Bundeswehr-Abzug

Afghanistan-Abzug: Die Todesangst der vergessenen Helfer

Christian Unger
| Lesedauer: 16 Minuten
Bundeswehr erwägt noch früheren Afghanistan-Abzug

Bundeswehr erwägt noch früheren Afghanistan-Abzug

Eigentlich wollte die Bundeswehr alle deutschen Soldaten bis Mitte August aus Afghanistan abgezogen haben, doch nun könnte es schon Anfang Juli so weit sein.

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Berlin/Masar-i-Sharif  Die Bundeswehr zieht aus Afghanistan ab. Afghanische Helfer bleiben auf der Strecke. So wie Nawid. Er sieht sich in Lebensgefahr.

Die Taliban verpacken ihre Drohung in ein Lächeln. So wie jemand, der eine Waffe an deinen Kopf hält und dann noch einen Witz macht, sagt Nawid. 2018 richten sie die Waffe gegen ihn und seine Leute. Die Taliban, erzählt Nawid, haben einen seiner Lastwagen entführt und den Fahrer gleich mit. Nawid telefoniert mit einem Anwalt der Islamisten, um das Leben des Fahrers gegen Lösegeld zu retten. Am Telefon, erinnert er sich, sei die Stimme des Talib freundlich. Anfangs.

Nawids Fahrer transportiert an diesem Tag wie so oft Ladung für die Bundeswehr, der Truck ist unterwegs von der großen Militärbasis in Masar-i-Sharif im Norden Afghanistans nach Kundus, dort, wo die deutschen Soldaten damals noch einen Außenposten betreiben. Teile der Hauptstraße würden durch die Taliban kontrolliert, also müssen afghanische Unternehmer Nawid immer wieder Geld zahlen, damit die Milizen seine Lastwagen passieren lassen.

Doch an diesem Tag ist es anders. Ein Mann mit Gewehr habe sich in die Fahrerkabine gesetzt, Anweisungen gegeben, den Lkw in eine Seitenstraße dirigiert, erzählt Nawid. Eine Woche lang hört er nichts von seinem Fahrer, weiß nicht, ob er noch lebt. „Wir haben immer damit gerechnet, dass so etwas passieren wird“, sagt Nawid heute.

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Fachleute sehen den Einsatz der Nato-Truppen in Afghanistan als „Fiasko“ an

Fast 20 Jahre war die Bundeswehr im Einsatz in Afghanistan, an der Seite der US-Truppen und anderer Alliierter. Nun ziehen die Amerikaner innerhalb einiger Wochen ab – und die deutschen Soldaten gleich mit. Das erste Militärmaterial landet schon in Deutschland.

Einige Fachleute bilanzieren den Einsatz am Hindukusch als „Fiasko“, als „Kapitulation“. Andere weisen auf die Erfolge, Mädchen, die wieder zur Schule gehen können, die Terrorgruppe al-Qaida konnte zurückgeschlagen werden. Einig sind sich Experten darin, dass die Taliban immer stärker werden: Anschläge nehmen zu,.

Eine interne Bewertung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) von Anfang Mai listet mehrere Anschläge allein in den letzten Wochen. Darunter ein Universitätsdozent, der niedergeschossen wird. Eine Autobombe tötet 26 Zivilisten. Ein Angriff auf ein Energieunternehmen. Fast 30 Menschen sterben in nur zehn Tagen durch Landminen der Taliban.

Afghanistan: Bundesamt warnt vor „Zersplitterung“ des Landes

Die Analyse des Bamf warnt vor einer „Zersplitterung“ der Konfliktparteien und der „Gefahr eines zweiten Bürgerkriegs wie nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989“. Vor ein paar Wochen sterben 50 Menschen bei einem Anschlag auf eine Mädchenschule.

Und wer als Afghane im Nato-Camp ein- und ausgeht, gilt für die Taliban als „Kollaborateur mit den Besatzern“. So sagt es Nawid, so sehen es aber auch frühere Generäle der Bundeswehr und Politikwissenschaftler. „Die Taliban kennen mich, sie wissen wo ich wohne, sie wissen, dass ich Kinder habe“, sagt Nawid.

