Prozent der Bundesbürger erklären Bereitschaft zur Impfung – zweitniedrigster Wert nach Frankreich.

Coronavirus: So läuft die Suche nach einem Impfstoff

Auf der ganzen Welt suchen Wissenschaftler nach einem Schutz vor dem Coronavirus. Viele Forscher und Firmen arbeiten an Lösungen, Tests laufen bereits.

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Die Corona-Krise hat auch die G7-Länder der größten westlichen Industrienationen schwer gebeutelt. Weltweit auf Platz eins liegen die USA, wo bis Donnerstag mehr als 1,85 Millionen Infektionen registriert wurden. Dahinter folgen mit Abstand Großbritannien, Italien, Frankreich, Deutschland, Kanada und Japan.

Beim Stimmungsbarometer sind die Deutschen hingegen ganz vorn. Sie machen sich am wenigsten Sorgen um Gesundheit und persönliches Einkommen. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Kantar in einer repräsentativen Befragung ermittelt, die unserer Redaktion vorliegt.

Wenn es hingegen um die Impfung gegen das Coronavirus geht, sind die Bundesbürger vergleichsweise vorsichtig. Lediglich 67 Prozent würden sich impfen lassen – nur Frankreich verzeichnet unter den G7-Ländern noch weniger. Auch bei der Nutzung einer Corona-App hält sich die Begeisterung der Deutschen in Grenzen.

Wie viele Deutsche würden sich gegen das Coronavirus impfen lassen?

Monatelang lautete das weltweite Königsargument in der Corona-Krise: Sobald ein Impfstoff gegen das Virus zur Verfügung steht, ist der Lockdown völlig passé. Dann kann das normale Leben ohne Maske weitergehen – von der Fahrt mit der U-Bahn bis zum lockeren Restaurantbesuch. Mehr als 70 Firmen rund um den Globus haben sich in einen Wettlauf um den Impfstoff begeben, auch in Deutschland. Viele Menschen hoffen, dass die Substanz vielleicht schon Anfang kommenden Jahres vorliegt und verlässlichen Schutz gegen COVID-19 bietet.

Doch in Deutschland hält sich die Begeisterung in Grenzen. Nur 67 Prozent der Bundesbürger bezeichnen es als „sicher“ oder „wahrscheinlich“, dass sie sich gegen das Coronavirus impfen lassen. Das ist die zweitniedrigste Zahl innerhalb der G7-Länder. Nur Frankreich mit 58 Prozent liegt noch darunter. Die größten Impffreunde sind die Briten (78 Prozent) vor den Italienern (74 Prozent). Die Bundesregierung hatte mehrfach betont, dass sie eine Corona-Schutzimpfung nicht zur Pflicht machen würde.

Zehn Prozent der Deutschen würden sich nicht impfen lassen

Ein knallhartes Nein zur Impfung kommt von 10 Prozent der Deutschen. In keinem anderen G7-Land gibt es so viele Verweigerer. „Es ist ein problematischer Wert, dass Deutschland die zweitniedrigste Impfbereitschaft aufweist“, sagt der Politikforscher Torsten Schneider-Haase vom Meinungsforschungsinstitut Kantar unserer Redaktion.

„Hier schlägt die relativ hohe Zahl an Impfgegnern durch, was sich zum Beispiel auch im Fall von Masern beobachten lässt.“ Bei vielen Menschen herrsche aber notgedrungen noch Unsicherheit vor – es gebe ja noch keinen Impfstoff.

Die gleiche Zurückhaltung legen die Deutschen bei der Impfung ihrer Kinder an den Tag. Lediglich 64 Prozent würden ihre Töchter oder Söhne „sicher“ oder „wahrscheinlich“ gegen das Coronavirus impfen lassen. Nur in Frankreich sind es mit 56 Prozent noch weniger. An der Spitze liegen die Briten (74 Prozent) vor den Japanern (73 Prozent).

Wie viele Bundesbürger würden eine Corona-App nutzen?