Bisher kann er sich darauf verlassen, dass die afghanischen Soldaten und die Nato-Truppen die Angriffe der Islamisten zurückhalten, so gut es noch geht. Bisher könnte er im Fall eines Überfalls auf Mazar-i-Sharif immer noch ins nahegelegene Nato-Camp fliehen. Doch was wird, wenn die Soldaten des Westens und ihr Kriegsgerät weg sind? Für Nawid ist die Antwort klar: „Erst werden sie mein Geld nehmen, dann werden sie mich töten.“

Kramp-Karrenbauer: „Tiefe Verpflichtung“ gegenüber den Ortskräften

Nawid ist Mitte 30, er sitzt vor einem Bildschirm in einem Raum im Nato-Camp in Masar-i-Sharif. Das Militärlager, das die Bundeswehr für die Nato betreibt, ist durch hohe Mauern, Wachposten und Drohnen geschützt. Es ist das Büro von Daniel Paulig, aus dem Nawid per Skype nach Deutschland telefonieren kann.

Paulig kommt aus Flensburg, arbeitet seit Jahren mit seiner Firma „Daniel Paulig Versorgungstechnik e.K.“ für die Bundeswehr. Er ist so etwas wie ein Hausmeisterdienst für die Nato-Truppen, liefert wichtiges Öl ins Lager, schließt Internetverträge ab, transportiert Lebensmittel. Paulig sagt, er könne die Arbeit ohne lokale Ortskräfte nicht leisten. Deshalb kam vor einigen Jahren Nawid ins Spiel. Doch nun sorgen sich beide um das Leben von Nawid und seiner Familie.

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Als der Abzug der Bundeswehr vor einigen Wochen beschlossen wird, kündigt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer an, man werde Menschen schützen, die „zum Teil über Jahre hinweg auch unter Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit an unserer Seite gearbeitet, auch mitgekämpft haben und ihren persönlichen Beitrag geleistet haben“. Die CDU-Politikerin empfinde es „als eine tiefe Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland, diese Menschen jetzt, wo wir das Land endgültig verlassen, nicht schutzlos zurückzulassen“.

Bundesregierung fühlt sich den afghanischen Helfern nicht verpflichtet

Doch für Nawid fühlt sich offenbar niemand in der Bundesregierung verpflichtet. Ob er nach Deutschland kommen kann, ist ungewiss. Nawid trägt in dem Video-Telefonat ein weißes Hemd, eine blaue Weste. Sein Nachname und ein Foto dürfen nicht in der Zeitung erscheinen, zu groß sei die Gefahr, dass Anhänger der Taliban ihn online entdecken. Auch in Deutschland hätten sie Anhänger. „Wir stehen ganz oben auf der Liste der Terroristen“, sagt Nawid.

Der Afghane und sein Chef Paulig sagen, die Bundesregierung hat die Afghanen eingeteilt, in „A-Afghanen“ und „B-Afghanen“. „Gruppe A“ seien Afghanen, die bei der Bundeswehr angestellt sind. Als Dolmetscher, als Fahrer, als Köche. 450 dieser Ortskräfte haben laut Medienberichten einen Antrag für ein „beschleunigtes Ortskräfteverfahren“ gestellt. Das sind 80 Prozent aller Ortskräfte der vergangenen zwei Jahre. Sie sollen über „Kontaktbüros“ der Bundesregierung in Kabul und Masar-i-Sharif ihre „Gefährdung“ für sich und Ehepartner und Kinder darlegen dürfen und sollen dann ein Visum für Deutschland erhalten.

Den Flug muss allerdings jeder selbst zahlen. Auch das ist laut Fachleuten ein Grund, weshalb viele Afghanen bei dem Aufnahmeprogramm der Verteidigungsministerin auf der Strecke bleiben werden.

Helfer der Nato: Für die Taliban ist es egal, ob sie festangestellt sind

„B-Afghanen“, wie Nawid sagt, sind nicht bei der Bundeswehr angestellt. Sie arbeiten selbstständig, meist in Verträgen für internationale und deutsche Firmen für die Nato-Truppen. So wie Nawid, der mit seiner eigenen afghanischen Firma für Daniel Paulig arbeitet. „Aber vor dem Tor des Nato-Camps unterscheiden die Taliban nicht, ob ich festangestellt bin bei der Bundeswehr oder für eine private Firma arbeite“, sagt Nawid. Er zeigt seinen Ausweis, den er immer trägt, wenn er in das Militärlager kommt. Das Nato-Emblem ist darauf abgebildet, sein Foto, sein Name. Für die Taliban sei das der Beweis dafür, dass er „Kollaborateur“ sei.

Nawid ist nicht der einzige Afghane, der für Paulig arbeitet. Doch es ist sein wichtigster Mann, sein engster Begleiter. „Wir sind wie eine Familie“, sagt Paulig. Er kennt Nawids Frau, die Kinder, sie lachen viel gemeinsam im Büro, auch wenn draußen der Krieg tobt. Krieg schweißt zusammen. Nicht nur die Soldaten im Camp. Auch deutsche Unternehmer – und ihre afghanischen Helfer.

Mehrere hundert Afghanen arbeiteten wohl privat für das Nato-Camp

Paulig schätzt, dass zu den mehreren hundert festangestellten Bundeswehr-Ortskräften noch einmal mehrere Hundert Afghanen dazukommen, die privat für die Versorgung im Nato-Camp gearbeitet haben. Genaue Zahlen gibt es nicht, auch die Bundeswehr kann sie auf Nachfrage nicht nennen. Fast 20 sind es bei Paulig, von denen vier in akuter Gefahr seien nach dem Abzug. Nawid beschäftigt allein 20 weitere Angestellte, die wie er regelmäßig ins Nato-Camp müssen, vor allem Fahrer, aber auch Einkäufer, Bürokräfte.

Auch bei anderen deutschen Unternehmern wächst die Sorge. Die die Firma „Xeless“ hat nach eigenen Angaben mehrere Dutzend Afghanen zeitgleich in den vergangenen Jahren beschäftigt. „Unsere Mitarbeiter in Afghanistan machen sich Sorgen in dieser Situation. Sie haben Angst um sich, vor allem um ihre Familien“, sagt Xeless-Geschäftsführer Ulrich Horsmann. „Sie stellen uns als Arbeitgeber auch Fragen: Was wird aus uns? Könnt ihr uns helfen?“

Schon mehrfach hat Horsmanns Firma Militärcamps gemeinsam mit den Truppen räumen müssen, auch US-Camps. „Mein Eindruck ist, dass die Amerikaner ihren afghanischen Mitarbeitern viel schneller und unbürokratischer helfen“, sagt Horsmann.

Als Nawid mit den Taliban verhandelt, bedrohen sie ihn

Spätestens seit dem Tag im Jahr 2018, als die Taliban den Lastwagen und den Fahrer entführen, wisse Nawid, dass er auf der Liste der Islamisten stehe. Damals wollen sie Geld, rufen ihn mehrfach an, schicken ihn in ein Haus im Stadtzentrum von Masar-i-Sharif zur Übergabe. Als Nawid mit den Entführern verhandeln will, hätten sie ihm gedroht, nennen die Namen seiner Kinder, den Ort, wo er lebe. Für Nawid ein unmissverständliches Signal.

Daniel Paulig und seine Frau Bente suchen seit Wochen Hilfe für Nawid und dessen Familie, beim Einsatzführungskommando, beim Auswärtigen Amt, bei Flüchtlingsorganisationen. Sogar beim Kanzleramt. Dort habe man Verständnis für die „große Unsicherheit“, sei aber „nicht zuständig“.

Die Bundeswehr-Verwaltung schreibt auf Nachfrage, dass der „Arbeitsvertrag“ der Ortskräfte alle Fragen zum Visum für Afghanen regele. Doch eben diesen Vertrag haben private Unternehmer wie Nawid nicht. Also: nicht zuständig. Beim Auswärtigen Amt ist die Antwort deutlich. Die „Mitarbeiter Ihrer Firma“ kämen „nicht für das Ortskräfteverfahren in Frage“, schreibt das Außenministerium auf Pauligs E-Mail. Das Bundesinnenministerium habe klargestellt, dass der „Kreis der Berechtigten nicht ausgeweitet“ werden könne.

Hilfe für Nawid: Unternehmer Paulig schreibt auch an Innenminister Seehofer

Die Pauligs wollen nicht aufgeben. Sie schreibt einen Brief an Flüchtlingshelfer. „Ich bitte sie daher unter Tränen und in völliger Verzweiflung, wir wissen nicht wie und was wir tun können, aber mit der Abreise aus Afghanistan ist diese Familie dem Tode geweiht.“ Er schreibt an Innenminister Seehofer, erklärt, er habe schon eine Wohnung und einen Arbeitsplatz bei einer befreundeten Elektriker-Firma in Deutschland organisiert, auch die Kosten für das Verfahren trage er. Eine Hoffnung hat Daniel Paulig noch: Er will den Pastor der Bundeswehr im Nato-Camp um Hilfe bitten.

Doch die Zeit bis zum Abzug der Truppen ist knapp, nur noch Wochen. So knapp, dass selbst hochrangige Politiker der Bundesregierung sich fragen, wie genau in der Kürze Asyl-Büros aufgebaut werden sollen, die sicher sind. Die Flüchtlingsorganisation IOM soll nach Informationen unserer Redaktion nun mit Personal und Büros helfen, wenn deutsche Soldaten schon ausgeflogen sind.