Wie bei der Impfung sind etliche Deutsche auch bei der Corona-App eher skeptisch. 53 Prozent würden eine sogenannte Tracing-App auf dem Smartphone „sehr wahrscheinlich“ oder „ziemlich wahrscheinlich“ nutzen, wenn sie verfügbar wäre. Die meisten Befürworter befinden sich in Großbritannien (63 Prozent) und Italien (58 Prozent). Am Ende der Skala stehen Frankreich und Japan.

Die App funktioniert so: Ist jemand positiv auf COVID-19 getestet, kann er Informationen wie Körpertemperatur oder Puls in die App eingeben. Nutzer, mit denen der Infizierte zuletzt in Kontakt war, werden dadurch gewarnt. Sie sollten dann zu Hause bleiben, um keine weiteren Personen anzustecken. Je mehr Menschen die App anwenden, desto besser können die Infektionsketten anonym nachgezeichnet werden.

Die Apps sind aber nur sehr begrenzt vergleichbar, da fast jedes G7-Land ein anderes System hat. In Deutschland verzögert sich die Einführung der App seit Wochen. Auch hier unterstreicht die Bundesregierung: Die Nutzung ist freiwillig.

Bei der Kritik an der Tracing-App steht in allen G7-Ländern die Sorge vor dem Schutz privater Daten im Vordergrund. Darüber hinaus möchten viele nicht, dass die Regierung über ihren Aufenthaltsort Bescheid weiß. Zudem gibt es Zweifel an der Effektivität einer App.

Wer macht sich wie viel Sorgen wegen der Corona-Krise?

Relativ betrachtet ist Deutschland in der Corona-Krise das Land der Sorglosen. Nur 65 Prozent befürchten, dass das Coronavirus die Gesundheit der eigenen Landsleute beeinträchtigen könnte. Das ist der niedrigste Wert unter allen G7-Ländern. Am meisten Angst haben die Japaner (86 Prozent) vor den Kanadiern (85 Prozent) und den Italienern (84 Prozent).

Ein ähnliches Bild zeichnet sich ab, wenn es um die Gesundheit von Freunden und Familienmitgliedern sowie um das eigene Wohlbefinden geht. Die Bundesbürger sind hier am gelassensten unter allen G7-Ländern. Am meisten Nervosität herrscht bei Japanern, Briten und Italienern.

„Die relative Sorglosigkeit der Deutschen hat zum einen damit zu tun, dass die Corona-Infektionszahlen hierzulande wesentlich niedriger liegen als in den USA, Großbritannien, Italien oder Frankreich“, erklärt der Politikforscher Torsten Schneider-Haase. Außerdem sei der Lockdown in Deutschland nicht so hart gewesen wie in anderen Ländern. An eine zweite Infektionswelle glauben derweil selbst die Top-Virologen um Christian Drosten nicht mehr.

Wer befürchtet Einschnitte beim Einkommen?

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht rechnen die Deutschen nicht mit dem Schlimmsten. 57 Prozent geben an, dass die Corona-Krise Auswirkungen auf ihr Gehalt hatte oder vermutlich haben wird. In allen anderen G7-Ländern ist die Angst vor dem bereits passierten oder erwarteten Einkommensverlust größer.

An der Spitze stehen die Italiener (80 Prozent) vor den Amerikanern und Kanadiern (jeweils 69 Prozent). 43 Prozent der Bundesbürger geben an, dass die Corona-Krise keine negativen Konsequenzen für ihr Gehalt haben werde. Ein Spitzenwert unter den G7-Ländern.

Eine der Erklärungen für diese Daten dürfte die wirtschaftliche und soziale Abfederung gegen die Krise in Deutschland sein. Die staatlichen Corona-Hilfen in Höhe von rund 1,3 Billionen Euro sind gemessen an der Bevölkerungszahl das weltweit üppigste Paket.

Die umfangreiche Kurzarbeiter-Regelung sorgt zudem dafür, dass die Arbeitslosenrate mit 6,1 Prozent relativ gering bleibt. Zum Vergleich: Die offizielle Quote in den USA liegt bei rund 15 Prozent. Auch das gerade von der Bundesregierung verabschiedete staatliche Konjunktur-Programm über 130 Milliarden Euro dämpft die Gefahr einer Rezession – und damit die Sorgen der Bevölkerung.

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