Wie schnell und wie stark Deutschlands afghanische Helfer in Lebensgefahr sind, wird davon abhängen, . Erst Anfang Mai haben die Islamisten eine neue Provinz im Norden erobert. Fachleute und ranghohe Regierungsmitglieder in Deutschland sind skeptisch, was die Durchhaltekraft der afghanischen Truppen angeht, halten auch einen neuen Bürgerkrieg oder die Machtübernahme für möglich. Offiziell äußern will sich derzeit niemand.

Grünen-Politikerin Amtsberg übt scharfe Kritik an der Bundesregierung

Die Kritik am Vorgehen der Bundesregierung mit den Ortskräften wächst. „Das bisherige Verfahren ist viel zu zeitintensiv, insbesondere seit die Kapazitäten des deutschen Kontingentes im Lande mit dem beginnenden Abzug Woche für Woche schwinden“, schreiben Wissenschaftler, aber auch ehemalige Bundeswehr-Generäle in einem Offenen Brief.

Seit 2013 wurden nach Zahlen des Verteidigungsministeriums knapp 800 Ortskräfte sowie deren Familien in Deutschland aufgenommen. Die allermeisten jedoch in den ersten Jahren des Programms. Zwischen 2014 und 2021 seien „gerade einmal 15 zusätzliche Aufnahmen hinzugekommen – trotz einer in diesem Zeitraum immer weiter sich verschlechternden Sicherheitslage“, kritisieren die Fachleute.

Auch die Opposition im Bundestag sieht Versäumnisse der Regierung. „Das Verfahren für gefährdete Ortskräfte liegt seit Jahren brach“, sagt die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen, Luise Amtsberg. Angesichts der „schon im Vorfeld eskalierenden Gefährdungslage“ wäre es „völlig unverantwortlich, die Ortskräfte über den Truppenabzug hinaus auf ihre Aufnahme warten zu lassen“, so Amtsberg.

Aus Sicht der Grünen-Politikerin sollten auch Mitarbeitende von privaten Firmen Zugang zu dem Aufnahmeprogramm der Bundesregierung bekommen. „Ohne die privaten Firmen könnte die Nato ihre Arbeit in Afghanistan nicht durchführen.“ Ohne Menschen wie Nawid.

Für Helfer wie Nawif war der Bundeswehreinsatz in Afghanistan auch eine große Chance

Der Afghane erzählt, dass seine Familie früher arm gewesen sei. Sie hatten kein Haus, zogen oft in Afghanistan um, je nachdem, wo der Vater etwas Geld verdiente, meist als Taxifahrer. Seine großen Brüder arbeiteten als Straßenverkäufer. Nawid aber habe immer viel lernen wollen, spricht heute fließend Englisch.

2007 hat ein Bekannter einen Job für ihn im Camp der internationalen Streitkräfte in Masar-i-Sharif. Er soll dort auf dem Markt einen Stand betreuen und putzen. 100 Dollar im Monat hat er verdient, sagt Nawid. Fasziniert habe ihn der erste 100-Dollar-Schein, den er in der Hand hielt. Nawid merkt, dass die internationalen Truppen mehr für Afghanistan bieten als nur Waffen.

Mit den Jahren im Nato-Camp wächst auch Nawids Unternehmen, anfangs verleiht er Pickup-Trucks und andere schwere Fahrzeuge, später baut er eine Logistikfirma auf. „Die Bundeswehr war eine Chance für mich. Da bin ich sehr dankbar.“

Afghanistan-Einsatz: Privatfirmen verdienten am Militär

Nawid verdient am Militär – in einem Land, das seit 40 Jahren kaum etwas anderes kennt als Gewalt. So gut, dass er seiner Familie ein großes Haus kauft, zwei Stockwerke. Er schickt Fotos von den schönen Sesseln, den edlen Vorhängen, dem Hof mit dem grünen Rasen, seinen drei Kindern.

Jetzt, wo das Militär wegzieht, wird sein Reichtum zum Risiko. Für die Taliban, sagt er, sei das große Haus ein Vorwand dafür, die Zusammenarbeit mit den Westmächten als „Kollaboration mit den Ungläubigen“ zu verfolgen. „Sie stellen mich da wie einen reichen Drogenhändler.“

Um seinen angestellten Fahrer aus der Geisel der Taliban zu befreien, habe Nawid damals Lösegeld zahlen müssen. Wie viel, will er nicht sagen. Immer wieder hätten die Taliban ihn gefragt, für wen er arbeite und für wen die Ware in dem Lastwagen bestimmt gewesen sei. Nawid sagt, die Taliban hätten es ohnehin gewusst, aber sie haben es von ihm hören wollen. „Hätte ich es zugegeben, hätten sie meinen Fahrer auf der Stelle getötet.“ Nach drei Monaten kam er frei.